Als Kind vergewaltigt – Staatsanwältin bringt eigenen Stiefvater nach 30 Jahren vor Gericht
Leipzig - Als Kind konnte sie sich nicht gegen ihn wehren. Immer wieder soll ein Unternehmer aus dem Muldental seine minderjährige Stieftochter vergewaltigt haben. Inzwischen ist aus dem Mädchen von einst eine erfolgreiche Staatsanwältin geworden. Nach mehr als einem Vierteljahrhundert sitzen sich beide nun vor Gericht gegenüber.
Frank S. (66) ist auch im Seniorenalter noch ein Hüne - groß, kräftig, Hände wie Tellereisen. In seinem Dorf bei Grimma ist der Metallbau-Unternehmer ein geachteter Mann, der großzügig den örtlichen Heimatverein unterstützt.
Doch offenbar hat der im Gemeindeblatt gewürdigte Wohltäter auch eine tiefschwarze Seite. Und die soll er in den 1990er-Jahren in seinem schmucken Eigenheim an seiner 1983 geborenen Stieftochter Marie* ausgelebt haben. Die Anklage listet exemplarisch sechs Fälle heftigster Vergewaltigungen einer Minderjährigen auf.
Das Besondere: Das Opfer von einst ist heute selbst Staatsanwältin. Jahrzehntelang lastete das schreckliche Geheimnis auf ihrer Seele, verzichtete sie um des Familienfriedens willen auf eine strafrechtliche Aufarbeitung ihrer eigenen Geschichte.
Doch dann, im Juni 2022, kam der Zusammenbruch, wie Marie am Mittwoch unter Tränen im Zeugenstand berichtete. Die Juristin musste von ihren eigenen Töchtern erfahren, dass sich ihr alter Peiniger auch ihnen unsittlich genähert hatte. Nach mehr als einem Vierteljahrhundert erstattete die heute 42-Jährige nun doch Anzeige gegen den übergriffigen Familienpatriarchen.
Ein- bis zweimal pro Woche kam er zu seiner "Püppi" ins Bett
Für ihn sei sie die "Püppi" gewesen, berichtete Marie vor Gericht. Seit sie in der fünften Klasse war, habe sich der Stiefvater immer wieder zu ihr ins Bett gelegt. Zuerst waren es nur seine fleischigen Finger, die in ihre Scheide eindrangen. Später sei es ein- bis zweimal wöchentlich zum Geschlechtsverkehr gekommen - zuerst ungeschützt, später mit Kondom.
"Ich wollte das nicht, aber er hat sich mit seinem ganzen Gewicht auf mich gelegt und mir die Beine auseinander gedrückt", erzählte sie unter Tränen, während der Angeklagte drei Meter entfernt mit vor der Brust verschränkten Armen und versteinerter Miene zuhörte.
Manchmal sei es noch brutaler zugegangen, habe sie der Stiefvater mit seinen Pranken an den Oberarmen festgehalten oder am Unterkiefer gepackt.
Als einmal ihre Regel ausblieb, habe ihr der Angeklagte einen Schwangerschaftstest besorgt. Und ihre Mutter? Habe sie nicht geschützt, weggeschaut und sich vom Patriarchen beschwichtigen lassen. "Die hat in der Schule Probleme, ich kläre das mit ihr", soll Frank S. seiner Frau einmal zugerufen haben, als diese den Angeklagten bei der nach einer Vergewaltigung völlig verweinten Stieftochter am Bett sitzen sah.
Angeklagter will sich wortlos verteidigen
Als seine "Püppi" später ihren ersten Freund hatte, soll das Verhalten des Stiefvaters in pure Aggression und Gewalt umgeschlagen sein. Im Zeugenstand berichtete die heutige Juristin von brutalen Schlägen ins Gesicht. Im Fall ihrer eigenen Geschichte sitzt Marie nicht als Staatsanwältin, sondern als Zeugin und Nebenklägerin im Prozess.
Der Angeklagte selbst blieb am Mittwoch wortlos. Er wolle sich schweigend verteidigen, erklärte sein Anwalt Stefan Costabel. Der Prozess wird fortgesetzt.
*Name geändert
Titelfoto: Bildmontage: 123RF, Ralf Seegers

