Dresden - Mensch oder Klischee? Wer Obdachlose sieht, fällt meist im Vorbeigehen ein schnelles Urteil. Das wird den Besuchern des Dresdner Hauptbahnhofs nun schwerer fallen: Hier schauen die Obdachlosen zurück – als Schwarz-Weiß-Porträts.
"Du im Spiegel"! heißt die Kunstaktion, bei der 40 Porträts obdachloser Menschen auf sechs Stellagen unter der gläsernen Bahnhofskuppel ausgestellt sind. Die Bilder sind im Alltag entstanden.
"Vier von ihnen sind bereits tot, die anderen leben in den Notunterkünften oder irgendwo im Dresdner Orbit", berichtet Sozialarbeiterin Nadja Henschel (42) aus dem Übergangswohnheim "Kipsdorfer Straße".
Der Bahnhof sei für die Aktion gewählt worden, "weil es ein Ort ist, an dem alle ankommen, aber niemand bleibt".
Gerade am Bahnhof finden jeden Augenblick Begegnungen statt, in denen schnell ein Urteil gefällt wird: "Aber das Leben und die Biographien der Menschen sind komplexer als Trinksucht, Geldmangel und schlechte Entscheidungen."
Einer der Obdachlosen, dessen Porträt zu sehen ist, ist Matthias Gebhardt (60).
Der gebürtige Hallenser lebt seit 1985 in Dresden. Er arbeitete, bis sein Körper nicht mehr mitmachte, als Instandhaltungsmechaniker. Seit drei Jahren ist er obdachlos und in der Notunterkunft "Zur Wetterwarte" untergekommen: "Das Leben spielt einem halt manchmal solche Streiche."
Ausstellung im Dresdner Hauptbahnhof stimmt nachdenklich: "Was sehen wir auf die Schnelle eigentlich, den Menschen oder das Klischee?"
Auch Stadträtin Julia Hartl (40, SPD) glaubt, die bildliche Konfrontation könne Besucher sensibilisieren.
Der Titel der Kunstaktion "Du im Spiegel" sei dabei treffend: "Denn was sehen wir auf die Schnelle eigentlich, den Menschen oder das Klischee?"
Die Ausstellung (läuft bis 25. September) ist Auftakt einer bundesweiten Aktionswoche für wohnungslose Menschen, die am Freitag startet.
Unter dem Motto "Hinschauen. Aktiv werden. Gemeinsam gegen Wohnungsnot" soll deutschlandweit auf die Situation Obdachloser hingewiesen werden.