Baywatch auf Sächsisch: Rettungsschwimmer werden beim Ostsee-Einsatz zum Paar
Glauchau - Ihre Lebensgeschichte ist ein Actionfilm: Wie bei "Baywatch" lernten sich Anja Tornow (42) und Philipp Baumgart (30) bei Einsätzen für die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) kennen und lieben. Als Rettungsschwimmer schieben sie da Schichten, wo andere Urlaub machen. Die beiden Sachsen aus Glauchau (Landkreis Zwickau) bewahren nicht nur Badegäste vorm Ertrinken. Sie retten als dringend gebrauchte ehrenamtliche Helfer inzwischen auch jeden Sommer die Badesaison an der Ostseeküste. Dieses Jahr schaute sogar ein Wal in ihrem Revier vorbei.
Fußballersorgen und ein Ostsee-Urlaub machten ihn zum Rettungsschwimmer. Wie passt das zusammen? "Ich saß als Stürmer meist auf der Ersatzbank und habe schließlich die Lust am Fußball verloren", erzählt Philipp Baumgart (30), Verwaltungsangestellter im öffentlichen Dienst aus Glauchau.
So wechselte er vom Fußballplatz ins Schwimmbad. "2010 bin ich der DLRG beigetreten, habe die Ausbildung mit dem Rettungsschwimmerabzeichen in Silber abgeschlossen", sagt er. Damit durfte er als Rettungsschwimmer eingesetzt werden.
Da war er gerade einmal 14 Jahre alt. Zuerst half er, die Badesaison zu Hause abzusichern - im Sommerbad Glauchau.
Bei einem Urlaub mit den Eltern an der westdeutschen Ostseeküste in Dahme (Schleswig-Holstein) entdeckte der Schüler jedoch sein künftiges Lieblingseinsatzgebiet - den Ostseestrand! Er bewarb sich bei der DLRG als Küstenretter. Seit 2012 ging's immer im Sommer hinauf an die Ostseeküste, dieses Jahr bereits zum 14. Mal. Doch nicht zum Urlaub machen, sondern für Rettungsmissionen der DLRG.
"Anfangs war ich dort der einzige Sachse in einem 22-köpfigen Rettungsteam und allein", erinnert er sich. Doch das sollte sich ändern. "Meine Mutter sagte immer, die Frau für dich muss erst gebacken werden", schmunzelt Philipp. Was er nicht wusste: Der Backofen dafür war längst angeheizt worden.
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Training brachte ihm die "Liebe seines Lebens"
Weil das silberne Rettungsabzeichen alle zwei Jahre erneuert werden muss, traf Philipp ausgerechnet beim Trainieren die Liebe seines Lebens.
"Wir haben uns bei einem vierwöchigen Rettungsschwimmerkurs kennen und lieben gelernt", verrät Anja Tornow (42), Grundschullehrerin und ebenfalls Glauchauerin. Aus der gemeinsamen Leidenschaft wurde Liebe. Die Triathletin studierte und arbeitete vorher sieben Jahre lang als Lehrerin in Mexiko.
Seit 2023 fahren sie nun gemeinsam zu den Rettungseinsätzen an die Ostsee - kein Wunder, wenn sie Freunde mit den "Baywatch"-Helden David Hasselhoff und Pamela Anderson vergleichen.
Philipp hat sich inzwischen zum Wachführer am Naturstrand zwischen den Abschnitten Bliesdorf und Brodau im Kreis Ostholstein hochgearbeitet. Er teilt täglich sieben Leute für den drei Kilometer langen und fast schnurgeraden Strandabschnitt mit zwei Außentürmen ein.
Um 8 Uhr wird gemeinsam gefrühstückt. Eine Stunde später werden die Wachtürme besetzt und das Rettungsboot jederzeit startbereit schon an die Wasserkante gefahren. "Rettungsschwimmer haben zwei Stunden am Stück Dienst. Jede Stunde wechseln wir zudem den Kollegen ab, der mit einem Fernglas ununterbrochen das Meer überwachen muss", sagt Philipp.
Im Notfall muss es schnell gehen
Kommt ihm ein Notfall vor die Linse, muss es schnell gehen. "Im vergangenen Jahr mussten wir zum Beispiel einen Vater mit einem Kind auf einem Schlauchboot retten. Er war beim Angeln hinter die Badezone abgetrieben worden, wo auch Sportboote gefährlich schnell fahren", erinnert sich Philipp. "Mit dem Rettungsboot wurden die Angler zurückgezogen."
So wurden auch ein abgetriebener Mann und seine Luftmatratze gerettet. Sie waren in die Fahrrinne des historischen Bäderschiffs zwischen Grömitz und Neustadt geraten.
Als Sanitäter verarzten die Retter auch Verletzungen, wenn zum Beispiel jemand in Scherben getreten ist. Wunden durch Nesselquallen werden mit Rasierschaum behandelt: "Aufsprühen, trocknen lassen und mit einer Geldkarte die fest getrockneten Nesseln abschaben." Dann tut's nicht mehr weh.
Anja: "Wir holen Stand-up-Paddler zurück in die Badezone oder rufen Badegäste von den Steinmolen herunter. Und wir verteilen Kindersucharmbänder, mit denen wir die Eltern von kleinen Ausreißern wiederfinden können."
Auch auf Tiere wird achtgegeben
Nicht erst, seitdem dieses Jahr Buckelwal Timmy nahe ihrem Revier durch die Lübecker Bucht kreuzte, müssen sie auch auf Tiere aufpassen.
Zuletzt lief ihnen ein Weimaraner Jagdhund zu, den sie so lange im Schatten des Wachturms betreuten, bis sein Besitzer auftauchte. Wirklich gefährlich für Haut und Magen-Darm sind nur die Blaualgen, die sich in der Hitze vermehrt breitmachten. Dann müssen Strandabschnitte gesperrt werden.
Nach neun Stunden ist um 18 Uhr die Schicht vorbei. "Wir verbringen auch die Freizeit oft gemeinsam, kochen zusammen", sagt Anja. Die Retter wohnen je zu viert kostenfrei in Mobilheimen auf einem Campingplatz, arbeiten alle ehrenamtlich und opfern ihren Jahresurlaub für die Rettungsmissionen. Als Wachführer erhält Philipp nur eine Aufwands- und Verpflegungspauschale von 28 Euro am Tag plus Fahrtkosten.
"Weil Ostsee-Urlaub in der Hochsaison schier unbezahlbar ist, sehen wir unsere Einsätze auch als kostenlosen Urlaub", sagt Anja. Und dieses Jahr nahmen Anja und Philipp auch den künftigen Rettungsschwimmer-Nachwuchs mit - ihre 11-jährige Tochter.
Tausende engagieren sich im Ehrenamt
4 500 DLRG-Rettungsschwimmer sichern jedes Jahr die Badesaison allein an den Küsten der Ostsee ab. 300 davon kommen aus Sachsen.
"Die meisten davon sind Mitglieder aus Leipzig, Parthenaue, Zittau, Bad Schlema, Chemnitz und Glauchau", sagt Sebastian Knabe (34), Landesgeschäftsführer der Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft Sachsen e.V. (DLRG).
"Um Urlaubs- und Krankheitszeiten abzufangen, werden ständig ehrenamtliche Rettungskräfte gesucht."
In Sachsen sind insgesamt 4 600 DLRG-Mitglieder registriert. Zwei Drittel davon sind unter 27 Jahre alt.
Knabe: "Unsere 1 328 Rettungsschwimmer sind allein im Freistaat an 33 Wachstationen in Bädern und Seen aktiv. Im vergangenen Jahr verzeichneten wir 14. 390 Einsatzstunden, in denen 14 Lebensrettungen durchgeführt werden mussten."
Wer sich für den Wasserrettungsdienst an der Küste bewerben will: www.dlrg.de/zwrdk
Titelfoto: Bildmontage: IMAGO/stock&people, privat

