Von Andreas Tappert
Leipzig - Lange war es offen, doch seit Mittwoch steht es fest: Wolfram Günther (53) geht für die Grünen ins Rennen um den Leipziger Oberbürgermeistersessel.
Der 53-jährige Rechtsanwalt ist einziger Bewerber für die Nominierung auf der Mitgliederversammlung am 8. September. "Mein Anspruch ist es, diese Wahl zu gewinnen", erklärt er im Gespräch mit TAG24.
Der gebürtige Leipziger aus Schönefeld war 1988 als 15-jähriger Schüler bei den Friedensgebeten und den Leipziger Montagsdemonstrationen dabei. "Die Braunkohlebagger fraßen sich in den Auwald, die Stadt versank im Smog und die Pleiße war zu einer Kloake geworden", erinnert er sich. "Trotzdem feierten sich die Mächtigen. Mich hat diese Verlogenheit empört."
Nach Lehre als Bankkaufmann und Jurastudium gründete er als Volljurist in Leipzig eine Anwaltskanzlei für Umweltrecht. Auch Kunstgeschichte, Kulturwissenschaft und Philosophie studierte er mit Abschluss.
2019 wurde Günther Vize-Ministerpräsident und Umweltminister in Sachsen. Heute ist er Landtagsabgeordneter der Grünen, verheiratet und hat sechs Kinder - davon vier eigene.
Günther gilt als ausgleichender Pragmatiker. Als Minister habe er Genehmigungsverfahren beschleunigt und die Wirtschaft energieunabhängiger gemacht, sagt er.
Günther über Haushalt, Mieten und Migration
Und wohin geht Leipzigs Reise mit ihm? Wie sieht er zum Beispiel den umstrittenen Ex-Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (56, Grüne)?
"Habeck hat die Weichen genau in die richtige Richtung gestellt", findet Günther. "Er hat die Wirtschaft resilienter gemacht. Es gibt keine Alternative zu diesem Umsteuern. Die alte Energiewelt hört auf zu existieren."
Für Leipzig kündigt er entschiedene Prioritätensetzung im Haushalt an. Geld solle in Projekte mit "größtem Mehrwert" fließen. "Es gibt keine einfachen Lösungen", glaubt er. "Wir müssen in der Stadtgesellschaft eine gute Prioritätensetzung aushandeln und dabei auch die Perspektive von Menschen einnehmen, die unsere Unterstützung brauchen."
Die Mieten will er im Bestand und bei Neuvermietungen weiter begrenzen, um sicherzustellen, dass Leipzigs Wohnviertel mit Beziehern aller Einkommensgruppen durchmischt bleiben. Auch den Bau preiswerter Wohnungen will er ankurbeln - vor allem mit Leipzigs städtischer Wohnungsgesellschaft und den Genossenschaften. "Leipzig darf nicht wie München unbezahlbar werden."
Will er die Migration begrenzen, um den Stadthaushalt von den Kosten zu entlasten?
"Wir brauchen Migration", sagt er. "Ohne Migration wäre Leipzig wirtschaftlich nicht funktionsfähig. Wir müssen es schaffen, dass die gesamte Stadtgesellschaft mit dem Zuzug gewinnt."
Klare Meinung: "RB gehört in die Stadt, aber nicht auf Kosten des Auwaldes"
In der Verkehrspolitik will er den Fokus auf einen guten öffentlichen Nahverkehr legen. "Wer sich kein Auto leisten kann, muss genauso sicher mobil sein können."
Das Baustellenchaos will er mit mehr Transparenz entschärfen und Pendlern einen "gut ausgebauten und getakteten Schienenverkehr" anbieten. Den Mittleren Ring, der einst angedacht wurde, um Autoverkehr aus den Wohngebieten fernzuhalten, will er nicht vollenden.
Und wie soll im Streit um die Rodung des Waldstückes entschieden werden, dessen Fläche RB Leipzig benötigt? "RB gehört in die Stadt", antwortet Günther. "Aber nicht auf Kosten des Auwaldes. Da braucht es andere Lösungen."
An seinem Wahlprogramm wird noch gearbeitet. Das solle ganz bewusst zusammen mit der Stadtgesellschaft erst bis zum Jahresende fertiggestellt werden.