"Du hast mein Leben gefickt!": Zeuge belastet Angeklagten in Hamburger Totschlagprozess schwer

Hamburg - Ein heute 43-Jähriger muss sich seit Ende April wegen Totschlags vor dem Hamburger Landgericht verantworten. Vor zehn Jahren soll der Angeklagte seine Geliebte erwürgt und dann ihre Leiche im Ernst-August-Kanal in Hamburg entsorgt haben. Die Anklage stützt sich vor allem auf die Aussage eines Zeugen, der am heutigen Dienstag schwere Vorwürfe gegen seinen ehemaligen Freund erhob.

Der Angeklagte (43, hinter dem orangefarbenen Ordner) beim Prozessauftakt Ende April in Hamburg.
Der Angeklagte (43, hinter dem orangefarbenen Ordner) beim Prozessauftakt Ende April in Hamburg.  © Madita Eggers/TAG24

Zunächst erklärte der 34-jährige Hauptzeuge am Dienstag ganz sachlich, wie er den Angeklagten in einem Café in Hamburg–Wilhelmsburg kennengelernt hatte. Dort habe der Bulgare direkt nach seiner Ankunft in Deutschland (zwischen 2010 und 2011) Arbeit als "eine Art Security" gefunden.

Der mutmaßliche Täter sei oft abends mit einer "kaputten Stimmung" in das Geschäft gekommen und habe Geld an den dort aufgestellten Automaten verspielt. Zudem sei er ein guter Freund der Inhaber des Cafés gewesen.

Durch seine "gute Arbeit" habe der Zeuge in sehr kurzer Zeit das Vertrauen von seinem Chef, aber auch vom Angeklagten gewonnen. Deshalb soll dieser ihn gefragt haben, ob er nicht auch für ihn als Bodyguard und Fahrer arbeiten will.

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Gemeinsam hätten sie dann "Bars und Puffs" besucht - der Angeklagte habe das Nachtleben geliebt - und seien "Freunde" geworden.

Der mutmaßliche Täter soll ein Bordell geführt haben

Am 15. Januar 2023 hatte ein Angler im Ernst-August-Kanal in Hamburg Leichenteile gefunden. Kurz darauf tauchten Polizeitaucher nach weiteren Teilen. Die Leiche wurde später als das 28-jährige Opfer identifiziert.
Am 15. Januar 2023 hatte ein Angler im Ernst-August-Kanal in Hamburg Leichenteile gefunden. Kurz darauf tauchten Polizeitaucher nach weiteren Teilen. Die Leiche wurde später als das 28-jährige Opfer identifiziert.  © Bodo Marks/Bodo Marks/dpa

Irgendwann habe der Angeklagte dem Zeugen dann genug vertraut, um ihm sein "privates Leben" zu zeigen. Eine Umschreibung für ein illegal betriebenes Bordell, in dem seine damalige Freundin und das spätere Opfer an der Kasse gearbeitet haben soll.

"Diese Seite kennt keiner von mir", soll der heute 43-Jährige damals zu dem Zeugen gesagt und ihm gedroht haben, seine "Nachfahren zu vernichten", wenn er etwas verraten sollte.

Das "Mädchen an der Kasse" habe der Zeuge selbst nur ein-, zweimal gesehen. Zumindest lebend. In dem genannten Café soll das Gerücht kursiert sein, die damals 28-Jährige sei "verrückt".

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Kurz vor ihrem Verschwinden will der heute 34-Jährige Zeuge eines Streites zwischen dem Opfer und dem mutmaßlichen Täter geworden sein.

"Sie hat ihn angeschrien und gesagt, sie wird seiner Familie alles verraten", so der Zeuge am Dienstag.

Der Zeuge hielt den Mord zunächst für einen Scherz

Im Kanal gefundene Teile wurden von Spezialisten der Hamburger Polizei in Tüten verpackt und für den Abtransport bereitgestellt.
Im Kanal gefundene Teile wurden von Spezialisten der Hamburger Polizei in Tüten verpackt und für den Abtransport bereitgestellt.  © Bodo Marks/Bodo Marks/dpa

Kurz darauf sei er in das Café bestellt worden, wo der Angeklagte mit einem anderen Mann im Büro gesessen habe. Der Beschuldigte solle hierbei "aufgewühlt" gewirkt haben.

Der gelernte Automechaniker soll dann gestanden haben, seine Freundin aus Angst, dass diese seiner Familie etwas von dem Bordell erzählt, erwürgt zu haben. Dem Geständnis soll eine Bitte um Mithilfe bei der Entsorgung der Leiche gefolgt sein.

Der Zeuge habe die Situation zunächst für einen Scherz gehalten. Es wäre zuvor schon öfter vorgekommen, dass er von seinen Chefs getestet worden sei, wie sehr sie ihm vertrauen können.

Doch dann soll der Angeklagte ihn für den Transport der Leiche um sein Auto gebeten haben. Aus Angst um sein eigenes Leben habe er sich einem "Kumpel" anvertraut und gesagt, wenn er in einer Stunde nicht wieder da ist, soll er den mutmaßlichen Mörder fragen, was mit ihm passiert ist.

Nachdem die beiden Männer die Leiche in das Auto des Zeugen geladen hätten, habe dieser seinen ehemaligen Freund mit der Mitwisserschaft seines Kumpels konfrontiert. Woraufhin der Angeklagte ihn panisch wieder zurück ins Café gefahren hätte.

Zuvor soll er die Leiche seiner Geliebten noch in einem "Gebüsch" versteckt haben. Was danach mit ihrem Körper geschah, wusste der Zeuge nicht.

Der Angeklagte soll seine Geliebte erwürgt haben

Der Zeuge habe an ihrer Leiche aber einen Zettel mit der Aufschrift "Wenn mir etwas passiert, war es C*****" und ein Handy gefunden. Letzteres habe er eingesteckt und später als Druckmittel verwendet, da der Angeklagte wieder gedroht haben soll, seine Familie zu "vernichten". Später habe er es ihm aber doch zurückgegeben, warum genau, wurde aus seiner Aussage von Dienstag nicht ersichtlich.

Nach dem Ereignis soll der Angeklagte den Zeugen erneut gebeten haben, etwas für ihn zu erledigen. Doch statt jemanden zu erpressen habe der Bulgare seinen ehemaligen Chef bei den Inhabern des Cafés angeschwärzt, woraufhin diese ihm zur Flucht verholfen haben sollen.

Zehn Jahre habe sich der Zeuge vor dem Angeklagten und "seinen Leuten" in zahlreichen europäischen Ländern versteckt. Er sei ständiger Angst und Psychoterror ausgesetzt gewesen: Von mehreren Quellen habe er erfahren, dass der Angeklagte ihn umbringen wolle. "Du hast mein Leben gefickt", warf der Zeuge dem Angeklagten in einem emotionalen Ausbruch am Dienstag vor.

Am Donnerstag wird der Prozess mit der Befragung des Zeugen fortgesetzt.

Titelfoto: Madita Eggers/TAG24

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