Dresden - Rebellion. Was wussten wir DDR-Kinder Mitte/Ende der 80er schon, was Rebellion ist? Um das System scheisse zu finden, waren wir noch zu jung. Und dann kam die Musik, die wir eigentlich nicht hören durften. Dann kamen die Hosen, dann kam Alex. Wuchtig, brachial, rebellisch. Jetzt wussten wir es. Rebellion war, wenn zumindest die Eltern dagegen waren. TAG24-Redakteur Thomas Nahrendorf hat die alten Zeiten beim Konzert in der Dresdner Rinne noch einmal aufleben lassen.
Wir färbten uns die Haare blond, borgten uns das Action-Haarspray (der Geruch ist sofort wieder in der Nase) unserer Mitschülerinnen, nahmen zur Not Zuckerwasser oder gar Vaters kostbares Wernesgrüner, stylten unsere Haare.
Wir wollten so sein wie dieser Campino (64) aus dem Westen. Hier kommt Alex mit seiner Horrorshow.
Wir sind aufgewachsen mit den Toten Hosen, den Ärzten, sind mit ihnen und zusammen mit den Onkelz und Rammstein erwachsen geworden.
Jetzt wollen die Düsseldorfer aufhören. Trink aus, wir müssen gehen! Nicht doch, bleibt! Ihr seid doch mein Leben. Lebenslange Begleiter.
Konzertbesucher geraten bei den Toten Hosen in Dresden außer Rand und Band
Aber irgendwann endet halt alles. Doch jetzt noch nicht. Noch das eine Mal. Dresden, Rinne. 65.000 Menschen, viele eben in den 50ern, denken genauso. Noch einmal die Hosen. An Tagen wie diesen. Ein Fest, ein Rausch. Wieder 15 sein, wieder 30, wieder 40.
Eintauchen in Lieder, die Lebensmottos wurden. Die halfen, wenn du am Boden warst. Steh auf! Songs, die halfen, wenn Freunde für immer gingen oder die Liebe verstärkten, wenn du eh schon auf Wolke sieben warst.
Die Stimmung in der Rinne? Die Rettungssanitäter am Rand der Bühne tanzten Hand in Hand, die Meute davor war außer Rand und Band. Gute Laune! Es roch nach Pyro.
Bei "Auswärtsspiel" ging es ab wie in bester Dynamo-Manier. Campino, inzwischen ein Mittsechsziger, rannte wie wild über die Bühne, grüßte vom letzten Auftritt die Betreiber des Arnhold-Bads.
Vollgas! Auf beiden Seiten. "Altes Fieber", "Paradies", "Wannsee", "Liebeslied", "Bonnie & Clyde", "Alles aus Liebe", "Wünsch dir was" und eben "Hier kommt Alex". Rebellion!
Höhepunkt jagt Höhepunkt, pure Rebellion in der Rinne
Was war der Höhepunkt? Campinos Botschaft: "Wenn ihr auf einem Hosen-Konzert seid, dann seid ihr auf einem Anti-Nazi-Konzert. Seit 1982!" Oder "Nur zu Besuch" mit dem Gruß nach oben und reichlich Pippi in den Augen? "Heimstark"? "Kamikaze" mit 65.000 Handylichtern?
Stargast Rod (58) von den Ärzten mit "Stummer Schrei nach Liebe"? Oder doch der "Eisgekühlte Bommerlunder"? Die "Zehn kleinen Jägermeister"? Wahnsinn! Alles, Mann! Alles. Was für ein Abend!
Und am Ende noch eine Frage: Hosen, warum hört ihr auf? Warum? Wir wollen doch noch nicht austrinken. Wir rebellieren dagegen.