Von Magdalena Henkel und Martin Oversohl
Todtmoos/Bad Lippspringe - Vor sechs Jahren verschwindet Scarlett Salice im Südschwarzwald. Einfach so. Auf einer scheinbar überschaubaren Wanderung, ohne Abschied, ohne Spuren, aber mit vielen Fragen, Hoffnungen und Enttäuschungen.
Seitdem lässt der Fall viele Menschen nicht los. Am vergangenen Wochenende erst suchten Mitglieder der Facebook-Gruppe "Bitte findet Scarlett" und der Organisation "Finderwille" mit Spürhunden einen Teil der Region ab, in der sie die junge Frau zuletzt vermuteten.
Aber warum hat gerade dieser Fall eine solche Sogwirkung? Was treibt Suchende auch nach sechs Jahren noch an?
Besonders sichtbar wird die anhaltende Verbundenheit zum Fall bei Menschen, die sich immer wieder selbst an solchen Suchen beteiligen. "Es ist kein Hobby, sondern eine Herzensangelegenheit", sagt Andreas Asal von "Bitte findet Scarlett". Ihm sei bewusst, dass die Helfer "die Nadel im Heuhaufen" suchten. Nach einer Suchaktion ohne Ergebnis wieder nach Hause zu fahren, sei natürlich frustrierend.
"Aber dann schütteln wir uns und machen weiter." Solange die junge Frau aus dem ostwestfälischen Bad Lippspringe nicht gefunden werde, sei die Aufgabe nicht erfüllt.
Die Suche als Gemeinschaft
Asal selbst kommt aus Schönau im Schwarzwald und war nach eigenen Angaben in den sechs Jahren rund 120-mal vor Ort. Aus ganz Baden-Württemberg kämen Menschen zu den Touren über Stock und Stein zusammen. "In der Gruppe ist eine tolle Gemeinschaft entstanden - aus Fremden sind Freunde geworden", sagt Asal. Ans Aufhören dächten die Helfer aktuell nicht.
Die Facebook-Gruppe wurde kurz nach dem Verschwinden der jungen Frau gegründet. Bis heute durchkämmen ihre Mitglieder Wege, Hänge und Waldstücke. Sie suchen in erreichbaren Felsspalten, hohlen Bäumen, im Gestrüpp und im Unterholz am Wegesrand. Hunderte Kilometer haben sie nach eigenen Angaben bereits abgesucht und auf Karten dokumentiert.
Sechs Jahre erfolgloses Suchen. Und immer wieder ein neuer Anlauf, eine neue Hoffnung. Den einen Grund für eine solch anhaltende Beteiligung an einem Fall gibt es nicht, sagt der Psychologe André Ilcin vom Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP). Es sei ein Mix aus verschiedenen Motiven.
Einige könnten sich aus Mitgefühl an der zeitaufwendigen Suche beteiligen. Andere hätten vielleicht einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Sie wollten helfen, eine unübersichtliche Situation zu klären, und suchten dabei auch Anerkennung.
Viele kennen die Situation
Psychologin Benita Zimmer hebt bei dem Fall zudem die Alltäglichkeit der Ausgangssituation hervor. Eine junge Frau sei schlicht wandern gegangen - eine Situation, mit der sich einige identifizieren könnten. "Viele Menschen wandern, kennen den Schwarzwald oder ähnliche Regionen. Dadurch kann schnell der Gedanke entstehen: 'Dort könnte ich auch unterwegs sein'", sagt Zimmer.
Hinzu komme die bis heute ungeklärte Frage, was mit Scarlett geschehen sei. Solche offenen Fragen hielten das Interesse besonders lange wach, weil Menschen das Bedürfnis hätten, unvollständige Informationen zu vervollständigen, sagt Zimmer. Auch das Engagement der Helfer lasse sich so erklären: Wer sich an der Suche beteilige, wechsle von einer passiven in eine aktive Rolle. Aus Betroffenheit werde der Wunsch, etwas beizutragen.
Am vergangenen Wochenende war auch Bianca Lodholz aus Ihringen am Kaiserstuhl dabei: "Ich helfe beim Suchen, weil es für mich eine schreckliche Vorstellung ist, wenn jemand nicht weiß, wo seine Tochter hingekommen ist. Das könnte auch mein Kind sein", sagte sie der "Badischen Zeitung". Die Mutter zweier Kinder im Alter von acht und elf Jahren hat schon mehrfach nach Scarlett gesucht - erfolglos.
Scarlett Salice war am 10. September 2020 im Alter von 26 Jahren zur letzten Etappe ihrer Wanderung auf dem Schluchtensteig im Südschwarzwald aufgebrochen. Zuletzt wurde sie auf den Überwachungsaufnahmen eines Supermarkts in Todtmoos gesehen. Bis heute gibt es keinen bestätigten Hinweis darauf, was mit ihr geschehen ist. Und die Suchen werden weitergehen.