Stefan Heyms Rede vor dem Bundestag heute vor 25 Jahre: Kein Respekt vor dem Alter!?

Chemnitz/Berlin - Fünf Jahre nach dem Mauerfall war die Euphorie verflogen – auf beiden Seiten der Grenze. Klischees hatten sich verfestigt: Besserwessis und Jammerossis. Dazu die Undankbarkeit der neuen Bundesbürger über die Segnungen der Demokratie – noch heute ein Vorwurf an die Ostler. Dabei machten es ihnen ausgerechnet Bundesregierung und Bundestag schwer. Als sich heute vor einem Vierteljahrhundert eine aufrechte Stimme des Ostens erhob, wurde sie wie ein Stück Dreck behandelt. Am 10. November 1994 hielt der sächsische Schriftsteller Stefan Heym als Alterspräsident eine Rede im Bundestag – ein Tiefpunkt der Demokratie im vermeintlich geeinten Deutschland.

Die Rede wurde nicht einmal im Bundestags-Bulletin veröffentlicht - das war seit 1949 keinem Alterspräsidenten passiert.
Die Rede wurde nicht einmal im Bundestags-Bulletin veröffentlicht - das war seit 1949 keinem Alterspräsidenten passiert.  © dpa/Andreas Altwein

"Steinerne Mienen" hatte Bundeskanzler Helmut Kohl den Abgeordneten der CDU/CSU bereits am Vortag angeordnet. Und Fraktions-Chef Wolfgang Schäuble gab die Regieanweisung, dass sich keine Hand zum Beifall rühren möge. Entgegen aller parlamentarischer Gepflogenheiten erhoben sich die Konservativen nicht einmal von den Plätzen, als der Alterspräsident zum Podium schritt. Der Sitz des Grafen Lambsdorff (FDP) blieb demonstrativ leer.

Bevor für eine neue Legislaturperiode der Bundestagspräsident gewählt wird, hält der älteste Abgeordnete traditionell die Eröffnungsrede. Mit 81 Jahren fiel diese Ehre dem aus Chemnitz stammenden Romancier Stefan Heym zu. Gut gelaunt und etwas tatterig eröffnete er die Sitzung. Eine frostige Atmosphäre schlug ihm entgegen. Was hatte er verbrochen?

Als Parteiloser war Heym für die PDS im Berliner Stadtbezirk Mitte angetreten und holte eines der vier Direktmandate, die es der SED-Nachfolgeorganisation ermöglichte, auch ohne die nötigen fünf Prozent in Fraktionsstärke in den zweiten Bundestag des geeinten Deutschlands einzuziehen. Allein das genügte, um den inzwischen beliebten Talkshow-Gast zu behandeln, als wäre er der Teufel höchstpersönlich.

Heym erinnerte an die Gefühlslage der Menschen im Osten

Außenminister Klaus Kinkel (FDP) und Kanzler Helmut Kohl (CDU) "erduldeten" die Rede.
Außenminister Klaus Kinkel (FDP) und Kanzler Helmut Kohl (CDU) "erduldeten" die Rede.  ©  imago images/Rainer Unkel

Die "Frankfurter Allgemeine" fabulierte im Vorfeld vom "Hindenburg der Linken". Und wie auf Bestellung tauchten zwei Tage vor der Rede Stasi-Vorwürfe gegen Heym auf, die sich im Nachhinein als völlig unhaltbar erwiesen.

Dabei prangerte Heym – wie von der Union befürchtet – gar nicht die Katastrophe der bisherigen Einheitsgeschichte an. Nämlich dass die Treuhand die Zahl der Arbeitsplätze von 4,1 auf 1,5 Millionen reduzierte, durch ihre Kahlschlagpolitik überlebensfähige Strukturen zerschlug und Betriebe ausschlachtete, um der Westwirtschaft die unliebsame Ostkonkurrenz zu nehmen – meist erhielt ein Westmanager aus der dritten Reihe den "Versorgungsposten".

Stattdessen erinnerte er an die daraus folgende Gefühlslage der Menschen im Osten. Dass die Erfahrungen, Errungenschaften und Leistungen ihres Lebens zu gering bewertet oder kaum anerkannt und genutzt werden.

"Unterschätzten Sie doch bitte nicht ein Menschenleben, in dem trotz aller Beschränkungen das Geld nicht das all Entscheidende war."

Rita Süßmuth applaudierte als einzige CDU-Abgeordnete Heym

Stefan Heym stieß mit unbequemen Meinungen an - in jedem System.
Stefan Heym stieß mit unbequemen Meinungen an - in jedem System.  ©  imago images/Jürgen Eis

Heym warnte als Stimme des Ostens vor der bisher nur aus der Perspektive des Westens gültigen Vergangenheitsbewältigung. "Zu wenig wurde nachgedacht über die Chancen, die durch die unterschiedlichen Erfahrungen, positiver wie negativer, sich für das Zusammenleben und die Entwicklung der neuen alten Nation ergeben könnten." Er warb abschließend für eine Koalition der Vernünftigen – aus West und Ost.

Der von Heym geschätzte "Sozialismus" kam nicht ein einziges Mal in seiner Ansprache vor. So hätte diese versöhnliche Rede auch von einem Pfarrer kommen können. Oder auch von Rita Süßmuth, die wenige Minuten später zur Bundestagspräsidentin gewählt wurde. Sie war übrigens die einzige CDU-Abgeordnete, die Stefan Heym applaudierte. Diese Vorgänge um die Rede beschämten sie noch lange Zeit, gestand Süßmuth zehn Jahre später.

Dass man Heym überhaupt in kollektiver Disziplin ertragen habe, ohne den Saal zu verlassen, betrachtete die junge Frauenministerin Angela Merkel als beachtliche Konzession: "Damit hat die Union ihren Großmut zur Schau gestellt", zitierte "Der Spiegel" die ehemalige DDR-Bürgerin, die Heyms Bücher einst mit Begeisterung gelesen haben will.

Stefan Heym: Unbequem blieb er ein Leben lang

Ja, er ist es! Stefan Heym kehrte 1994 in US-amerikanischer Uniform nach Europa zurück.
Ja, er ist es! Stefan Heym kehrte 1994 in US-amerikanischer Uniform nach Europa zurück.  © Privatbesitz/Reproduktion Gedenkstätte Deutscher W

Stefan Heym wurde 1913 in Chemnitz als Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie geboren. Mit 18 flog er auf Druck der örtlichen Nazis vom Gymnasium, weil er ein antimilitärisches Gedicht verfasste. In Berlin, wo er Journalismus studierte, sah er 1933 noch den Reichstag brennen – dann floh er zunächst in die Tschechoslowakei, kurz darauf nach Amerika. Dort wurde sein erster Roman „Hostages“ 1942 gleich ein großer Erfolg.

Als Amerikaner, der er inzwischen war, nahm er am Zweiten Weltkrieg teil und kehrte in US-Uniform nach Deutschland zurück. Er entschied sich wegen seiner sozialistischen Überzeugung 1953 für den Osten Deutschlands, wo er auch Nationalpreisträger wurde. Doch er legte sich bald mit dem SED-Regime an, ein Veröffentlichungsverbot war die Folge. Als er wegen der Biermann-Ausweisung protestierte, flog er aus dem Schriftstellerverband.

Während der Wendezeit gehörte er zu den Verfassern des Aufrufs "Für unser Land", der von 1,17 Millionen DDR-Bürgern unterzeichnet wurde. Im Bundestag blieb Stefan Heym gerade mal ein Jahr. Er legte 1995 sein Mandat aus Protest gegen eine geplante Diätenerhöhung für die Abgeordneten nieder. Er starb im Jahr 2001 im Alter von 88 Jahren.

Für manche Ost-Betriebe suchte die Treuhand gar keinen Investor, damit West-Firmen die Konkurrenz genommen wird.
Für manche Ost-Betriebe suchte die Treuhand gar keinen Investor, damit West-Firmen die Konkurrenz genommen wird.  ©  imago images/fossiphoto
Eine Erfahrung, welche die Sachsen aus der DDR-Zeit nicht kannten: Besuch auf dem Arbeitsamt, zur Nummer reduziert.
Eine Erfahrung, welche die Sachsen aus der DDR-Zeit nicht kannten: Besuch auf dem Arbeitsamt, zur Nummer reduziert.  © imago images/Detlev Konnerth
Ohnmächtig gegen das von der Regierung gesteuerte organisierte Verbrechen - so fühlten sich Ossis damals.
Ohnmächtig gegen das von der Regierung gesteuerte organisierte Verbrechen - so fühlten sich Ossis damals.  © imago images/fossiphoto
Der Berliner Reichstag war 1994 noch ohne Kuppel. Nach der Eröffnungssitzung wurde er für mehrere Jahre zur Baustelle.
Der Berliner Reichstag war 1994 noch ohne Kuppel. Nach der Eröffnungssitzung wurde er für mehrere Jahre zur Baustelle.  ©  imago images/Günter Schneider

Mehr zum Thema Chemnitz:


WhatsApp Wir bei WhatsApp: 0160 - 24 24 24 0