Absturz durch Long Covid: "Das Amt wollte mich zur Heilsarmee schicken"

Dresden - Zwar gilt die Corona-Pandemie weithin als überstanden. Doch das SARS-CoV-2-Virus treibt nach wie vor sein Unwesen und gibt Medizinern und Wissenschaftlern weiterhin Rätsel auf. So leiden, je nach Studienlage, zwischen zehn und 40 Prozent der an Corona Erkrankten noch Wochen und Monate - manchmal sogar chronisch darüber hinaus - an den Folgen der Krankheit. Man spricht vom Long bzw. Post Covid Syndrom. Wie sehr diese Krankheit das Leben aus der Bahn werfen kann, musste der Dresdner Michael Slezak (42) erleben. Er wurde fast obdachlos.

Michael Slezak (42) war so stolz, als er 2020 seinen Meister im Maßschneider-Handwerk absolvierte.
Michael Slezak (42) war so stolz, als er 2020 seinen Meister im Maßschneider-Handwerk absolvierte.  © Holm Helis

Erst spät fand Michael Slezak seine berufliche Erfüllung. Zunächst lernte er Bäcker, arbeitete dann einige Jahre als Paketzusteller, ehe mehrere Bandscheibenvorfälle ihn dazu bewegten, mit Ende 30 noch einmal ganz neu anzufangen.

Weil der gebürtige Thüringer es liebt, kreativ mit seinen Händen zu arbeiten, wurde er Maßschneidermeister und sein Beruf seine große Leidenschaft.

Doch dann stellte ein kleines Virus sein Leben abermals auf den Kopf. Im April dieses Jahres erkrankte Michael Slezak an Covid-19. Erst zwei Monate zuvor hatte er sich gegen das Virus impfen lassen.

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"Ich bin kein Impfskeptiker, aber ich glaube, die Impfung war ausschlaggebend, weil dadurch vielleicht mein Immunsystem geschwächt war", sagt er.

Das tückische Coronavirus sorgt bei zahlreichen Erkrankten für Langzeitfolgen.
Das tückische Coronavirus sorgt bei zahlreichen Erkrankten für Langzeitfolgen.  © 123RF/lightwise

"Irgendwann fing es an, dass ich keine Kraft mehr hatte"

Traurig blickt Michael Slezak (42) auf seine weggeräumten Schneiderpuppen. Wegen seiner Erkrankung kann er seit Monaten nicht mehr arbeiten.
Traurig blickt Michael Slezak (42) auf seine weggeräumten Schneiderpuppen. Wegen seiner Erkrankung kann er seit Monaten nicht mehr arbeiten.  © Holm Helis

Die akute Phase verlief bei ihm zunächst sehr mild. "Ich hatte etwa zwei Wochen lang ein Kratzen im Hals und ein paar Tage Geschmacks- und Geruchsverlust. Das war alles."

Als die Krankheit überwunden schien, zeigten sich plötzlich neue Symptome. "Irgendwann fing es an, dass ich keine Kraft mehr hatte, um arbeiten zu gehen oder für alltägliche Dinge wie Einkaufen, Waschen oder Kochen - und das fing mit dem Aufstehen an. Man quält sich jeden Tag", beschreibt er.

Experten bezeichnen dieses Krankheitsbild als Fatigue- oder Erschöpfungs-Syndrom, das häufig infolge einer Corona-Erkrankung auftritt.

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"Ich hatte dann sogar nochmal versucht zu arbeiten, aber ich habe es nicht geschafft. Ich muss ja schnell arbeiten, schnell denken und im Kopf rechnen. Das war alles weg. Ich schaff es momentan gar nicht mehr vom Kopf her, das Nachdenken und mir das Vorstellen", bedauert Michael Slezak und ist traurig: "Ich war noch mitten im Berufsleben. Ich war Feuer und Flamme für meinen Beruf. Jetzt steht alles im Keller, weil ich es nicht mehr sehen will."

Von seinem Arbeitgeber wurde er inzwischen gekündigt, auch sein Kleingewerbe gab der Maßschneidermeister vorerst auf. "Das zu akzeptieren, dass das jetzt der Ist-Zustand ist, fällt mir sehr schwer."

"Der hat sofort gesagt, es ist Long Covid"

Der Dresdner Michael Slezak (42) fühlt sich vom System im Stich gelassen: Ohne die Hilfe seiner Mutter wäre er abgerutscht und womöglich obdachlos geworden.
Der Dresdner Michael Slezak (42) fühlt sich vom System im Stich gelassen: Ohne die Hilfe seiner Mutter wäre er abgerutscht und womöglich obdachlos geworden.  © Holm Helis

Doch nicht nur mit der Krankheit musste der Dresdner plötzlich klarkommen. "Meine Hausärztin meinte, ich leide unter Depressionen und Burnout", schildert Michael Slezak den Beginn seiner Odyssee.

"Mein Körper hat aber ganz andere Signale gesendet. Mir schlafen die Hände und Beine ein, jeden Tag, jede Nacht. Die Waden kribbeln. Ich habe Probleme mit dem Gehen und mit dem Schlafen. Meine Ärztin wollte das aber nicht hören."

Eine Reha sollte helfen - gegen das Burnout und die Depression. "Danach wurde ich als arbeitsfähig entlassen. Doch meine eigentlichen Symptome wurden dort gar nicht behandelt. Ich konnte mich kaum auf den Beinen halten. Wie sollte ich da arbeiten gehen?", ärgert er sich noch heute.

"Da habe ich dann den Arzt gewechselt. Dem habe ich meine Symptome geschildert und der hat sofort gesagt, es ist Long Covid. Er hat mich dann in seinem Rahmen auf links gedreht, um auszuschließen, dass es nichts anderes ist", erzählt Slezak.

Das war im September. Doch anstatt sich nun auf seine Genesung konzentrieren zu können, gab es neuen Ärger. "Weil ich aus der Reha als arbeitsfähig entlassen wurde, stellte sich meine Krankenkasse auf die Hinterbeine und wollte die erneute Krankschreibung nicht akzeptieren", erklärt er.

"Ich möchte meinen Beruf nicht einfach aufgeben"

Die Folgen der Corona-Erkrankungen stürzten Michael Slezak (42) in die Armut. (Symbolbild)
Die Folgen der Corona-Erkrankungen stürzten Michael Slezak (42) in die Armut. (Symbolbild)  © 123rf/howtogoto

Damit ruhte auch die Fortzahlung des Krankengeldes. "Ich habe zwei Monate von nichts gelebt. Ich hatte auch keine Rücklagen. Da habe ich gemerkt, wie schnell man verhungern - denn auch die Tafel kostet Geld - oder obdachlos werden kann, weil ich die Miete nicht zahlen hätte können."

Auch bei den Behörden fühlte sich keiner für ihn zuständig. "Ich bin zum Sozialamt, um Grundsicherung zu beantragen, aber die haben alles abgelehnt und erklärt, dass das Jobcenter in der Pflicht wäre. Die haben mich wiederum abgelehnt, weil ich krankgeschrieben und damit unvermittelbar bin."

Verzweifelt erkundigte er sich bei der Unabhängigen Patientenberatung und der Verbraucherzentrale. "Aber die waren auch überfordert und konnten mir nicht helfen", sagt Michael Slezak.

"Beim Sozialamt hatte man mir dann noch empfohlen, zur Heilsarmee zu gehen. Das war schon sehr erniedrigend. Das sind alles Wege, die will man nicht gehen, wenn man noch vor einem halben Jahr sein eigenes Geld verdient hat."

Seine größte Stütze in dieser Zeit war seine Mutter, die allerdings in Thüringen lebt. "Wäre meine Mutter nicht gewesen, ich kann nicht sagen, was mit mir passiert wäre." Schließlich schaltete Michael Slezak einen Anwalt ein. "Der hat dann erreicht, dass das Krankengeld wieder gezahlt wird."

Doch damit sind seine Sorgen längst nicht vorbei. "Ich möchte meinen Beruf nicht einfach aufgeben", sagt er. So warte eine neue Anstellung am Theater in Görlitz auf ihn.

"Aber ich fühle mich alleingelassen bei der Suche nach geeigneten Behandlungen, weil es keine richtige Anlaufstelle gibt, auch nicht für finanzielle Unterstützung. Oder vielleicht habe ich sie auch nur noch nicht gefunden ..."

Titelfoto: Holm Helis

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