Auch nach 30 Jahren: Die ungelösten Rätsel im Mordfall Heike Wunderlich

Die Vogtländerin Heike Wunderlich (†18)
Die Vogtländerin Heike Wunderlich (†18)  © Matthias Lippmann

Zwickau/Plauen - Es regnete in Strömen an jenem 9. April 1987. Die junge Stickerin Heike Wunderlich kam mit ihrem Moped auf dem Weg von der Abendschule, wo sie sich auf ihr Ingenieurstudium vorbereitete, noch einmal bei ihrer Freundin vorbei.

Gegen 21.45 Uhr - der Regen hatte etwas nachgelassen - fuhr sie los ins heimatliche Altensalz. Dort kam sie niemals an.

Tags darauf machte ein junger NVA-Soldat eine grausame Entdeckung. Während einer Pause am Waldesrand bemerkte er in 60 Metern Entfernung ein Blinken im Gebüsch - das Simpson-Moped.

Jetzt, 30 Jahre später, berichtet Jörg J. (50) dem Gericht: "Ich sah eine junge Frau auf dem Boden liegen, mit gespreizten Beinen, der Kopf halb mit Laub und Ästen verdeckt. Ich war geschockt.

Ihr Moped wurde unweit der Leiche in einem Waldstück gefunden. Der Regen hat alle verwertbaren Spuren abgewaschen.
Ihr Moped wurde unweit der Leiche in einem Waldstück gefunden. Der Regen hat alle verwertbaren Spuren abgewaschen.  © Polizei

Ich sprach die Frau an, aber sie reagierte nicht. Da war mir klar, dass sie tot war."

Die damals erstellten Tatort- und Sektionsprotokolle lassen nur den Schluss zu, dass Heike Wunderlich in ihren letzten Stunden ein Martyrium erleiden musste und missbraucht wurde.

Um den Hals, der massive Drosselspuren aufwies, waren Unterwäscheteile und ein Gummiband vom Gepäckträger des Mopeds geschlungen.

Fast der gesamte Körper, vom Gesicht über den Hinterkopf bis zu den Waden, wies Zeichen von Gewalteinwirkung auf. Schürfwunden und Blutergüsse überall.

Und es gibt Details, die man eigentlich nicht wissen will. Spermaspuren wurden zwar nicht gefunden. Doch in der Vagina des Opfers fand sich eine Eine-Mark-Münze. Blutungen in diesem Bereich und im Darm des Opfers konnten nur ausgelöst worden sein, als es noch lebte. Rechtsmediziner Hans-Peter Kinzl (70): "Es war eine brutale Vergewaltigung."

Am Tatort nicht gefunden wurden Heikes Armbanduhr, der Personalausweis und die 700 Mark Monatslohn, die ihr der VEB Plauener Gardine an jenem Tag bar ausgezahlt hat. Weder Fingerabdrücke noch Reifenspuren konnten festgestellt werden - inzwischen hatte es wieder in Strömen geregnet...

Ein Waldstück am Voightsgrüner weg heute. Hier wurde die schreckliche Tat begangen. Die Straße in der Nähe der Talsperre Pöhl war schon damals schwach frequentiert.
Ein Waldstück am Voightsgrüner weg heute. Hier wurde die schreckliche Tat begangen. Die Straße in der Nähe der Talsperre Pöhl war schon damals schwach frequentiert.  © Igor Pastierovic

Plauen - Knapp 30 Jahre nach einem brutalen und grausamen Mord steht endlich ein Tatverdächtiger vor Gericht.

Aus der Sicht der damaligen Kommissare grenzt es fast an ein Wunder, dass der Fall der Heike Wunderlich (†18) jetzt tatsächlich gelöst werden könnte.

Freilich kamen mit der DNA-Analyse revolutionäre Ermittlungsmethoden und mächtige Werkzeuge in die Hände der Kriminalisten.

Doch ohne die bewundernswerte Beharrlichkeit eines Kommissars wäre dieser Erfolg niemals gelungen.

Kriminalhauptkommissar Enrico Petzold (48) gab auch Jahre nach der Tat die Ermittlungen nicht auf.
Kriminalhauptkommissar Enrico Petzold (48) gab auch Jahre nach der Tat die Ermittlungen nicht auf.  © Klaus Jedlicka

Lange Zeit galt der grausame Mord an der jungen Vogtländerin Heike Wunderlich (†18) von 1987 als unklärbar.

Immer wieder sollte er zu den Akten gelegt werden. Und dennoch steht jetzt - 30 Jahre nach der schrecklichen Tat - ein Verdächtiger vor Gericht.

Dass es soweit kam, ist nicht nur den immer ausgefeilter werdenden Methoden der Genanalytik zu verdanken.

Sondern auch der Beharrlichkeit eines Kommissars, der sich die Aufklärung zu einer Lebensaufgabe gemacht hatte.

Unermüdlich verfolgt der der Kommissar noch einmal alle Spuren und Hinweise: Haben wir irgendetwas übersehen?
Unermüdlich verfolgt der der Kommissar noch einmal alle Spuren und Hinweise: Haben wir irgendetwas übersehen?  © Klaus Jedlicka

Hunderte Zeugen wurden befragt, zwei Dutzend Tatverdächtige ermittelt, unzählige Spuren verfolgt.

Für den jungen Leiter der Mordkommission Karl-Marx-Stadt, den damals 30-jährigen Jürgen Georgie, war die erfolglose Suche äußerst frustrierend.

Das komplette Repertoire der DDR-Kriminalistik war ausgeschöpft, die Spurenlage miserabel.

Als die Akte 1989 vorläufig und 1991 endgültig geschlossen wurde, war das für die Ermittler ein Niederschlag. Man weiß, da draußen rennt noch immer ein brutaler und gefährlicher Mörder herum - das lässt einen nicht los.

Noch 25 Jahre nach dem Verbrechen sagte Georgie zu dem Fall:

"Hoffnung hat man als Polizist immer, auch weil es für die Familie sehr wichtig wäre."

Polizeipräsident Jürgen Georgie biss sich an dem Fall die Zähne aus.
Polizeipräsident Jürgen Georgie biss sich an dem Fall die Zähne aus.  © Agentur/Corinna Karl

Den Angehörigen eines Opfers - im Fall Wunderlich die Eltern und zwei Brüder - fühlt man sich als Kriminaler besonders verpflichtet. Es geht um Gewissheit, Abschluss, Ruhe, Sühne und Genugtuung.

Nicht selten geben die Ermittler ein Art Versprechen ab, den Täter ausfindig zu machen. Das ist Ehrensache!

So fiel auch Jürgen Georgie (61) - inzwischen Sachsens Polizeipräsident - ein Stein vom Herzen, als vor einem Jahr der Tatverdächtige gefasst wurde. Und er weiß, bei wem er sich bedanken muss: "Nur dank der Beharrlichkeit unseres Kollegen, seinem Wissen, seiner Zähigkeit und Cleverness konnten wir unser Versprechen gegenüber der Familie einlösen."

Über 15 Jahre spaß Enrico Petzold unnachgiebig an dem Fall. Nachdem der Tatverdächtige gefasst wurde, kann er wohl bald die Akten für immer schließen.
Über 15 Jahre spaß Enrico Petzold unnachgiebig an dem Fall. Nachdem der Tatverdächtige gefasst wurde, kann er wohl bald die Akten für immer schließen.  © Klaus Jedlicka

Gemeint ist Kriminalhauptkommissar Enrico Petzold (48) von der Mordkommission Zwickau.

Als Heike Wunderlich ermordet wurde, war er gleichaltriger Abiturient in Lichtenstein.

Wie die meisten DDR-Bürger hat er von dem Verbrechen nichts mitbekommen. Erst im Jahr 2000 sollte er das erste Mal mit den Akten in Berührung kommen.

Denn kurz vorher hatte das LKA Dresden ein genanalytisches Labor eröffnet. Die Akten aller ungelösten Kapitalverbrechen wurden erneut geöffnet, die Asservaten auf DNA-Spuren untersucht. Auch nach dem genetischen Fingerabdruck von Heikes Mörder.

Kriminalistische Kleinarbeit ist meist weniger actionreich als im "Tatort".

Steffen Schulze vom LKA Dresden konnte die DNA des Täters mit neuen Methoden isolieren.
Steffen Schulze vom LKA Dresden konnte die DNA des Täters mit neuen Methoden isolieren.  © Theo Stiegler

Für KHK Petzold begann zunächst ein detailliertes Aktenstudium.

Dazu suchte er alle Leute noch einmal auf, die bereits vor 15 Jahren vernommen wurden. Auch die damals Tatverdächtigen, die er gleich um eine Speichelprobe für den Abgleich bat. Hunderte Male war er im Vogtland, auch oft am Tatort, um die Situation zu verinnerlichen.

Petzold: "Auch ich habe den Eltern die Zusicherung gegeben, alles zu tun, dass dieses Verbrechen aufgeklärt wird." Dass es mehr als anderthalb Jahrzehnte dauert, ahnte er freilich nicht. Und unter den weit über 3000 Gen-Tests, die er in Auftrag gab, gab es keine Treffer. War die Hoffnung ein Schuss in den Ofen?

Petzold war ja vornehmlich ins Tagesgeschäft eingebunden. Etwa bei der Entführung und bestialischen Ermordung von Ayla (2005).

"Das Aktuelle hat immer Vorrang." Doch sobald es möglich war, vertiefte er sich voller Ehrgeiz erneut in den uralten Fall.

Und er gab niemals auf. Immer wieder bat er die Medien (ZDF, MDR, Morgenpost), aktuelle Ergebnisse der Ermittlungen zu veröffentlichen und Zeugenaufrufe zu starten. Petzold: "Selbst 20 Jahre nach dem Mord meldeten sich neue Hinweisgeber und es entwickelten sich neue Ansätze." Die liefen jedoch ins Leere.

Die Behörden wollten den Fall wegen der scheinbaren Aussichtslosigkeit vom Tisch haben. Petzold: "Es stand immer im Raum, dass die Akte geschlossen wird. Und Kollegen meinten schon, dass der Fall mein Hobby wäre. So richtig glaubte niemand an einen Erfolg." Gemeinsam mit dem Zwickauer Staatsanwalt Holger Illing verhinderte er mehrfach das vorzeitige Aus der Ermittlungen.

Staatsanwalt Holger Illing erhebt jetzt die Anklage wegen Mordes.
Staatsanwalt Holger Illing erhebt jetzt die Anklage wegen Mordes.  © dpa/Arno Burgi

Überzeugen konnte er auch, weil er sich stets mit neuesten Methoden der DNA-Analyse beschäftigte:

"Wir erleben auf diesem Gebiet quasi aller fünf Jahre eine Revolution." Insgesamt vier Mal schickte er das Material zur erneuten Analyse.

So auch im Jahr 2015. Steffen Schulze vom LKA Dresden zerschnitt die Mordwaffe (Heikes BH) in 22 kleine Stücke und konnte mit einem neuen Verfahren neue Gensegmente isolieren.

Diesmal gab es erstmals einen Treffer in der landesweiten Straftäterdatei. Und nach 29 Jahren erfolgte endlich ein Zugriff.

Damit es die Angehörigen nicht aus dem Radio erfahren, fuhr Petzold unmittelbar nach der Festnahme vorbei. Auch wenn er über diesen hochemotionalen Moment nicht gern sprechen mag: Es war der Höhepunkt des bisherigen Ermittlerdaseins.

Inzwischen belächelt ihn niemand mehr, alle klopfen ihm auf die Schulter. Für seine Zähigkeit und Cleverness erhielt Enrico Petzold einen Kriminalisten-Orden - er gilt als Vorbild seiner Zunft.

Und er bleibt trotzdem bescheiden. Petzold: "Glück und Zufall gehören auch immer dazu." Aber beides will erarbeitet sein.

Der Strafprozess im Fall Wunderlich könnte recht lange dauern. Im Juli ist eine Pause geplant.
Der Strafprozess im Fall Wunderlich könnte recht lange dauern. Im Juli ist eine Pause geplant.  © DPA

Der Angeklagte schweigt zu den Vorwürfen.

Am 12. Dezember begann vor dem Landgericht Zwickau der außergewöhnliche Prozess gegen den Tatverdächtigen Helmut St. (61).

Zunächst sind 49 Zeugen und drei Sachverständige eingeladen. Ungewöhnlich auch der Umfang der Akten: 158 Ordner mit 60 000 Blatt Papier.

Die Staatsanwaltschaft Zwickau erhob Anklage wegen Mordes „zur Befriedigung seines Geschlechtstriebes und zur Verdeckung eines vorangegangenen Sexualdeliktes“.

Als Hauptindiz wird angeführt, dass die DNA des Angeklagten mit der am Mordwerkzeug (BH) gefundenen übereinstimmt.

Helmut St. (61) äußert sich nicht nur Tat. Doch der genetische Fingerabdruck spricht gegen ihn.
Helmut St. (61) äußert sich nicht nur Tat. Doch der genetische Fingerabdruck spricht gegen ihn.  © Theo Stiegler

Am 20. März 2016 wurde der in Gera lebende Frührentner festgenommen.

Seitdem befindet er sich in Untersuchungshaft. Seine DNA war aufgrund von Straftaten während der Wendezeit in die bundesweite Datei eingetragen.

Nach zwei weiteren Verurteilungen wegen Vergewaltigung (2006) erfolgte die Erneuerung des genetischen Fingerabdrucks.

Der Prozess dürfte außergewöhnlich lange dauern. Vor allem auch, weil der Angeklagte zu den Vorwürfen beharrlich schweigt und wegen eines Schlaganfalls nur zwei Stunden der Verhandlung folgen soll.

Bisher gab es 17 Verhandlungstage, dreizehn weitere sind bis Ende Mai terminiert.

Im Juli ist eine vierwöchige Unterbrechung beabsichtigt.

Sonnhild Israel (gilt seit 1992 als vermisst).
Sonnhild Israel (gilt seit 1992 als vermisst).  © Polizei

Auch diese Fälle sind noch ungelöst

Dass die Aufklärung des Mordes nach 29 Jahren tatsächlich gelang, rückt auch andere Alt-Fälle in den Focus: Hier drei Beispiele ungeklärter Morde aus Sachsen.

Sonnhild Israel

Seit 1992 gilt Sonnhild Israel (damals 33) aus Jonsdorf als vermisst - weder Sie noch ihre Leiche wurden je gefunden. Knapp zehn Jahre später sorgte der "Mordprozess ohne Leiche" bundesweit für Schlagzeilen.

Ihr Ehemann wurde angeklagt. Doch all die akribisch zusammengetragenen Details reichten nicht aus, um einen Mord zweifelsfrei nachzuweisen.

Deshalb folgte das Landgericht Görlitz dem Grundsatz: „Im Zweifel für den Angeklagten.“ Seit dem Richterspruch ruhen die Ermittlungen.

Vera Marotz wurde 2004 misshandelt und todgeprügelt.
Vera Marotz wurde 2004 misshandelt und todgeprügelt.  © Polizei

„Katzen-Jule“

Vera Marotz (†66) aus Nünchritz, wegen ihrer Tierliebe auch „Katzen-Jule“ genannt, wird 2004 äußerst brutal misshandelt und totgeprügelt. Im Verdacht stehen damals randalierende Jugendliche, deren Weg sich wohl mit dem der Rentnerin kreuzte.

In ihrem Todeskampf muss sich das Opfer an eine Frau gekrallt haben - deren DNA wurde unter den Fingernägeln entdeckt.

Bereits von 2.600 Frauen wurden DNA-Proben entnommen - ohne Treffer.

Die Dresdner Morduntersuchungskommission ist weiter dran.

2011 wurde in Schwarzenberg ein totes Baby gefunden. Jetzt kommt wieder Bewegung in den Fall.
2011 wurde in Schwarzenberg ein totes Baby gefunden. Jetzt kommt wieder Bewegung in den Fall.  © Erzfoto

Container-Baby

Im Januar entdeckte man ein totes Baby im Altkleider-Container - es wurde in Schwarzenberg begraben.

Ein Jahr später wird im tschechischen Rotava erneut ein toter Säugling gefunden.

Der DNA-Test ergab: Beide Kinder haben die selben Eltern.

Ein Massen-Gentest (2.800 Frauen) brachte nichts.

Vor Tagen wurde erneut in Liberec (südlich von Görlitz) in einem Müllcontainer ein totes Baby gefunden.

Jetzt übernimmt Enrico Petzold den Fall der toten Babys.


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