Ministerpräsident Kretschmer trifft "Hausbesucher" wieder: Diesmal aber nur virtuell

Dresden/Waltersdorf - So sieht man sich wieder. Ministerpräsident Michael Kretschmer (45, CDU) hat am Freitagabend mit zahlreichen Sachsen über die Corona-Auflagen diskutiert, darunter auch mit "Besuchern", die ihn am 10. Januar vor seinem Feriengrundstück im Zittauer Gebirge belästigt hatten. Diesmal allerdings sah man sich per Videoübertragung.

Rund 30 Menschen trafen sich am 10. Januar in Großschönau, um das Haus von Sachsens Ministerpräsidenten Kretschmer (45, r) zu belagern.
Rund 30 Menschen trafen sich am 10. Januar in Großschönau, um das Haus von Sachsens Ministerpräsidenten Kretschmer (45, r) zu belagern.  © Screenshot

Das Online-Format ist nicht neu und laut Veranstalter, die Konrad-Adenauer-Stiftung in Sachsen, auch kein spezielles Gesprächsformat für "Querdenker und Coronaleugner". Die Staatskanzlei habe lediglich auf dieses Format hingewiesen.

Vielmehr handele sich um ein seit Jahren bestehendes Projekt, aus dem sich im November das Online-Format Corona-Dialog entwickelte, so eine Sprecherin der Stiftung.

Im Vorfeld war kolportiert worden, die Staatskanzlei habe "Besucher" vom 10. Januar zum Dialog am Freitagabend eingeladen.

Asyl-Obergrenze: Kretschmer mit Knallhart-Forderung!
Michael Kretschmer Asyl-Obergrenze: Kretschmer mit Knallhart-Forderung!

Der Auftakt: Schleppend.

Moderator Joachim Klose, Landesbeauftragter der Stiftung, leitete schier endlose 15 Minuten ein, indem er vor allem die nahezu kompletten Lebensläufe der Referenten verlas.

Gäste neben dem Ministerpräsidenten waren Bergit Kahl, Pflegeheimleiterin Görlitz, Mathias Mengel, Ärztlicher Direktor des Klinikums Oberlausitzer Bergland, Thomas Grünewald, Mitglied der Sächsischen Impfkommission und Leiter Klinik für Infektions- und Tropenmedizin am Klinikum Chemnitz, sowie Thomas Zenker, Oberbürgermeister von Zittau.

Impfen ist "keine Wunderwaffe"

Michael Kretschmer (45, CDU) suchte anfangs das Gespräch mit den Corona-Leugnern.
Michael Kretschmer (45, CDU) suchte anfangs das Gespräch mit den Corona-Leugnern.  © Screenshot/Telegram

Der erste Sachbeitrag kam von Kahl. Sie beschrieb die aktuelle Situation in ihrer Einrichtung so: "Das war wie eine Welle, die hat uns erfasst und mitgerissen. Das, was wir hier erlebt haben, in dieser Dramatik, das haben wir noch nie erlebt."

Sie räumte zugleich ein, dass sich viele ihrer Mitarbeiter nicht impfen lassen werden. Nur 40 Prozent seien wohl bereit, schätzte sie.

Kritisch merkte sie auch fehlende Tests in der frühen Corona-Phase an.

Vor der Kabinettsitzung: Kretschmer geht erst mal ins Kloster!
Michael Kretschmer Vor der Kabinettsitzung: Kretschmer geht erst mal ins Kloster!

OB Zenker wurde zur Problematik Pendler gefragt. Er bat um genaue und gute Abwägung.

Mengel vom Klinikum Oberlausitzer Bergland sprach von einer inzwischen wieder etwas entspannten Situation in Krankenhaus – im Gegensatz zur verschärften Situation im Dezember, wo die Klinik zum Teil handlungsunfähig gewesen wäre. Stichwort Corona-Schwerstkranke und erkranktes Personal.

Zur Frage der Wirksamkeit von Impfungen sagte Grünewald, dass es "essenziell" sei. Allerdings sei das Impfen "keine Wunderwaffe", vielmehr brauche es Zeit. Den Erreger aber "aus der Menschheit vollständig herauszukriegen", halte er für illusorisch.

Zum Thema Mutanten/Varianten erklärte er, dass die aktuell verfügbaren Impfstoffe auch gegen diese geeignet sind. Eine erste Variation habe es übrigens bereits im Frühjahr 2020 gegeben.

Kretschmer kommt nach 35 Minuten zu Wort

Joachim Klose, Landesbeauftragter der Stiftung, moderierte die Diskussion.
Joachim Klose, Landesbeauftragter der Stiftung, moderierte die Diskussion.  © Torsten Hilscher

Kretschmer kam erst nach 35 Minuten zu Wort. Er bekräftigte, dass er vom Aufklären und Erklären nicht ablassen wolle. Auch wenn es Menschen gebe, die man nicht mehr erreiche.

Trotzdem: "Ich finde, man sollte jede Gelegenheit nutzen, zu erklären." Auch Kritik müsse man sich anhören. Konflikte müssten anständig geklärt werden. Schluss sei aber bei verfassungsfeindlichen Symbolen. Auch wenn die "unselige Reichskriegsflagge" nicht dazu gehöre. Doch jeder wisse, was damit gemeint ist.

"Ich finde auch, die Privatsphäre von Politikern zu stören, ist nicht in Ordnung", sprach er den Vorfall am 10. Januar vor seinem Ferienhaus an.

Er warnte erneut vor einem zu schnellen Lockern der Corona-Auflagen. "Eins ist klar: Wir können nicht alles auf einmal starten. Weil dadurch eine zu große Mobilität entsteht", warb er um Verständnis.

Erste Lockerungen werde es am 14./15. Februar geben, weitere dann drei bis vier Wochen später.

Zugleich verteidigte er die noch anhaltende Ausgangssperre. "Ist nicht schön. Aber die jetzigen Maßnahmen zeigen Wirkung."

"Es macht Sinn, sich immer wieder zu informieren"

Thomas Grünewald, Mitglied der Sächsischen Impfkommission und Leiter Klinik für Infektions- und Tropenmedizin am Klinikum Chemnitz.
Thomas Grünewald, Mitglied der Sächsischen Impfkommission und Leiter Klinik für Infektions- und Tropenmedizin am Klinikum Chemnitz.  © Torsten Hilscher

Der erste zugeschaltete Bürger, Eckhard Sch., bemängelte eine ungenügende Breite der Referenten-Runde. So fehlte beziehungsweise fehlten Vertreter von (kritischen) Bürgern, erklärte er.

Romy K. berichtete von Impfskeptikern im privaten Umfeld und ihren Sorgen angesichts der anhaltenden aggressiven Proteste an der B96. Zugleich fragte sie, warum behinderte Kinder zu Hause bleiben müssen, wo doch gerade diese auf soziale Kontakte angewiesen seien.

Professor Grünewald empfahl beim Thema Impfskeptiker als Argumentationshilfe gute Informationen. "Es macht Sinn, sich immer wieder zu informieren." Auch wenn es schwierig sei. "Ich bin manchmal abends auch frustriert", sagte der Mediziner.

Kahl sagte, es gebe durchaus auch Mittel und Wege, sich virtuell gut zu begegnen.

Zum Thema B96-Proteste sagte OB Zenker, dass jeder, der sich dort mit hinstelle, Gefahr laufe, vereinnahmt zu werden. Dabei müsse eigentlich klar sein: "Den Kaiser will niemand zurück", sagte er unter Bezug auf dort beteiligte Reichsbürgergruppen. "Aber, die Leute, die das tun, dürfen das in unserer Demokratie. Sie dürfen ihrem Protest Ausdruck verleihen."

Manche der im Chat gestellten Fragen waren Statements, andere Teilnehmer antworteten untereinander per Text. Zirka 900 Zuschauer hatten sich zugeschaltet.

Titelfoto: Screenshot

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