SPD-Chefin Esken zum Mauerfall: Man hätte den Ostdeutschen besser zuhören müssen

Berlin - 33 Jahre Mauerfall! Was im Westen des wiedervereinigten Deutschlands eher ein vorgedruckter Eintrag im Kalender ist, hängt vielen ehemaligen DDR-Bürgern bis heute nach. TAG24 sprach mit der Vorsitzenden der Kanzler-SPD, Saskia Esken (61) - groß geworden im Norden des Schwarzwalds - exklusiv über ihre persönlichen Wendeerfahrungen - und die politischen Fehler der Wiedervereinigung.

Vor mittlerweile 33 Jahren fiel die Berliner Mauer.
Vor mittlerweile 33 Jahren fiel die Berliner Mauer.  © DPA

TAG24: Frau Esken, wir zwei Ossis haben heute die Möglichkeit mit "einem Wessi" zu sprechen. Haben Sie das für vor ’89 möglich gehalten?

Saskia Esken: Wir hatten alle die Hoffnung, dass der Tag des Mauerfalls eines Tages kommen würde. Willy Brandt hat einmal gesagt, "der beste Weg, die Zukunft vorauszusagen, ist sie zu gestalten" und diesen Vorsatz haben sich an vorderster Linie die Menschen in Ostdeutschland zu eigen gemacht. Ihnen ist es zu verdanken, dass wir heute hier sprechen dürfen.

TAG24: In den 33 Jahren seit dem Mauerfall ist viel passiert. Was muss Deutschland in den nächsten 33 Jahren erreichen?

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SPD Zwei SPD-Stadträte machen gemeinsame Sache mit der AfD: Drohen jetzt Konsequenzen?

Esken: Die Deutsche Einheit ist natürlich ein großer Glücksfall. Die Trennung war eine schwere Zeit, die Wiedervereinigung das wichtigste Ereignis in der jüngeren deutschen Geschichte. Das wurde auch dadurch möglich, dass ein paar Rädchen zusammengepasst haben. Allem voran der Mut der Bürgerinnen und Bürger in den ostdeutschen Ländern, auf die Straße zu gehen, sich nicht zu fürchten, sondern friedlich dafür zu kämpfen, dass Freiheit und Demokratie möglich werden.

Aber natürlich auch die vorangegangene Entspannungspolitik. Da kam einiges zusammen und hat letztlich ermöglicht, dass die Mauer fällt und wir uns jetzt als geeintes Land gemeinsam weiterentwickeln. Es ist vieles zusammengeführt worden, was lange getrennt war, vieles überwunden worden, was an Unterschieden da war.

Esken: Einige Angleichungen zwischen Ost und West haben sehr sehr lange auf sich warten lassen - oder lassen es noch immer

SPD-Chefin Saskia Esken (61) im exklusiven TAG24-Gespräch, das im Berliner Willy-Brandt-Haus stattfand.
SPD-Chefin Saskia Esken (61) im exklusiven TAG24-Gespräch, das im Berliner Willy-Brandt-Haus stattfand.  © Holm Helis

TAG24: Aber dennoch ist bei weitem nicht alles perfekt.

Esken: Manches hat sehr sehr lange auf sich warten lassen, wie zum Beispiel die Rentenangleichung. Auch die Löhne sind immer noch nicht gleich. Und weil relevante Vermögen nicht dadurch entstehen, dass man sich das vom Mund abspart, sondern durch Erbschaften, die im Osten kaum vorkommen, sind auch die Vermögen massiv ungleich verteilt.

An dieser Stelle zitiere ich gerne Petra Köpping (64, Sozialministerin von Sachsen, Anm. d. Red.): "Wenn wir die Menschen in Deutschland fragen, was sich für sie durch den Mauerfall verändert hat, sagen die im Osten ‚Alles‘ und die im Westen ‚Nichts. Also zumindest nichts für mein persönliches Leben.'" Das ist der Unterschied, den wir alle begreifen müssen.

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TAG24: Woher kommt das denn ihrer Meinung nach?

Esken: Vielen Menschen im Osten Deutschlands ist mit dem Zusammenbruch der DDR auch ihr gewohntes Leben zusammengebrochen. Aus dieser Disruption etwas Neues aufzubauen und das aus eigener Kraft zu tun, dabei zu merken, wo die Unterstützungssysteme sind und wo nicht - das ist eine besondere Erfahrung, die wir noch viel zu gering schätzen und auf die wir heute bauen könnten.

Im Koalitionsvertrag haben wir das auch beschrieben: Die Transformationserfahrung der Menschen in Deutschland ist ein besonderer Schatz, den wir auch nutzen sollten.

33 Jahre Mauerfall: Transformation? Eher Enteignung!

Esken im Gespräch mit Politikredakteur Paul Hoffmann (30, r.) und TAG24-Reporter Erik Töpfer (23).
Esken im Gespräch mit Politikredakteur Paul Hoffmann (30, r.) und TAG24-Reporter Erik Töpfer (23).  © Holm Helis

TAG24: Transformation ist aber auch ein schöner Begriff für Enteignung, wenn man an die 98 Prozent der ostdeutschen Wirtschaft denkt, die an westdeutsche Investoren verschachert worden sind...

Esken: Es steht außer Frage, dass diese Disruption für viele erstmal keine positive Erfahrung war. Und mittlerweile gibt es ja sogar Stimmen, die sagen: "Da hatten wir’s früher besser" oder "dafür sind wir nicht auf die Straße gegangen".

Wie da lange mit langzeitarbeitslosen Menschen umgegangen wurde, die ihr Erspartes erstmal aufbrauchen sollten - wenn sie denn überhaupt welches haben – oder die Wohnung, die sie bewohnen, für zu groß befunden wird… Das sind natürlich Erfahrungen, die die Menschen zeichnen.

Auch aus diesem Grund wollen wir Hartz IV überwinden und als Sozialstaat den Menschen in Not beistehen und mehr Vertrauen entgegenbringen. Worum es mir aber ging: Viele haben ja auch neue Perspektiven entwickelt und Sicherheit daraus erwerben zu können, das geschafft zu haben.

Ich selbst habe in meinem Leben schon viele Veränderungen durchlebt, war ungelernt befristet beschäftigt und musste mir immer wieder was Neues suchen. Erst spät habe ich mit Unterstützung der Arbeitsagentur eine berufliche Qualifikation als staatlich geprüfte Informatikerin erworben, in die ich nach der Familienpause mit drei Kindern nicht mehr zurückgefunden habe.

TAG24: Waren Sie zum Mauerfall schon in der Politik?

Esken: Vor 33 Jahren wurde ich gerade Mitglied der SPD, aber politisch aktiv bin ich seitdem ich 12 oder 13 Jahre alt war. Meine Eltern waren beide Sozialdemokraten, die Richtung war mir also schon in die Wiege gelegt. Noch zu Schulzeiten war ich übrigens mit meinem Geschichts-Leistungskurs in der Oberstufe für zwei Wochen in Leipzig und Umgebung …

SPD-Chefin Saskia Esken: Bei meinem Besuch im Osten konnte ich 14 Tage lang nur flüstern

Seit 2019 ist Saskia Esken ein Teil der Mann/Frau-Doppelspitze der SPD.
Seit 2019 ist Saskia Esken ein Teil der Mann/Frau-Doppelspitze der SPD.  © Holm Helis

TAG24: Wann war das genau?

Esken: Definitiv vor dem Mauerfall! (Überlegt und lacht) Vielleicht 1978/79. Jedenfalls war das ein besonderes Erlebnis: Wir hatten Dauerbegleitung durch einen Reisebegleiter, bei dem Sie sich vorstellen können, bei wem der angestellt war. Das haben wir gespürt!

Ich hatte damals schon ’ne ziemlich große Klappe ehrlich gesagt und ich hab mit dem Grenzübertritt - das habe ich nachher in meinem Leben nie wieder erlebt - die Stimme verloren. Ich konnte 14 Tage lang nur flüstern. Als wir zurückfuhren, war es vorbei. Mein Geschichte-Leistungskurs-Lehrer sagte: "Da wird schon jemand gewusst haben, wofür das gut ist."

TAG24: Wie hat sich denn Ihre Perspektive verändert auf die Neuen Bundesländer bzw. genauer die damalige DDR?

Esken: Ich hatte die berühmte Oma, die einmal im Jahr zu Besuch kam, weil sie als Rentnerin reisen durfte. Natürlich hatte ich auch politisch eine Wahrnehmung zu diesem Staat, aber das sind meine zwei persönlichen Bezüge dazu.

Nach dem Mauerfall war das ganz anders. Da haben wir gesehen, wie dort private Strukturen und Biografien zerbrochen sind, wie wir es als Gesamtstaat mit dem Solidaritätszuschlag möglich gemacht haben, dass Aufbau stattfindet und ganz viel in Beton investiert wurde. Aber zu wenig in die Menschen. Und vielleicht zu wenig in den Zusammenhalt, in die Zivilgesellschaft, die dafür auch gebraucht wird.

Was hilft es, wenn man Straßen, Brücken und Schulen baut, wenn die Menschen weggehen, die diese nutzen können...

Es war sicher ein Fehler, den Ostdeutschen nicht erstmal zuzuhören

33 Jahre nach dem Fall ist die Mauer, wie hier in Berlins Stadtmitte, höchstens noch ein Museum.
33 Jahre nach dem Fall ist die Mauer, wie hier in Berlins Stadtmitte, höchstens noch ein Museum.  © Paul Hoffmann

TAG24: Gerade am Beispiel der Schulen sieht man doch aber auch, dass man den Menschen zu wenig zugehört hat, oder nicht? Das ostdeutsche Bildungssystem hat ganz viele Konzepte aufgewiesen, die heute wiederkommen. Gesamtschulen zum Beispiel…

Esken: Dass wir in vielen Bereichen die ostdeutschen Erfahrungen durch westdeutsche Systeme ersetzt haben, anstatt erstmal hinzuschauen und zuzuhören – das ist sicher ein Fehler gewesen. Es gab ja durchaus Ansätze, die wir heute vermissen - man denke an die hervorragenden Polykliniken im Gesundheitswesen. Dann hätten wir für die Wiedervereinigung aber mehr Zeit gebraucht, die man sich aber ehrlicherweise nicht nehmen wollte.

TAG24: Dann müsste es ja aber einen Punkt gegeben haben, an dem man sagt, hier ist die Transformation abgeschlossen, oder nicht? Die läuft doch immer noch!

Esken: Wie man so schön sagt: Das einzig Stetige ist der Wandel. Die Transformation wird also nie abgeschlossen sein. Aber es ist leider immer noch so, dass wir zu wenig aus dem lernen, was erfolgreich vorgelebt wurde.

Weitere spannende Inhalte aus dem Exklusiv-Interview mit SPD-Chefin Saskia Esken könnt Ihr in den kommenden Tagen auf TAG24 lesen!

Titelfoto: Montage: dpa & Holm Helis

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