Antwort auf Heidenau-Beschluss: Stolpersteine am Hygiene-Museum erinnern an verfolgte Mitarbeiter

Dresden - In Heidenau beschloss der Stadtrat, die Verlegung weiterer Stolpersteine auf öffentlichen Straßen und Gehwegen abzulehnen. Für Dresdens Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch (49, Linke) ein "problematischer Beschluss". Dresden wolle ein Zeichen dagegen setzen - vor dem Hygiene-Museum wurden am Dienstag sieben neue Stolpersteine verlegt.

Vereins-Chefin Brigitte Lange (73) verteidigt die Idee der Stolpersteine.  © Eric Münch

Sie erinnern an Mitarbeiter und Förderer des Hauses, die nach der Nazi-Machtübernahme schikaniert und verfolgt wurden.

Das Museum entließ 1933 früh alle jüdischen Mitarbeiter, biederte sich an die neuen Machthaber an. Museums-Chefin Iris Edenheiser (48): "Das Deutsche Hygiene-Museum ist eine Täterinstitution, das dürfen wir nicht vergessen."

Die sieben neuen Stolpersteine plus "Kopfstein" mit erklärender Inschrift (Gesamtkosten: 1340 Euro, finanziert vom Museum) seien auch eine "Antwort" auf den Beschluss aus Heidenau. "Damit setzen wir bundesweit ein ganz wichtiges Zeichen", so auch Kulturbürgermeisterin Klepsch.

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In Heidenau hatte sich eine Stadtratsmehrheit auf Antrag von AfD, CDU und dem "Bündnis Oberelbe für mehr Demokratie" zuletzt gegen weitere Stolpersteine ausgesprochen.

Ihre Platzierung im Gehwegbereich führe "dazu, dass Passanten - bewusst oder unbewusst - über die Namen von Opfern hinweggehen oder sogar darüber treten". Das sei "nicht angemessen für ein würdevolles Erinnern", lautet die Begründung.

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Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch (49, Linke) findet den Heidenauer Stadtratsbeschluss "problematisch".  © Eric Münch
Das Deutsche Hygiene-Museum am 1. Mai 1933. Da waren jüdische Mitarbeiter bereits entlassen.  © Deutsche Fotothek

Seit 2009 wurden in Dresden über 400 Stolpersteine verlegt

In einer kleinen Gedenkstunde ließ das Hygiene-Museum gestern Stolpersteine auf dem Vorplatz einsetzen.  © Eric Münch

"Das ist doch genau der Hintergedanke von Stolpersteinen. Man wird eben auch auf dem Weg zum Bäcker daran erinnert, was vor 90 Jahren passiert ist", ärgert sich Brigitte Lange (73), Chefin des Vereins "Stolpersteine für Dresden", über die Entscheidung.

"Uns haben schon besorgte Anrufe aus Amerika erreicht, die gefragt haben, ob die Stolpersteine ihrer Angehörigen in Dresden sicher sind."

Seit 2009 wurden hier über 400 Stolpersteine verlegt. Laut Lange halten sich Vandalismus oder Proteste in Grenzen: Alle zwei Jahre müsse ein Stein ersetzt werden, ein paar Mal pro Jahr werde einer beschmiert.

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"Das sind Dumme-Jungs-Streiche. Wirklichen Widerstand gegen Stolpersteine erlebe ich in Dresden nicht."

Sieben Stolpersteine erinnern an Einzelschicksale. Der Stein ganz rechts ist Gipsbildhauer Richard Lommatzsch gewidmet - er war kein Jude, sondern wurde aus politischen Gründen schikaniert.  © Eric Münch

Die Schicksale hinter den Namen

Richard Lommatzsch (l., 1880–1944) arbeitete als Bildhauer im Museum, während Marta Fraenkel (1896–1976) dort Ausstellungen kuratierte.  © Deutsches Hygiene-Museum

Wer waren die Mitarbeiter des Museums, die in der NS-Zeit aus dem Beruf gedrängt, drangsaliert oder denunziert wurden - und an die seit Dienstag Stolpersteine erinnern?

Gipsbildhauer Richard Lommatzsch (1880–1944) aus Trachau ist einer von ihnen. Schon vor der offiziellen Museumsgründung 1912 arbeitete er für das Museum, wurde dann angestellt. Er war Vater, SPD-Mitglied, galt als gesellig. Ausgerechnet bei der Hochzeit seiner Tochter im November 1933 wurde er erstmals verhaftet: Ein Gast hatte einen Witz über den Gauleiter erzählt, die Polizei hörte zufällig unter dem offenen Fenster mit.

1943 kam Lommatzsch erneut in Haft, nachdem er vor Kollegen eine spitze Bemerkung gemacht hatte. Dort wurde er gefoltert, knapp ein Jahr später starb er an den Folgen.

Die approbierte Ärztin Marta Fraenkel (1896–1976) kam 1928 nach Dresden, um die II. Internationale Hygiene-Ausstellung vorzubereiten. Sie hatte vorher schon Erfahrung mit der "Großen Ausstellung für Gesundheitspflege, soziale Fürsorge und Leibesübungen" (1926) in Düsseldorf gesammelt, doch hier machte sie Karriere. Bis sie wegen ihrer jüdischen Herkunft 1933 ihre Stelle verlor. Nach ihrer Auswanderung im Januar 1935 kehrte sie nie wieder nach Dresden zurück.

Nur zwei von vielen Schicksalen: Auch an Eugen Emanuel Galewsky (1864–1935), Otto Neustätter (1871–1943), Felix Popper (1858–1937), Walter Weisbach (1889–1962) und Julius Ferdinand Wollf (1871–1942) gedenken Stolpersteine. Sie alle hatten sich ums Museum verdient gemacht - und wurden von den Nazis als Juden verfolgt

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