Von Andreas Tappert
Leipzig - Getu Abraham (59) ist anders als die meisten anderen OB-Bewerber. Nicht nur wegen seiner Herkunft und seines Professorentitels: Der gebürtige Äthiopier will im Rathaus die Suche nach den besten Lösungen moderieren und wissenschaftlich steuern.
Wer auf den 59-Jährigen trifft, stellt schnell fest: Getu Abraham ruht in sich. Er ist ein Versöhner - kein Streiter. "Ich kann mit Menschen", sagt er selber. "Zuhören ist meine Stärke. Ich kann kommunizieren und Lösungen anbieten."
Dennoch sollte man den passionierten Langstreckenläufer nicht unterschätzen. "Wenn ich ein Ziel habe, bleibe ich dabei", meint der Wahl-Leipziger, der als unabhängiger Kandidat antritt. "Wie in einem Marathonlauf: Da können Sie auch nicht mittendrin aufhören, wenn es nicht funktioniert."
Als er 1989 als 22-Jähriger ohne Deutschkenntnisse nach Leipzig kam, hat er nicht einmal gewusst, wie er die Straßenbahntür aufbekommt. Doch heute spricht er fließend Deutsch, hat Tiermedizin studiert, promoviert und habilitiert, ist Professor für Tiermedizin geworden und forscht erfolgreich in den Tierkliniken an der Zwickauer Straße.
Mit Ehefrau und zwei Kindern lebt er in der Südvorstadt. "Leipzig hat mir viel gegeben", sagt er. "Jetzt möchte ich etwas zurückgeben."
Den Haushalt will er sanieren, indem er Prioritäten setzt. "Für mich gehören die Pflichtaufgaben und die Zukunftsfähigkeit der Stadt nach vorn. Schulen und Kitas, Infrastruktur, Sicherheit und Ordnung, eine leistungsfähige Verwaltung und eine Wirtschaftspolitik, die Leipzig Einnahmen und Arbeitsplätze sichert." Eine nicht sanierte Schule oder Straße werde später meist nur teurer.
Auf den Prüfstand stellen will er "Doppelstrukturen, unnötig komplizierte Verfahren, externe Gutachten und Projekte ohne ausreichende Wirkung".
Mehr Wirtschaft und berufliche Perspektive in Leipzig?
Für neue Wirtschaftsimpulse will Getu Abraham die Wissenschaft der Region besser mit der Wirtschaft verbinden.
"Wir brauchen mehr Unternehmensgründungen und Ausgründungen aus unseren Hochschul- und Forschungseinrichtungen", glaubt er.
Eine neue Dialogrunde soll klären: Wie können wir aus Leipzigs Wissenschaft mehr Wirtschaft machen?
Gleichzeitig will er Leipzig stärker mit dem globalen Süden verknüpfen – also mit Südamerika, Afrika und Asien.
"Mein Traum ist ein jährliches Business-Forum in Leipzig, auf dem Leute unter anderem aus Landwirtschaft, Medizin und Wasserwirtschaft zusammenkommen", sagt der Tiermediziner.
"Als OB werde ich mehr internationale Kongresse nach Leipzig holen und daran arbeiten, dass unsere Messe dafür stärker genutzt wird und unser Flughafen wieder deutlich mehr Verbindungen anbietet."
Beim Wohnungsbau will er stärker auf private Investoren zugehen. "Die Mietpreisbremse reicht nicht aus, um die Mieten niedrig zu halten", argumentiert er. "Die LWB und die Genossenschaften können das allein nicht schaffen." Auch Leipzigs Bauvorschriften müssten entschlackt und das Bauen billiger gemacht werden. "Warum können wir nicht in bestimmten Stadtteilen höher bauen? Leipzig wächst – da muss auch die Bebauung wachsen können."
Für mehr Jobs will er auch Rüstungsunternehmen ansiedeln. "Meine Biografie und nicht zuletzt Leipzig 1989 haben mich gelehrt, an die Kraft des Friedens zu glauben", sagt er.
"Ich bin Pazifist geblieben, weiß aber, dass Freiheit heute auch Verteidigung braucht. Wenn die Arbeitsplätze nicht bei uns entstehen, dann entstehen sie in Niedersachsen oder Bayern. Da will ich die Jobs lieber in Leipzig haben."
Laufen, um den Stress zu bewältigen
Um mit den Leipzigern ins Gespräch zu kommen, will er die Aktion "10:10" ins Leben rufen: Zehn Läufe durch zehn Stadtbezirke, um Probleme kennenzulernen und mit den Bewohnern zu sprechen.
Start ist im November oder Dezember. Als OB will er mindestens einmal im Monat laufen. Ob er damit im Leipziger Politikbetrieb eine Chance hat?
"Vor zehn Jahren bin ich in die Politik gegangen", antwortet er.
"Ich wurde auf Anhieb in den Stadtrat gewählt. Offensichtlich, weil ich aus meinem akademischen Lebensweg sichtbar etwas vorzuweisen habe. Vielleicht fanden die Menschen das gut. Für viele zählt auch, dass ich nicht aus der Politik-Blase komme und für etwas Neues stehe."
Hat er keine Angst, als OB zerrieben zu werden?
"Ich versuche immer, das Positive zu finden und umzusetzen", sagt er. "Und wenn der Stress zu groß wird, laufe ich zehn oder 20 Kilometer - und dann habe ich eine Lösung."