Blick hinter die Kulissen beim Hackathon der Polizei: Mit neuen Ideen ungelöste Fälle knacken
Von Sebastian Münster
Halle (Saale) - Mehr als zehn Jahre ist es her, dass ein Paddler in der Elbe bei Vockerode (Landkreis Wittenberg) einen grausigen Fund machte. In einer rostigen Metallkiste, die der Fluss ans Ufer gespült hatte, fand sich die Leiche eines Mannes. Wenig war klar über die Hintergründe, berichtet Henry Dieringer, Polizeioberrat der sachsen-anhaltischen Polizei.
Weil die Ermittlungen in einer Sackgasse steckten, nahmen die Ermittler den Fall mit nach Den Haag. Dort veranstalten Polizei und Staatsanwaltschaft bereits seit mehreren Jahren sogenannte Hackathons, bei denen Freiwillige aus den verschiedensten Bereichen zusammen mit den Ermittlern neue Ansätze für alte Fälle suchen. Binnen kürzester Zeit hätten sich dabei mehrere neue Ermittlungsansätze gefunden, so Dieringer.
Der Tote, dessen mögliche Herkunft Isotopenanalysen bereits in Osteuropa verortet hatten, hatte den Namen "Michaela" auf dem Unterarm tätowiert. Auch ein Ring am Finger des Mannes trug eine Gravur mit dem Namen.
"Wir haben uns natürlich gefragt: Wer ist die Frau? Warum vermisst sie den Mann offenbar nicht?", sagt Karl Dege von der Staatsanwaltschaft Magdeburg.
Digitale Spuren, die die Hackathon-Teilnehmenden entdeckten, führten die Ermittler schließlich nach Großbritannien. Dort wurde die Leiche einer Frau gefunden, von der sie glauben, dass es sich um jene "Michaela" handelt. Weitere Spuren führten nach Slowenien. Gelöst ist der Fall auch zehn Jahre später nicht. "Aber es wird eben wieder ermittelt", so Dege.
Polizei Sachsen-Anhalt übernimmt Format aus Niederlanden
Dagmar Bodamer hat jahrelang als Psychologin im Maßregelvollzug gearbeitet. Die Deutsche lebt seit Langem im schweizerischen Kreuzlingen. Von dort ist sie aus Neugier, wie sie sagt, nach Halle zum Hackathon gereist. Heute ist sie Designerin. Das Interesse an sogenannten Cold Cases, also ungelösten Ermittlungsverfahren, habe sie aber nie losgelassen.
Auch Jonas Lindner ist weit angereist: Der Softwareentwickler aus Uhldingen-Mühlhofen am Bodensee nimmt bereits zum zweiten Mal an einem Polizei-Hackathon teil. Es sei die Herausforderung, die ihn locke, sagt der 31-Jährige. Hinzu komme der Reiz am Blick hinter die Kulissen.
Das Format des Hackathon - eine Wort-Fusion aus den Begriffen "Hacking" und "Marathon" - kennt Lindner aus seiner eigenen Branche. Es hat seinen Ursprung in der Softwareentwicklung. Innerhalb eines Tages sollen dabei konkrete Lösungen erarbeitet werden. Nicht immer sei das von Erfolg gekrönt: "Manchmal baut man irgendwas. Und dann kommt es in die Tonne. Das ist mir auch schon mal passiert."
Es gehe um neue, kreative Ideen beim Blick auf alte Informationen, solange sie sich im Raum der Legalität bewegen, so Staatsanwalt Dege über die Regeln der Veranstaltung.
Projektleiter: "Die Probleme sind überall die gleichen"
Was in der Software-Branche seinen Ursprung hat, ist in Halle eine Art True Crime-Wettbewerb für Engagierte, denen das ehrenamtliche Ermitteln Spaß macht. Die Teilnehmenden haben häufig einen Hintergrund in der IT-Branche und sind bereits seit Jahren dabei, wie Pascalle Visser berichtet, Innovationsexpertin der niederländischen Polizei in Den Haag.
Tatsächlich findet das Event dort im Oktober zum sechsten Mal statt und hat sich mittlerweile zu einer Art Convention von Polizei und ehrenamtlichen Ermittlungshelfern aus mehreren europäischen Ländern entwickelt. Neben Vertretern aus Deutschland kommen in diesem Jahr auch Teilnehmende aus England und Luxemburg.
Die schwedische Polizei hat Interesse, das Format ebenfalls umzusetzen. "Die Probleme sind überall die gleichen. Kriminalität macht nicht an Ländergrenzen halt", sagt Bryan Sewberath Misser, Inspektor der niederländischen Polizei und Co-Projektleiter des Hackathon in Halle.
Titelfoto: Bildmontage/Sebastian Münster/dpa

