Schichtdienst im Kraftwerk: Manchmal nur 20 Sekunden, um zu reagieren

Karlsruhe - Viele Kommandos braucht Kraftwerkmeister Mike Reddmann im Notfall nicht geben.

Mike Reddmann, Kraftwerksmeister beim Energiekonzern EnBW, sitzt in der Leitzentrale im Block 8 des Rheinhafen-Dampfkraftwerks Karlsruhe (RDK 8) und setzt auf sein eingespieltes Team.
Mike Reddmann, Kraftwerksmeister beim Energiekonzern EnBW, sitzt in der Leitzentrale im Block 8 des Rheinhafen-Dampfkraftwerks Karlsruhe (RDK 8) und setzt auf sein eingespieltes Team.  © Uwe Anspach/dpa

"Da weiß jeder, was zu tun ist", sagt der 43-Jährige. Er leitet in dieser Nacht die Schicht in Block 8 des Rheinhafen-Dampfkraftwerks Karlsruhe. Neben ihm als Blockmeister, der die gesamte Verantwortung trägt, sind das gerade mal zwei Kollegen, die von der Leitzentrale aus die Anlagen steuern - im Fachjargon: fahren - und zwei Maschinisten, die im Gebäude unterwegs sind. "Ein eingeschworenes Team", sagt Reddmann. Drin ist es taghell, Monitore flimmern. Draußen wird das Gelände beleuchtet.

Seit 1993 arbeitet Reddmann bei der EnBW, hat als Industriemechaniker angefangen und später eine Ausbildung zum Kraftwerker und schließlich den Meister gemacht. Beim Bau von Block 8 vor mehr als zehn Jahren war er dabei. Und am 7. August 2013, als während der Inbetriebnahme des Kohlekraftwerks Feuer im Maschinenhaus ausbrach.

"Da hat man schon gezittert", erinnert Reddmann sich. Am Fenster habe er die Flammen an der Turbine emporschlagen sehen. Weil Rauch in die Schaltzentrale gelangte, hätten sie mit Masken gearbeitet. Notknöpfe gedrückt, um ein Evakuierungsprogramm zu starten. "Das war schon eine Situation, wo das Herz in die Hose rutscht", sagt er.

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So ein Vorfall ist natürlich die absolute Ausnahme. "Wenn überhaupt, kommt sowas nur einmal im Leben eines Kraftwerkers vor", sagt Betriebsleiter Jürgen Szabadi. Die meisten Störmeldungen, die auf den Bildschirmen in einer grauen Liste je nach Schweregrad in orange oder rot aufschlagen, sind Routine und in der Regel leichter zu beheben.

Absoluter Stressfaktor

Blick auf den Block 7 des Rheinhafen-Dampfkraftwerks Karlsruhe. In drei Schichten arbeiten die Mitarbeiter hier.
Blick auf den Block 7 des Rheinhafen-Dampfkraftwerks Karlsruhe. In drei Schichten arbeiten die Mitarbeiter hier.  © Uwe Anspach/dpa

Manchmal geht es aber um Schutzfunktionen, etwa wenn der Wasserzufluss zum Kessel gestört ist. "Dann hast du 20 Sekunden Zeit zu reagieren", macht Reddmann deutlich. "Da muss man auf Zack sein." Das sei zwar ein absoluter Stressfaktor, mache den Job aber reizvoll.

Elektroniker, Mechatroniker, Industriemechaniker kämen dafür infrage, sagt Szabadi. "Aus dieser Klientel rekrutieren wir." An der Kraftwerksschule in Essen würden sie dann ausgebildet und legten eine Prüfung ab. Nach einer weiteren Praxisphase folge nochmals eine Prüfung vor der Industrie- und Handelskammer.

Die hinter der Kraftwerksschule stehende Genossenschaft KWS Energy Knowledge bietet viele Fortbildungskurse und versichert, auch in Zeiten der Energiewende, den Anschluss zu wahren: Das Angebot werde "im Zuge der Veränderungen im Energiemarkt (Stichworte: Dekarbonisierung, Digitalisierung und Dezentralisierung) stetig weiterentwickelt".

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Die Teams bei der EnBW durchlaufen je ein paar Tage Früh-, Spät- und Nachtschichten, erklärt Szabadi. Heißt: Start um 5.30, 13.30 oder 21.30 Uhr. Auf einen Lauf durch die Schichten von sieben Tagen folgen einige freie. Ob das was für einen ist, könnten schon Auszubildende testen. "Der Vorteil ist, dass Sie heute schon wissen, wo Sie am 24. Dezember sind", sagt der Betriebsleiter. Der Nachteil sei, dass man das ganze Leben auf die Schichtwechsel umstellen müsse.

Gerade die Nachtschichten seien gewöhnungsbedürftig, sagt Reddmann. "Wider den Biorhythmus." Die ersten fünf Jahre habe er kaum Probleme gehabt. Inzwischen sei das anders: "Die Erholungsphasen werden länger, die man braucht, um wieder fit zu werden."

Nachtschicht mit Vorteilen

Ein Mitarbeiter des Energiekonzerns EnBW sitzt in der Leitzentrale im Block 8 des Rheinhafen-Dampfkraftwerks Karlsruhe (RDK 8) vor Bildschirmen. Der Alltag in einem Kraftwerk ist Routine.
Ein Mitarbeiter des Energiekonzerns EnBW sitzt in der Leitzentrale im Block 8 des Rheinhafen-Dampfkraftwerks Karlsruhe (RDK 8) vor Bildschirmen. Der Alltag in einem Kraftwerk ist Routine.  © Uwe Anspach/dpa

Vorteile der Nachtschicht seien die Ruhe, "wenn nicht dauernd das Telefon klingelt". Daher schiebe er Arbeiten, für die er sich konzentrieren muss, möglichst dahin - schreibe etwa Störungsberichte. Auch für die Ausbildung neuer Kollegen sei nachts mehr Zeit.

Und selbst in der Nacht rufen immer mal wieder Kollegen aus Block 7 an, von der Kohleanlieferung oder einer der Maschinisten. Diese erkennen viele Störungen sogar eher als die Sensorik, wie Szabadi sagt. "Die Kollegen, die draußen laufen, müssen sich auf ihre Sinne verlassen."

Bei dem lauten Rauschen aus den Rohren voller Dampf und Wasser sicher nicht einfach. Mit den Fahrern an den Computern und Schaltflächen vor ihm bespricht Reddmann dann, was zu tun ist.

Block 8 ist für eine Leistung von 912 Megawatt ausgelegt. Bis zu 220 Megawatt Fernwärme können in das Netz der Stadt Karlsruhe gespeist werden. Die sogenannte Frischdampftemperatur beträgt 600 Grad, der Druck 275 bar. "Wir arbeiten hier mit sehr hohen Temperaturen und sehr hohem Druck", macht Szabadi deutlich. Und jedes einzelne Bauteil in der riesigen Anlage könne Probleme verursachen.

"Manche Störungen laufen auf, da kann man nichts machen", räumt Reddmann ein. Dann müssten im Zweifelsfall die Anlage abgeschaltet und Spezialisten gerufen werden. Das Meiste während einer Schicht kriege er aber gut in den Griff. Denn die Herausforderung bleibe immer die gleiche: das Kraftwerk so zu "fahren", dass es sicher und wirtschaftlich läuft sowie zum richtigen Zeitpunkt am Netz ist.

Vieles habe er im Laufe seiner Jahre als Kraftwerker dazugelernt, erzählt Reddmann. "Irgendwie habe ich auch gedacht, ich habe alle Optionen durch", sagt er. "Aber es kommt immer was Neues."

Titelfoto: Uwe Anspach/dpa

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