Kultusminister Christian Piwarz zum alten und neuen Schuljahr: "Ohne Lehrer geht es nicht"

Sachsen - Schüler in Sachsen erhielten am Freitag Zeugnisse. Ab morgen bieten Oberschulen und Gymnasien "Sommerschulen" an: Extra-Unterricht zum Üben und Lernen, denn dieses Schuljahr 2019/20 lief alles andere als "normal" ab für den Nachwuchs, die Eltern, Lehrer und Verwaltung. Wegen der Corona-Pandemie waren Schulen und Kitas wochenlang geschlossen. Erst nach den Ferien wird man zum Regelbetrieb an den Schulen zurückkehren.

Christian Piwarz (44, CDU) ist seit 2006 Mitglied des Sächsischen Landtags und seit 18. Dezember 2017 Sächsischer Staatsminister für Kultus. Er gilt als enger Vertrauter des Ministerpräsidenten Michael Kretschmer.
Christian Piwarz (44, CDU) ist seit 2006 Mitglied des Sächsischen Landtags und seit 18. Dezember 2017 Sächsischer Staatsminister für Kultus. Er gilt als enger Vertrauter des Ministerpräsidenten Michael Kretschmer.  © Thomas Türpe

Im Interview sprach Kultusminister Christian Piwarz (44, CDU) mit Redakteurin Pia Luchesi (46) über Corona, Digitalisierung und Lehrermangel.

TAG24: "Endlich Ferien", sagen die Schulkinder. Sagt das auch der Kultusminister nach diesem turbulenten Schuljahr?

Christian Piwarz: Ja. Es ist gut, dass wir jetzt Zeit haben, Kraft zu tanken. Auch das neue Schuljahr wird kein einfaches werden. Das steht jetzt schon fest.

TAG24: Die Corona-Pandemie prüfte das Sächsische Bildungssystem auf Herz und Nieren. Mit welcher Note hat es den Test bestanden?

Piwarz: Ich will zum jetzigen Zeitpunkt keine Noten geben, weil wir noch mitten im Geschehen sind. Wir bewegen uns zwar hin zum Regelbetrieb unter Pandemiebedingungen, aber wir wissen nicht, was noch auf uns zukommt. Möglicherweise müssen wir wieder partiell und punktuell Schulen und Kindergärten schließen.

Ein Schüler nimmt mit Maske am Unterricht teil. Der Schulalltag unter Pandemiebedingungen ist eine Herausforderung für alle Beteiligten.
Ein Schüler nimmt mit Maske am Unterricht teil. Der Schulalltag unter Pandemiebedingungen ist eine Herausforderung für alle Beteiligten.  © dpa/Sven Hoppe

TAG24: Wo bekam das System bis jetzt seine Grenzen aufgezeigt?

Piwarz: Es sind zum einen technische Grenzen. Sie betreffen vor allem den Breitbandausbau- und Anschluss von Schulen und Haushalten im ländlichen Raum. Eine der Hauptgrenzen liegt im pädagogischen Bereich. Wir haben gemerkt, dass es ohne Lehrer und ihre Interaktion mit den Schülern auf längere Zeit nicht geht.

TAG24: Ist Unterricht ohne Schulbesuch für Sie ein Zukunftsmodell?

Piwarz: Nein. Wir brauchen das Miteinander von Schülern und Lehrern im Alltag an der Schule. Das heißt nicht, dass bestimmte Bildungsinhalte und das selbstständige digitale Lernen keine Zukunft haben. Dort müssen wir weiter arbeiten. Wir haben einen gewaltigen Entwicklungsschub beim Umgang mit digitalen Lernmitteln gemacht.

TAG24: Haben Sie dafür ein Konzept?

Piwarz: Wir stecken mitten im Prozess der Digitalisierung. Jetzt ist entscheidend, dass wir uns pädagogisch darauf vorbereiten, eventuell wieder keinen Präsenzunterricht anbieten zu können. Es reicht nicht, im Online-Unterricht einen Text oder ein Arbeitsblatt im PDF-Format per E-Mail zu verschicken. Wir brauchen Videokonferenzen und Webinare, in denen Schülern der Lehrstoff so nahe gebracht wird wie sonst im Klassenzimmer.

Schüler der Grundschule Georgius Agricola in Freiberg arbeiten an einem Laptop. Im Zuge der Digitalisierung fließen Millionen in die Ausstattung von Schulen.
Schüler der Grundschule Georgius Agricola in Freiberg arbeiten an einem Laptop. Im Zuge der Digitalisierung fließen Millionen in die Ausstattung von Schulen.  © dpa/Sebastian Kahnert

TAG24: Bund und Land stellen bis 2024 insgesamt 250 Millionen Euro bereit für die Digitalisierung an den Schulen. Rufen die Schulen das Geld auch ab?

Piwarz: Uns liegen Anträge im Volumen von 224 Millionen Euro vor. 163 Millionen Euro sind schon bewilligt. Die Frist zur Beantragung der Mittel haben wir um drei Monate verlängert bis zum 30.9.2020.

TAG24: Wird es weitere Förderprogramme geben?

Piwarz: Ja. Im Moment rollen wir die Mittel aus dem Digitalpakt II aus. Da geht es um 28 Millionen Euro für mobile Endgeräte. Wir wollen das Geld rasch ausreichen, damit es zu Schuljahresbeginn vor Ort einsetzbar ist zum Kauf von Geräten. Der Digitalpakt III mit dem Bund ist in Rede. Er hat die fachliche Beratung im Fokus. Für Sachsen sind da weitere 28 Millionen Euro im Gespräch.

TAG24: Macht das Ministerium den Schulen Vorgaben, welche Technik angeschafft wird?

Piwarz: Nein, denn es geht um eine generelle Ausstattung der Schulen entsprechend ihrer Bedürfnisse. Vom Ansatz, nur Kinder von bedürftigen Familien auszustatten, hat sich der Bund verabschiedet. Wir sprechen hier insgesamt von etwa 41.000 mobilen Endgeräten bei einem Stückpreis von 600 Euro für die 19.000 Schulklassen in Sachsen.

Wegen der Corona-Pandemie waren die Schulen wochenlang geschlossen. Die Kinder lernten daheim und die Eltern übernahmen vielerorts das Unterrichten. Das war eine neue (Grenz-)Erfahrung für die Familien.
Wegen der Corona-Pandemie waren die Schulen wochenlang geschlossen. Die Kinder lernten daheim und die Eltern übernahmen vielerorts das Unterrichten. Das war eine neue (Grenz-)Erfahrung für die Familien.  © imago images/Westend61

TAG24: Hat das Schulbuch ausgedient, wenn Laptops und Tablets bald Standard werden?

Piwarz: Die Bedeutung des Schulbuches wird zurückgehen. Gebraucht werden sie in Zukunft aber nach wie vor.

TAG24: Angenommen, eine zweite Corona-Welle kommt. Was würden Sie jetzt als Minister anders machen?

Piwarz: Mit dem heutigen Wissen über das Coronavirus sage ich, dass Schulschließungen nur noch die Ultima Ratio sind. Wir möchten Kitas und Schulen möglichst lange offenhalten.

TAG24: Sie möchten bis 2025 eine komplett neue Lehrplan-Generation erarbeiten. Werden die Corona-Erfahrungen dabei berücksichtigt?

Piwarz: Ja, sicherlich. Wir müssen auf die neuen Anforderungen der Arbeitswelt, Technik sowie im Bereich von Wissenschaft und Gesellschaft reagieren. Wir diskutieren das jetzt intern unter dem Schlagwort 'Bildungsland 2030'. Später werden wir diese Debatte ganz breit fortführen mit Experten, Lehrer- und Schülervertretungen und der Öffentlichkeit. Es wäre töricht, das Abstecken dieser Ziele der Politik allein zu überlassen.

Stühle stehen in einer Schule auf den Tischen. Im Kampf gegen die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus will der Kultusminister flächendeckende Schulschließungen nur noch in Ausnahmesituationen anordnen.
Stühle stehen in einer Schule auf den Tischen. Im Kampf gegen die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus will der Kultusminister flächendeckende Schulschließungen nur noch in Ausnahmesituationen anordnen.  © dpa/Sebastian Kahnert

TAG24: Vor Corona überlagerte das Thema Lehrermangel die Bildungspolitik. Wie laufen aktuell die Einstellungsverfahren?

Piwarz: Wir wollen zum 1. August 1100 Lehrerstellen besetzen. 1271 grundständig ausgebildete Bewerber haben ihre Unterlagen abgegeben. Wir hoffen, so viele wie möglich einstellen zu können. Insbesondere im ländlichen Raum, sowie an den Ober- und Förderschulen herrscht großer Bedarf.

TAG24: Wann ist dieses Tal der Tränen durchschritten?

Piwarz: Die Talsohle liegt hinter uns. Aber es ist mühsam, denn nun kommen steile Berghänge. Das Thema wird uns noch Jahre beschäftigen.

Titelfoto: Thomas Türpe

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