Dresden - Er ist wieder da und wie! Simon Wulff (25) sprintete einen Tag nach dem Ablauf seiner Doping-Sperre (7. September) bei einem Meeting in Italien die 100 Meter in 10,14 Sekunden. Zum Vergleich: Beim Goldenen Oval 2024 lief der Coswiger 10,06 Sekunden und zauberte seinem Bob-Piloten Francesco Friedrich (36) ein breites Grinsen ins Gesicht.
Bis zum 7. Dezember 2024 lief alles nach Plan. Erster Zweier-Start beim Heim-Rennen in Altenberg, erster Sieg, Top-Anschubzeiten. Doch bei der Dopingkontrolle wurde 4-Methylhexan-2-amin (Methylhexanamin) entdeckt.
Bis heute ist nicht klar, wie es in Wulffs Körper kam. Selbst die NADA schrieb in der Urteilsbegründung zur Sperre:
"Es gibt zwar keine Anzeichen dafür, dass der Athlet, der sich während des Verfahrens kooperativ verhielt, den Verstoß gegen die Anti-Doping-Bestimmungen vorsätzlich begangen hat - doch war er trotz erheblicher Bemühungen nicht in der Lage, die Quelle der in seiner Probe nachgewiesenen verbotenen Substanz zu ermitteln."
Unaufgeregt, klar fokussiert, keine Verbitterung - so stellt sich Wulff jetzt den Fragen nach seinem Comeback. Sieht es innerlich anders aus?
"Es hat eine Zeit lang gedauert", gesteht der 25-Jährige. Anfangs sei es ein "Kampf gegen dieses Ungewisse" gewesen. "Man weiß nicht, wogegen geht man gerade an. Ich hatte keine Chance, dagegen anzugehen." An dem Punkt verstand Wulff, er muss "das einfach akzeptieren".
Simon Wulffs harter Weg zurück: Jobben beim Bowling, Training alleine
Er ging Kellnern, jobbte beim Bowling und trainierte. Allein! Ohne Trainer, ohne Trainingskollegen. "Man hat es irgendwie gemacht", so der Sprinter, der nicht mal auf einer geförderten Anlage trainieren konnte. "Damit schließt sich fast alles aus."
Und trotzdem meldete sich der Sachse beeindruckend zurück, hat verbesserte Kraftwerte. "Die Vorfreude, dass ich wieder Wettkämpfe machen kann, war riesig. Ich wusste, ich komme auf ein relativ gutes Level, bin schnell", so Wulff im Nachgang des 100-Meter-Rennens in Italien.
Nachdem der Plan mit den Winterspielen in Cortina und Gold mit Bob-Pilot Friedrich geplatzt war, heißt jetzt das nächste große Ziel: "Los Angeles!"
Bei den Olympischen Sommerspielen in zwei Jahren sieht sich der Sprinter, der in Leverkusen trainiert, nicht nur in der 4x100-Meter-Staffel.
"Ich will mich auch über 100 Meter qualifizieren. Bin auf einem höheren Level, als ich damals rausgegangen bin." Er sieht sich "als Rennpferd" und die Zeit in den vergangenen Monaten als "kein Zuckerschlecken".
Der Anschieber will als Sprinter durchstarten und bleibt zugleich dem Bobsport treu
Gleichzeitig bleibt er dem Bobsport treu. Am 22. Oktober beginnt die Eis-Saison in Altenberg mit der Trainingswoche. Ende November geht die Weltcup-Saison im Kohlgrund los. Fluch oder Segen, dass es ausgerechnet am Ort der positiven Probe wieder losgeht?
"Ich bin hundertprozentig sicher: Das wird nicht nur dieses Jahr so sein, wahrscheinlich den Rest meiner Karriere. Es wird immer einen kleinen Zusatz zu meinem Namen geben - der Typ erreicht seine Leistung nicht dadurch, dass er gut im Training ist, ehrgeizig und viel Talent mitbringt", so Wulff ehrlich.
"Sondern, dass er irgendwas im Körper hatte, was nicht sein sollte. Ich glaube, so wird man schon relativ schnell abgestempelt."
Was die Leute glauben, sei aber nicht sein Problem. Mit guten, ehrlichen Leistungen will er Friedrich zum Erfolg anschieben - im norwegischen Lillehammer 2027 bei der WM, bis zu den Spielen 2030 im französischen La Plagne.
Den Menschen, die in der schweren Zeit hinter ihm standen, will er durch Leistung etwas zurückzahlen. Für seinen Piloten hat er eine "große Loyalität".
Auch im Team herrsche eine gute Harmonie. Mit dem zweifachen Olympiasieger Georg Fleischhauer kämpft Wulff um den WM-Startplatz im Zweier: "Es tut uns nicht schlecht oder nicht weh, wenn wir uns gegenseitig pushen. Es gibt keine Streitpunkte. Im besten Fall sitzen wir jede Woche beide auf dem Vierer."