Walforscher wirft kritischen Blick auf Rettung in der Ostsee: Rescue Team könnte unterstützen

Wismar - Seit einer Woche läuft die Rettung des verirrten Buckelwals in der Ostsee. Im Gespräch mit TAG24 bewertet Walforscher Fabian Ritter die aktuelle Lage - und empfiehlt im Zweifel den Einsatz eines Rescue Teams. 

Fabian Ritter erforscht seit 30 Jahren Wale und Delfine.  © Serdar Dogan

Die Rettungsaktion mit dem Einsatz von mehreren Baggern hat weltweit für Aufsehen gesorgt. Selbst die New York Times berichtete über das Geschehen an Schleswig-Holsteins Ostseeküste. 

Auch Ritter, der sich derzeit auf den Kanarischen Inseln befindet und seit 30 Jahren mit seinem Verein M.E.E.R. e. V. Delfine und Wale erforscht, beobachtet die Versuche aus der Ferne. 

Aktuell irrt der Wal durch die Wismarbucht. Experten von Greenpeace und die Wasserschutzpolizei versuchen, den Wal von Flachwasser fernzuhalten.

Ostsee Vor der Insel Poel: Buckelwal sitzt schon wieder fest!

Die Meeresbiologen vor Ort sind sich einig darüber, dass der Wal in keiner guten Verfassung ist. "Was gut und gerne mit dem Seil oder Netzresten zu tun haben kann, die er offenbar noch im Maul trägt", meint Ritter.

Das würde ihn vermutlich mindestens daran hindern, Nahrung aufzunehmen. "Vielleicht liegen da auch Verletzungen im Maul vor, wenn zum Beispiel das Seil um die Zunge gewickelt ist", so der Autor des Buches "Wir Wale". 

Das Tier davon zu befreien, hält Ritter für schwierig. Sich dem Wal im Wasser zu nähern, könnte für den Meeressäuger Stress bedeuten. Und für den Menschen eine Verletzungsgefahr.

"Wenn es um die Befreiung eines Wals zum Beispiel aus Netzresten und dergleichen oder auch in Situationen wie in Niendorf geht, dann lautet die Empfehlung von internationalen Experten, dem Wal nicht zu nahe zu kommen", erklärt der Forscher.

Anzeige

Experte warnt vor Gefahren für Mensch und Tier

Robert Marc Lehmann (43) war nah am Wal. Ein Vorgehen, das Experten nicht empfehlen.  © Daniel Bockwoldt/dpa

Man sei gerade unter dieser medialen Begleitung auch immer ein Beispiel für viele Menschen, die sich mit dem Thema noch gar nicht beschäftigt hätten.

"Und natürlich sieht das erst einmal toll aus, wenn ein Mensch ins Wasser steigt und dem Wal direkt helfen will. Aber das könnte Nachahmer finden", fürchtet der zweifache Vater. 

Nachahmer, die es gut meinen, aber über keinerlei Erfahrung verfügen. "Und das bringt dann den Menschen und möglicherweise auch den Wal in prekäre oder gefährliche Situationen", sagt Ritter.

Ostsee Ausflug zu Kreidefelsen auf Rügen endet fast in Katastrophe

Sollte man sich dennoch dafür entscheiden, müsse man Experten einfliegen lassen. "Es gibt Rescue-Teams, zum Beispiel in England, in Italien, in anderen europäischen Nationen und international auch", erklärt der Experte. 

Aber man sollte dem Buckelwal zunächst Zeit zum Kräftesammeln geben. "Wenn er die nicht hat und sich nahe dem Tod befindet, dann kann man jetzt nichts mehr machen. Da müssen wir Menschen einfach auch anerkennen, dass unsere Mittel in solchen Fällen begrenzt sind und es geboten ist, der Natur ihren Lauf zu lassen", so Ritter.

Und Demut zu entwickeln. "Es sollte nicht darum gehen, sich selbst zu inszenieren oder die mediale Präsenz über Gebühr auszunutzen. Das gilt für alle Beteiligten", empfiehlt der Wissenschaftler.

"Es kommen mehrere Hunderttausend Delfine und Wale auf ähnliche Weise zu Tode - jedes Jahr. Wenn also diese Geschichte für irgendetwas gut ist, dann dass dieser Wal eine Mahnung an uns sein muss, unseren Umgang mit den Meeren zu überdenken", lautet Ritters Fazit. 

Mehr zum Thema Ostsee: