"Parteitag der Schande": Machtkampf in NRW-AfD eskaliert weiter

Von Marc Herwig

Marl - Begleitet von heftigen Tumulten und lauten Beschimpfungen ist der Machtkampf in der nordrhein-westfälischen AfD weiter eskaliert.

NRW-Landesparteichef Martin Vincentz (40) gehört zum eher gemäßigten Lager der AfD.  © Henning Kaiser/dpa

Das Lager um Landeschef Martin Vincentz (40) hat beim Parteitag in Marl erreicht, dass ein Großteil der aussichtsreichen Listenplätze für die Landtagswahl im kommenden Jahr mit eigenen Leuten besetzt wird.

Das Lager hinter der Bundesvorsitzenden Alice Weidel (47) ging derweil weitgehend leer aus. Auch die Forderung des Bundesvorstands, die Aufstellung der Landesliste abzubrechen und später neu zu beginnen, lehnten die Delegierten mit klarer Mehrheit ab. Das Weidel-Lager verließ daraufhin unter Protest den Saal.

Der stellvertretende Landesvorsitzende Christian Zaum (57) sprach von einem "Parteitag der Schande". Im Bundesvorstand der Partei wird Berichten zufolge darüber nachgedacht, Vincentz und den NRW-Landesvorstand des Amtes zu entheben.

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Der Wahlparteitag hatte am vergangenen Wochenende in Marl im Norden des Ruhrgebiets begonnen und soll den Plänen zufolge bis in den Herbst hinein an mehreren Wochenenden fortgesetzt werden.

Die Delegierten entscheiden darüber, wer auf welchem Platz der Landesliste für die AfD bei der Landtagswahl im größten deutschen Bundesland antritt. Angesichts der hohen Umfragewerte rechnet die Partei damit, dass sie 2027 mit mindestens 30 Abgeordneten in den Landtag einziehen könnte. Derzeit sitzen zwölf AfD-Abgeordnete im Parlament.

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NRW-AfD seit Langem zerstritten - Chrupalla und Weidel werfen Landeschef Unregelmäßigkeiten vor

Die AfD-Landesparteichefs Alice Weidel (47) und Tino Chrupalla (51) fordern von Vincentz, die Aufstellung der Landesliste abzubrechen und den Parteitag von vorn zu beginnen. (Archivfoto)  © Alicia Windzio/dpa

Doch der Landesverband ist seit Langem tief zerstritten und in ein eher gemäßigt auftretendes Lager rund um Vincentz und ein weiter rechts orientiertes Lager gespalten. Am vergangenen Wochenende eskalierte dieser Machtkampf erneut. Die Gruppe hinter Weidel warf dem Vincentz-Lager vor, nur die eigenen Leute zu wählen, anstatt alle Strömungen in der Partei zu berücksichtigen. Schließlich startete eine Gruppe von Delegierten die "Operation Filibuster".

Als Filibuster wird eine Taktik bezeichnet, mit der durch andauernde Reden die Beschlussfassung in einem Parlament verhindert werden soll. Beim AfD-Parteitag funktionierte das so, dass für Listenplatz 22 plötzlich mehr als 90 Kandidaten nominiert wurden. Jedem von ihnen standen acht Minuten Redezeit zu - der Zeitrahmen des Parteitags war dadurch am vergangenen Wochenende völlig gesprengt.

Auch zwischen den beiden Parteitags-Wochenenden ging die Eskalations-Spirale weiter. In einem Brief mischte sich die Bundesparteispitze ein. Weidel und Co-Parteichef Tino Chrupalla (51) warfen Vincentz Unregelmäßigkeiten bei der Nominierung der Kandidatenliste vor. Mehrere in ihrem Kern übereinstimmende Schilderungen sprächen dafür, "dass stimmberechtigte Delegierte bedroht oder erheblich unter Druck gesetzt" worden seien, schreiben die Parteichefs an den NRW-Landesvorstand. 

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Konkret forderten beide von Vincentz, die Aufstellung der Landesliste abzubrechen und den Parteitag noch einmal neu zu beginnen. Doch das wies Vincentz energisch zurück - und holte zum Gegenschlag aus. Er warf dem gegnerischen Lager vor, es gehe offensichtlich nur darum, "eine für den Bundesvorstand genehme Landtagsliste zu generieren".

Die "Operation Filibuster" bezeichnete Vincentz in seinem Antwortschreiben an Weidel und Chrupalla als "Sabotage". Und er merkte an, es spreche Bände, dass der Bundesvorstand kein Wort dazu verliere.

Vincentz benennt einen Kandidaten nach dem anderen

Beim Landesparteitag der AfD in Marl wählen die Delegierten, welcher AfD-Vertreter bei der Landtagswahl auf welchem Platz antritt.  © Henning Kaiser/dpa

Am Freitag ging der Parteitag in Marl dann offiziell weiter. Das Lager um den Bundesvorstand stellte dort auch offiziell den Antrag, den Parteitag abzubrechen. Doch die klare Mehrheit der knapp 500 Delegierten stimmte dagegen.

Daraufhin kochte die Stimmung im Saal über. Die Gruppe hinter dem Bundesvorstand verließ unter Protest den Saal - und nahm somit keinen Einfluss mehr auf die Benennung der weiteren Kandidaten für die NRW-Landtagswahl im kommenden Jahr.

Vincentz nutzte die Situation. Bei der Wahl der nächsten Listenplätze ging er ein ums andere Mal ans Mikrofon und benannte im Eiltempo seine Leute. Bis Listenplatz 34 standen schließlich nur Vertreter aus dem Vincentz-Lager auf den Stimmzetteln der Delegierten. Mit klarer Mehrheit wurden alle gewählt.

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