Von Wolf-Dietrich von Dewitz
Düsseldorf - Im Kampf gegen Cyberkriminalität ist Nordrhein-Westfalens Ermittlern ein Schlag gegen eine weltweit tätige Hackergruppe aus Russland gelungen, die unter dem Namen Qilin für digitale Angriffe und Erpressungen von fast 4000 Unternehmen und Institutionen verantwortlich sein soll.
"Es ist eine der gefährlichsten Cybercrime-Banden der Welt", sagte NRW-Innenminister Herbert Reul (74, CDU) in Düsseldorf.
Schon im Mai sei ein 28-jähriger Russe in Tokio festgenommen worden, am vergangenen Freitag sei der Mann nach Deutschland ausgeliefert worden.
Er sei dringend tatverdächtig und soll einer der führenden Köpfe der Hackergruppe sein. "Das ist der größte Schlag, den deutschen Ermittlern im Kampf gegen Cyberkriminalität je gelungen ist", sagte Reul.
Der Russe habe in Japan Urlaub machen wollen, wovon die deutschen Ermittler erfahren hätten. Daraufhin seien die japanischen Behörden eingebunden worden. Inzwischen sitze der Mann in einer Justizvollzugsanstalt. "Statt Sushi gibt es jetzt Käsebrot in einer deutschen JVA." Auf ihn kommt ein Gerichtsverfahren zu.
Seit 2024 habe die Hackergruppe weltweit wohl fast 4000 Unternehmen und Institutionen angegriffen. In Deutschland seien es 150 gewesen, davon 30 in NRW. "Die Dunkelziffer ist wahrscheinlich noch höher." Die Lösegeldforderungen hätten sich auf fast drei Milliarden US-Dollar belaufen, mehr als 140 Millionen Dollar seien bezahlt worden, sagte Reul.
Geschäftsmodell Ransomware
Qilin gehöre zu den aktivsten und skrupellosesten Verbrecherbanden weltweit. "Ihr Geschäftsmodell ist Erpressung im ganz großen Stil", sagte der CDU-Politiker. "'Ransomware as a Service' nennen wir das."
Bei Ransomware-Angriffen verschlüsseln Cyberkriminelle Daten und Computersysteme oder stehlen sensible Informationen, um damit Geld von Unternehmen und anderen Organisationen zu erpressen. Qilin ist nach Erkenntnissen der deutschen Ermittler mit mehreren Hundert "Affiliates" verbunden, also Mittätergruppen.
Bei Ransomware-Erpressungen bieten Cyberkriminelle Betroffenen an, nach einer Geldzahlung den digitalen Schaden wieder zu reparieren und die Systeme wieder zum Laufen zu bringen.
Ob das aber der Wahrheit entspricht oder ob die Kriminellen das IT-System einer Firma wenig später erneut in die Mangel nehmen, ist unklar - so ein Deal mit Kriminellen steht auf wackligen Füßen und gilt als fragwürdige Sache.
Ein Hauch von Harry Potter
Qilin ist ein Fabelwesen aus der Romanwelt von Harry Potter, im wahren Leben verbirgt sich hinter dem Namen aber besagte Hackergruppe. Um ihr das Handwerk zu legen, rief das Landeskriminalamt die "Operation Albus" ins Leben - Bezug nehmend auf Albus Dumbledore, den Schulleiter der Zauberschule Hogwarts.
Zauberei seien die Ermittlungen nicht gewesen, sagte Reul. "Das war Hartnäckigkeit, Können und Ausdauer, also richtig gute Polizeiarbeit." Und für den Mann Haft heiße es: "Der Zauber ist vorbei."