Großeinsatz in Schwarzenberg: Neun Polizisten jagen einen Kater

Schwarzenberg - Weil ein Kater nicht mehr nach Hause kam, schickte die Polizei neun Beamte in den Ortsteil Grünstädtel. Früh um acht wurde die Dorfstraße abgeriegelt, dann gingen die Polizisten bewaffnet und mit Schutzwesten in das Büro eines Pflegedienstes und wedelten mit einem Durchsuchungsbeschluss. Der Kater schaute sich das seltsame Treiben derweil interessiert von der Straße aus an.

Astrid Bär musste Polizisten von einem Einbruch abhalten.
Astrid Bär musste Polizisten von einem Einbruch abhalten.  © Kristin Schmidt

Es ist schon über ein Jahr her, dass der rötliche Kater erstmals durch die offene Haustür des Pflegedienstes "Sigi" stromerte. Offensichtlich gefiel es ihm hier so gut, dass er immer wieder kam. Bald erhielt er den Namen "Siggi", auf den er auch reagiert.

Pflegedienst-Chefin Astrid Bär: "Er ist ein Freigänger, aber er schaut sehr oft bei uns vorbei. Wenn früh um sechs eine Schwester die Tür öffnet, schlüpft er schon mit rein."

Erst später erfuhr sie von einer Nachbarin zwei Häuser weiter, dass Siggi deren Kater sei. Und weil dem Schnurrer die Tür des Pflegedienstes trotzdem offen stand, stellte die eine Anzeige.

Somit standen vor elf Tagen zwei Kripo-Beamte im Büro. Dies sei keine Vernehmung, sondern ein Gespräch wegen Unterschlagung einer Katze.

Astrid Bär: "Ich sagte ihnen, dass ich den Kater ja nicht einsperre. Er kann sich frei bewegen. Ich weiß nicht, warum er sich lieber bei uns aufhält als bei seiner Besitzerin." Katzen sind nun mal recht eigensinnig.

Immer wieder wartet Kater Siggi vor der Tür des Pflegedienstes. Hier fühlt er sich halt heimisch. Über seine Gründe wurde er von der Polizei nicht befragt.
Immer wieder wartet Kater Siggi vor der Tür des Pflegedienstes. Hier fühlt er sich halt heimisch. Über seine Gründe wurde er von der Polizei nicht befragt.  © Astrid Bär

Während dieses Besuchs ging Kater Siggi seinem üblichen Tagwerk nach: draußen herumstromern. Als die Polizisten sich dann anschickten, zur Kontrolle eine Wohnungstür aufzubrechen, fragte Frau Bär nach dem Durchsuchungsbeschluss.

Den hatten die Beamten nicht und trollten sich mit der Ansage: "Wenn Sie den Kater nicht herausgeben, holen wir ihn." Astrid Bär: "Ich habe innerlich abgewunken und war sicher, die bluffen."

Bis an diesem Montag drei Mannschaftswagen und ein Tierfänger-Kleinbus die Straße und die Einfahrt absperrten. Diesmal war ein Beschluss dabei, doch die geplante Durchsuchung sparten sich die Polizisten. Bereits bei ihrer Ankunft sprang Siggi vom Balkon in ein Nachbargrundstück und schaute sich das Treiben von dort neugierig an.

Eine Polizistin, bewaffnet mit einem Leckerli, fing den Kater wirklich ein. Doch als sich ein Beamter mit Transport-Box näherte, roch Siggi den Braten, riss sich los und suchte die Sicherheit hinter einem Zaun. Die Lockgeräusche, die einige Beamte mit ihrem Mund erzeugten, ignorierte er. Erst als der Aufmarsch abgezogen war, schüttelte er Leib und Kopf und schlenderte über die Straße.

Die Pflegedienst-Inhaberin ist ob des massiven Polizeiaufgebotes sprachlos. Astrid Bär: "Vor wenigen Tagen war die 13-jährige Tochter einer Kollegin verschwunden. Die Polizei sagte ihr, sie habe kein Personal." Erst am Dienstag berichtete TAG24, dass das Revier Aue - auch für Schwarzenberg zuständig - die meisten Überstunden im Freistaat vor sich herschiebt.

Das sagen die Behörden

Die Polizei rückte mit drei Mannschaftswagen und einem gelben Tierfänger-Bus an.
Die Polizei rückte mit drei Mannschaftswagen und einem gelben Tierfänger-Bus an.  © Astrid Bär

Wegen des Grundrechts auf Unverletzlichkeit der Wohnung wird eine Durchsuchung meist nur bei Verdacht auf schwere Straftaten richterlich beschlossen. Richterin Birgit Feusting vom Amtsgericht Chemnitz verweist auf die Staatsanwaltschaft, die für Auskünfte zuständig sei.

Staatsanwältin Ingrid Burghart: "Nachdem die Beschuldigte den Kater trotz zweimaliger Aufforderung der Eigentümerin nicht herausgegeben hatte, hat das Amtsgericht Chemnitz auf Antrag der Staatsanwaltschaft den Durchsuchungsbeschluss wegen Unterschlagung erlassen."

Doch scheint man bei der Staatsanwaltschaft gar nicht zu wissen, dass sich die Beschuldigte bereits ausführlich geäußert hatte. Sprecherin Burghart: "Das Ermittlungsverfahren wegen Unterschlagung wird nun fortgesetzt, insbesondere wird – soweit noch nicht erfolgt - die Beschuldigte zum Tatvorwurf gehört werden." Für die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen sei aber die Polizei zuständig.

Polizeisprecher Andrzej Rydzik: "Da es sich um ein dreistöckiges Gebäude mit mehreren Wohn- und Geschäftsräumen handelt, wurde die Unterstützung durch sieben Kollegen der Bereitschaftspolizei dankend angenommen." Im Sinne des Tierwohls sei der Einsatz abgebrochen worden.

Die Selbstkritik bezieht sich nicht auf den Grundrechts-Eingriff wegen einer Lappalie, sondern auf den Fehlschlag: "Was uns am Ende wegen des Katzenjammers blieb, ist die Erkenntnis, dass das Einfangen von Tieren nicht unsere Paradedisziplin ist und auch nicht werden wird."

Der Durchsuchungsbeschluss wurde zwei Tage später ausgestellt.
Der Durchsuchungsbeschluss wurde zwei Tage später ausgestellt.  © Kristin Schmidt
Der Tierfang-Kommando rückte erfolglos ab, die Waffen blieben stecken.
Der Tierfang-Kommando rückte erfolglos ab, die Waffen blieben stecken.  © Imago

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