Poster-Boy, Knacki, Serienheld auf Disney+: Das verrückte Leben des Sachsen Sam Meffire

Dresden - Samuel "Sam" Njankouo Meffire ist eine Reizfigur der jüngeren sächsischen Geschichte.

Samuel Meffire (52) lebt heute in Bonn. Er ist verheiratet, Vater von zwei kleinen Töchtern und einem Sohn (33). Seinen Lebensunterhalt verdient er als Trainer für Gefahrenlagen für Teams in der Flüchtlingshilfe und im Rettungswesen sowie als Betreuer von traumatisierten Kindern und Jugendlichen.
Samuel Meffire (52) lebt heute in Bonn. Er ist verheiratet, Vater von zwei kleinen Töchtern und einem Sohn (33). Seinen Lebensunterhalt verdient er als Trainer für Gefahrenlagen für Teams in der Flüchtlingshilfe und im Rettungswesen sowie als Betreuer von traumatisierten Kindern und Jugendlichen.  © Eric Münch

Der erste schwarze Polizist Ostdeutschlands stieg als Star einer Anti-Rassismus-Kampagne Anfang der 1990er-Jahre kometenhaft zum Liebling von Medien und Politik auf.

Wenig später, als Unternehmer, versagte er, wurde kriminell und international gesuchter Staatsfeind. Mit "Ich, ein Sachse" legt Samuel Meffire nun seine Memoiren vor. Zum Verkaufsstart des Buches sprach TAG24-Redakteurin Pia Lucchesi (49) mit dem 52-Jährigen.

Mit am Tisch saß dabei Filmproduzent Jörg Winger (53), der für Disney+ eine Serie über Meffires Leben produziert hat.

Wie würde Meffires Leben ohne die Kampagne aussehen?

Sam Meffire wurde durch die Anti-Rassismus-Kampagne "Ein Sachse" überregional bekannt. Er floh 1995 nach Zaire (heute: Demokratische Republik Kongo), nachdem er in Sachsen straffällig geworden war.
Sam Meffire wurde durch die Anti-Rassismus-Kampagne "Ein Sachse" überregional bekannt. Er floh 1995 nach Zaire (heute: Demokratische Republik Kongo), nachdem er in Sachsen straffällig geworden war.  © picture-alliance / dpa

TAG24: Wie oft haben Sie es schon bereut, dass Sie 1992 bei der Kampagne gegen Ausländerfeindlichkeit mitgemacht haben?

Samuel Meffire: Das war eine hyperintelligente Kampagne zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Aber mit dem falschen Mann. Ich wollte nicht wirklich Teil der Kampagne sein, doch schließlich wurde mein Bild von der Werbeagentur ausgewählt. Ich habe mich seither vielmals selbst verflucht - wegen meines Unvermögens, mit dem Hype umzugehen, der damals über mich hereinbrach. Es war übrigens die Morgenpost, die mich damals enttarnt hatte. Vorher kannte man nur mein Gesicht, aber nicht meinen Namen und Beruf.

TAG24: Was wäre aus Ihnen geworden ohne die Kampagne?

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Meffire: Wahrscheinlich würde ich heute noch in Dresden leben, wäre Hauptkommissar und hätte 30 Kilo zu viel auf den Rippen.

Kindheit in Sachsen laut Meffire "Hölle im Miniformat"

Die titelgebende Hauptrolle übernahm in der Serie Malick Bauer. Mit höchstem Einsatz und zudem verblüffender Ähnlichkeit verkörpert der Schauspieler Samuel Meffire.
Die titelgebende Hauptrolle übernahm in der Serie Malick Bauer. Mit höchstem Einsatz und zudem verblüffender Ähnlichkeit verkörpert der Schauspieler Samuel Meffire.  © PR/© The Walt Disney Company

TAG24: Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Ihre Kindheit in Sachsen in Ihrer Erinnerung eine "Hölle im Miniformat" war. Was hat man Ihnen geboten, dass Sie sich Ihrer Vergangenheit jetzt so intensiv noch einmal stellen?

Meffire (lacht): Ist das eine Frage nach dem Preis oder meiner geistigen Gesundheit? Ernsthaft: Es wäre Bullshit und geschwindelt, wenn ich sagte, Geld interessiert mich nicht. Ich bin Vater von drei Kindern, muss täglich dafür sorgen, dass der Kühlschrank gefüllt ist. Es ist ein Geschenk, dass Disney+ sich für meine Lebensgeschichte interessiert und für den Einkauf der Rechte noch etwas bezahlt, wofür eine Straßenbahnfahrerin in Dresden wahrscheinlich sehr, sehr, sehr lange arbeiten gehen muss.

TAG24: Finden Sie das fair?

Meffire: Mir ist klar, dass das nicht fair ist. Wenn es nach der Lebensleistung geht, hätte man einen Film über meine Pflegemutter machen müssen, die in Dresden als Gemeindeschwester sterbende Menschen auf ihrer letzten Reise begleitet hat - nicht über mich. Aber ich habe die Gelegenheit genutzt und mit dem Geldsegen meine Schulden bezahlt.

Ende 1994 trat Samuel Meffire aus der Polizei Sachsen aus und gründete eine Sicherheitsfirma. Das Unternehmen lief nicht. Der ehemalige Vorzeigepolizist wurde kriminell und als Straftäter verurteilt.
Ende 1994 trat Samuel Meffire aus der Polizei Sachsen aus und gründete eine Sicherheitsfirma. Das Unternehmen lief nicht. Der ehemalige Vorzeigepolizist wurde kriminell und als Straftäter verurteilt.  © Hartmut Richter

Meffire: "Ich weiß um die Absturzgefahr"

Mit gesenktem Kopf erwartet Sam Meffire am 2. Oktober 1996 das Urteil der 3. Strafkammer des Dresdner Landgerichtes. Es wurde wegen mehrerer Raubdelikte zu neun Jahren und neun Monaten Gefängnis verurteilt.
Mit gesenktem Kopf erwartet Sam Meffire am 2. Oktober 1996 das Urteil der 3. Strafkammer des Dresdner Landgerichtes. Es wurde wegen mehrerer Raubdelikte zu neun Jahren und neun Monaten Gefängnis verurteilt.  © picture-alliance/dpa

TAG24: Das Landgericht Dresden verurteilte Sie 1996 wegen Raubes, schwerer Körperverletzung und Nötigung zu neun Jahren und neun Monaten Gefängnis. Der Staatsanwalt warf Ihnen professionelle Planung und massive Brutalität bei den Überfällen auf ein Dresdner Rentnerpaar, eine Diskothek und eine Postfiliale vor. Ist Ihnen klar, dass Menschen in Sachsen Sie für diese Taten immer noch hassen?

Meffire: Ja. Zu Recht und völlig nachvollziehbar für mich. Ich habe innerlich sehr lange abgewogen, ob ich mich noch einmal so in die Öffentlichkeit begebe. Ja, ich habe dabei auch Höhenangst, denn ich weiß um die Absturzgefahr.

TAG24: Warum tun Sie es noch einmal?

Meffire: Ich bin der letzte aus meiner Familie, der diese Geschichte erzählen kann. Ich war schwer krank. Ich weiß nicht, wie viel Zeit ich noch auf der Uhr habe. Aber ich spüre eine Verantwortung für all die, die nicht mehr für sich selbst sprechen können. Ich habe versucht, im Buch kritisch zu reflektieren. Ich hoffe, ich kann so einen Heilungsprozess anstoßen. Denn ich sehe mich in der Pflicht, persönlich Verantwortung zu übernehmen.

Meffire: "Dresden ist mir heute vertraut und fremd zugleich"

Samuel Meffire (52, r.) und Jörg Winger (53) im Gespräch mit Redakteurin Pia Lucchesi (49).
Samuel Meffire (52, r.) und Jörg Winger (53) im Gespräch mit Redakteurin Pia Lucchesi (49).  © Eric Münch

TAG24: Als schwarzer Jugendlicher in Dresden fühlten Sie sich nirgends sicher. Wie fühlt es sich heute für Sie an, durch Dresden zu gehen?

Meffire: Ich bin jetzt in Bonn tief verwurzelt und beschreibe mich heute als Sachse im glücklichen Exil. Dresden ist mir heute vertraut und fremd zugleich. Das Haus meiner Großeltern ist so geblieben, wie es in meiner Kindheit war. Andere Plätze und Straßen erkenne ich kaum wieder. Die Stadt ist schön geworden. Das Gefühl von Geborgenheit gibt sie mir dennoch nicht. Ich sehe in etlichen Gesichtern auf der Straße Enttäuschung und Kränkung. Das macht mich traurig.

Titelfoto: Bildmontage: PR/© The Walt Disney Company/Eric Münch

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