Nach Chat mit Remmo-Sohn: Linken-Politiker Ferat Koçak zieht Konsequenzen
Berlin - Der Druck wurde zu groß, jetzt zieht der Berliner Linken-Bundestagsabgeordnete Ferat Kocak (47) vorerst die Reißleine. Nach heftiger Kritik an seinen Kontakten ins Berliner Clan-Milieu will er seine Parlamentsfunktionen ruhen lassen. Das teilte Linken-Ko-Fraktionschef Sören Pellmann am Dienstag in Berlin mit. Kocak habe angekündigt, sich "bis auf weiteres, bis volle Transparenz hergestellt ist", zurückzuziehen.
Konkret werde der Abgeordnete zunächst nicht mehr an den Sitzungen des Bundestags-Innenausschusses teilnehmen. "Das warten wir ab", sagte Pellmann mit Blick auf die angekündigte Aufklärung. Wie lange Kocak seine Funktionen ruhen lässt, ist damit zunächst offen.
Der Linken-Politiker geriet zuletzt heftig in Kritik. Grund: Sein Chatverlauf mit Remmo-Sohn Firas
Am Montag erschien ein Chatverlauf zwischen Koçak und Firas Remmo, einem Sohn von Clan-Chef Issa Remmo. Firas Remmo veröffentlichte einen Screenshot der Unterhaltung auf Instagram. Der Chat stammt vom 17. Februar. Darin bittet Koçak den Remmo-Sohn unter anderem darum, ein Video eines seiner Auftritte im Bundestag zu verbreiten. Zuvor lässt Koçak seinen Gesprächspartner seinem Vater "Grüße mit Respekt" ausrichten. Die beiden sprechen sich mit "Bruder" an, es wird ein Herzchen im Chat geschickt.
Bei dem Video handelt es sich um einen Bundestagsauftritt Koçaks vom 29. Januar. Darin kritisierte der Linken-Politiker den Begriff "Clankriminalität". Nach dem Bundestagsprotokoll bezeichnete er ihn als "politischen Kampfbegriff mit einer rassistischen Geschichte". Der Begriff stelle ganze Familien unter Generalverdacht und kriminalisiere Menschen aufgrund ihres Nachnamens, argumentierte Koçak.
Umstrittene Gäste bringen Linke in Erklärungsnot
Nachdem der Chat öffentlich geworden war, räumte Koçak einen Fehler ein. Er erklärte, ihm sei zunächst nicht bekannt gewesen, mit wem er schreibe. Über seine Social-Media-Kanäle kommuniziere er regelmäßig mit zahlreichen Menschen aus Neukölln. Dass er Firas Remmo nach Kenntnis seiner Identität anschließend noch das Video seiner Bundestagsrede geschickt habe, sei jedoch "ein Fehler, für den ich um Entschuldigung bitte", schrieb Koçak auf X.
Er kündigte außerdem an, sein Kommunikationsverhalten mit seinem Team aufzuarbeiten und für Transparenz zu sorgen.
Offen bleibt jedoch, warum Firas Remmo den Chat mit Ferat Koçak ausgerechnet nach der öffentlichen Distanzierung der Linken von seinem Vater veröffentlichte.
Am Sonntagabend sorgte bereits die Anwesenheit von Issa Remmo am Wahlabend bei anderen Parteien und im Netz für Aufregung.
Der Neuköllner Bezirksverband und Spitzenkandidatin Elif Eralp (45) versicherten, es gebe weder politische noch persönliche Beziehungen zu Remmo. Seine Anwesenheit sei den Verantwortlichen nicht bekannt gewesen. Er soll anschließend gebeten worden sein, die Veranstaltung zu verlassen.
Islamismus-Experte Mansour sieht Berührungspunkte zwischen Clans und Linken
Unterdessen feierte ein weiterer umstrittener Mann mit der Neuköllner Linken: der propalästinensische Aktivist Ibrahim Ibrahim, der sich gemeinsam mit dem Linken-Bundestagsabgeordneten Ferat Koçak ablichten ließ.
Ibrahim gilt laut dem Berliner Verfassungsschutz als langjähriger Aktivist mit Verbindungen zur "Volksfront für die Befreiung Palästinas" (PFLP), die von der EU und den USA als terroristische Organisation eingestuft wird.
Der Psychologe und Islamismus-Experte Ahmad Mansour (50) sieht mögliche Berührungspunkte zwischen Teilen des Clan-Milieus und der politischen Linken. In einem Podcast mit "Bild"-Journalist Paul Ronzheimer sagte er, bestimmte Gruppen könnten die antirassistische Haltung der Linken für sich nutzen, indem Maßnahmen gegen migrantische Kriminalität als rassistisch dargestellt würden.
Für die Berliner Linke kommt die Kontroverse zu einem schwierigen Zeitpunkt. Nach ihrem Wahlsieg will die Partei mit SPD und Grünen über eine mögliche Regierungsbildung sprechen.
Die Vorfälle auf der Wahlparty und die Fragen nach Kontakten einzelner Politiker dürften deshalb auch bei den anstehenden Gesprächen eine Rolle spielen.
Erstmeldung um 12.51 Uhr, aktualisiert um 15.34 Uhr
Titelfoto: Bernd von Jutrczenka/dpa

