Sind Braunäugige besser? Polizei, Bundeswehr und Schulen besuchen umstrittenes Rassismus-Projekt

Duisburg/Köln – Präventionsarbeit ist in vielen Bereichen wichtig. Auch in Sachen Rassismus. Das Unternehmen "Diversity Works" aus Duisburg setzt genau da an und gibt Kurse an Schulen und anderen Einrichtungen. Auch Bundeswehr und Polizei nahmen teil. Trotz Kritik.

In dem Workshop "Blue Eyed" sind braunäugige Menschen den Blauäugigen überlegen und dürfen über sie bestimmen.
In dem Workshop "Blue Eyed" sind braunäugige Menschen den Blauäugigen überlegen und dürfen über sie bestimmen.  © 123RF/olga_sweet

Selbst im Jahre 2021 sind Rassismus und Diskriminierung noch immer allgegenwärtig.
Allerdings gibt es immer mehr Menschen, die diese Ausgrenzung nicht akzeptieren und sich für die Betroffenen einsetzen – oder eben direkt Präventionsarbeit leisten.

Erst kürzlich fand ein sogenannter "Blue Eyed"-Workshop (deutsch: Blauäugigen-Workshop) von "Diversity Works" an einer Schule in Köln-Kalk statt.

Der Stadtteil steht für Integration, denn viele dort lebende Menschen haben einen Migrationshintergrund. Wie der "Kölner Stadtanzeiger" Anfang Juli berichtete, setzten sich Schüler des Kaiserin-Theophanu-Gymnasiums für diesen Workshop ein und holten Coach Jürgen Schlicher an die Schule.

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Die Schüler wurden in zwei voneinander getrennte Gruppen eingeteilt: die Braunäugigen und die Blauäugigen.

In diesem Szenario sind die Braunäugigen die überlegene Gruppe und dürfen die Blauäugigen unterdrücken. Ihnen werden Attribute zugeschrieben, die in "dieser Gesellschaft Nicht-Weiße, Nicht-Christen und Menschen mit Einwanderungsgeschichte" oftmals aufgedrückt bekommen. So beschreibt es Schlicher auf seiner Website.

ZDF geht Rassismus auf den Grund: "Blue Eyed"-Workshop wird gezeigt

Durchführung der Coachings auch bei Bundeswehr und Polizei

Soldaten des Panzergrenadierbataillons (hier im sächsischem Marienberg) in Brandenburg nahmen an dem Training teil.
Soldaten des Panzergrenadierbataillons (hier im sächsischem Marienberg) in Brandenburg nahmen an dem Training teil.  © Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/dpa

Wie das ZDF bereits in der Reportage "Der Rassist in uns" berichtete, geht Schlicher in seinen Coachings sehr weit: Blauäugige Teilnehmer werden bedrängt, ausgegrenzt, auf unbequeme Stühle in die Mitte des Raumes gesetzt oder müssen rassistische Sprüche vorlesen, in denen sie erniedrigt werden. "Kennst du einen Blauäugigen, kennst du alle", lautet zum Beispiel einer der Sprüche. Das alles, während die Braunäugigen oft auf höher liegenden Podesten sitzen und zuschauen dürfen.

Wie "Bild" nun auf eigene Nachfrage erfahren haben soll, wurde der Workshop bereits nicht nur etwa 412 Mal durchgeführt, sondern auch bei Bundeswehr und Polizei ausgerichtet. Bei einem der Panzergrenadierbataillons aus Brandenburg begründete man die Durchführung der Workshops mit der "politischen Bildung", die wichtig in der "Führungskultur der Bundeswehr" sei.

Man möchte "Soldaten in die Lage versetzen, für die im Grundgesetz ausformulierten Grund- und Menschenrechte bewusst einzutreten", sagte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums.

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Schleswig-Holstein und Hessen führten das Training während der Polizei-Ausbildung durch. Auch dort sei das Coaching ein wichtiger Bestandteil im Bereich "interkultureller Kompetenz".

"Bild" hakte genauer nach, denn die Workshops, die ursprünglich aus den USA kommen und 1968 von der Grundschullehrerin Jane Elliott (87) entwickelt wurden, werden von Kritikern oft als zweifelhaft eingestuft.

Anti-Rassimus-Training wird kritisiert

Der Angriff eines Polizisten auf den 46 Jahre alten Afroamerikaner George Floyd, der dadurch verstarb, brachte das Thema Rassismus unter dem Motto "Black Lives Matter" erneut auf die Agenda.
Der Angriff eines Polizisten auf den 46 Jahre alten Afroamerikaner George Floyd, der dadurch verstarb, brachte das Thema Rassismus unter dem Motto "Black Lives Matter" erneut auf die Agenda.  © Paul White/AP/dpa

So könne es zu einem Machtmissbrauch kommen, der den beiden verschiedenen Gruppen ein falsches Bild von Rassismus vermitteln könne. Nicht nur die Teilnehmer, sondern auch der Kursgeber würde seine Macht schamlos ausnutzen und Teilnehmer vor ein Dilemma stellen: "Entweder sie erdulden die Verletzungen elementarer Sittlichkeit zugunsten der gemeinsamen Lernerfahrung oder sie wehren sich dagegen und stellen so die gemeinsame Übereinkunft zur Teilnahme an einem Anti-Rassismus-Training infrage".

Davon berichtete vor einigen Jahren bereits Erziehungswissenschaftler Mark Schrödter in einer wissenschaftlichen Arbeit. Außerdem könne man in ein paar Stunden nicht erfahrbar machen, wie sich Rassismus wirklich anfühlen würde. Pädagogisch wertvoll sieht für viele Erzieher anders aus.

Den Kölner Schülern scheint es allerdings gefallen zu haben und die Schule wirbt mit einer erfolgreichen Kursteilnahme. Sie gehen reflektierter aus dem Kurs heraus, auch wenn sie sich während des Trainings teilweise schuldig und minderwertig fühlten.

Das gesellschaftliche Problem würde ihrer Meinung nach jedoch viel mehr in den Vordergrund rücken und die Schüler wollen in Zukunft weniger gleichgültig durchs Leben laufen und in Situationen helfen, wenn sie können.

"Bild" berichtete darüber hinaus, dass die Bezirksregierung Köln in einen kritischen Dialog mit der Schule treten möchte. Das nordrhein-westfälische Schulministerium möchte "die Maßnahmen kritisch überprüfen", denn solche Kursinhalte müssten nach eigenen Angaben gut vor- und nachbereitet werden.

Titelfoto: 123RF/olga_sweet

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