Sieglinde Köhler erkennt giftige Doppelgänger: Dieser Sächsin vertrauen Pilzsammler ihr Leben an
Striegistal/Dresden - Wer bei Sieglinde Köhler klingelt, kann sich kaum in der Tür geirrt haben. An der Hauswand hängt das Schild "Pilzberatungsstelle". Drinnen geht es munter weiter: Drei Fliegenpilze wachsen auf ihrem grünen T-Shirt, an der Wand hängen Pilzbilder. Auf dem Tisch hat gleich ein ganzer Wald Platz genommen: Rotkappe, Birkenpilz, Perlpilz und eine stattliche Krause Glucke liegen neben einem dicken Pilzführer.
Mal zeigt Köhler mit beiden Zeigefingern auf ihr Shirt, mal stemmt sie die Hände in die Hüften. Nur ihr Alter will sie nicht preisgeben. "Nein, das verrate ich nicht. Das ist Datenschutz", sagt sie trocken. Über Pilze dagegen könnte sie wohl stundenlang sprechen.
Seit Jahrzehnten breiten Sammler ihre Fundstücke vor ihr aus. Wenn der Wald ordentlich liefert, geben sie sich bei Köhler "die Klinke in die Hand". Dann prüft sie, was guten Gewissens in die Pfanne darf und was besser schleunigst aus dem Korb fliegt. Müssen muss sie das nicht. Bei diesem Wort greift die Ehrenamtlerin sofort ein: "Müssen ist bitte schön dürfen!"
Dass Pilze einmal ihr Leben bestimmen würden, hat Köhler ihrer Großmutter zu verdanken. Als kleines Mädchen streifte sie mit ihr durch die Wiesen und Wälder rund um Niederwiesa (Landkreis Mittelsachsen), lernte Kräuter und die ersten Pilze kennen. "Die Oma ist schuld", sagt sie und lacht.
Mit 16 schloss sich Köhler zu DDR-Zeiten einer jungen Pilzberater-Gruppe an. Ein Lehrer habe sie so sehr "infiziert", dass sie sich durch Theorie und Praxis arbeitete und mit 18 die staatliche Prüfung ablegte. Beruflich wurde sie später stellvertretende Produktionsleiterin in einer Textilfabrik. Doch Feierabend hatten die Pilze deshalb noch lange nicht.
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Köhler spielt niemals die allwissende Waldfee
Wie viele Arten sie heute sicher erkennt? Da winkt Köhler ab. Die Frage gehe ihr dann doch zu weit. "Aber sehr viele", sagt sie. Allein in Mitteleuropa gebe es mehr als 10.000 Großpilzarten. Rund 200 davon seien essbar, etwa 150 giftig und zehn sogar tödlich. Dazwischen wartet eine gewaltige Masse, die bitter, scharf, hart, winzig oder schlicht ungenießbar ist.
Trotz all ihrer Erfahrung spielt Köhler niemals die allwissende Waldfee. Erkennt sie einen Fund nicht zweifelsfrei, bleibt er bei ihr. "Bitte schön da lassen. Ich sage Ihnen später Bescheid." Dann wird nachgeschlagen, verglichen und erst geurteilt, wenn kein Zweifel mehr bleibt.
Handyfotos akzeptiert sie deshalb nicht zur Freigabe eines Abendessens. Geruch, Unterseite, Stiel und weitere Details fehlen darauf schnell. "Vor Ort und nicht anders", stellt sie klar. Noch eindringlicher warnt sie vor Bestimmungs-Apps: "Die Apps sind gefährlich." Erfahrenen Pilzkennern könnten sie helfen. Wer sich blind auf sie verlässt, riskiert dagegen mehr als nur Bauchschmerzen.
Köhler weiß, wie schnell aus einem gemütlichen Pilzessen ein Notfall wird. Mehrfach wurde sie bei Vergiftungen ins Krankenhaus gerufen, suchte in Putzresten nach dem Übeltäter und half den Ärzten, das richtige Gift zu bestimmen. Eine ältere Patientin hatte nach einer Mahlzeit mit Pantherpilzen sogar dem Arzt "Schellen" angeboten. Das Gift kann Menschen aggressiv machen, in anderen Fällen aber auch lebensgefährlich schläfrig.
Ihr wichtigster Rat klingt unspektakulär, kann Ärzten jedoch entscheidende Hinweise liefern: "Wer Pilze isst, sollte die Pilzreste immer aufheben." Selbst eigentlich essbare Exemplare gehören nicht automatisch in die Pfanne. Sind sie zu alt, können sich ihre Eiweiße zersetzen und eine sogenannte unechte Pilzvergiftung auslösen.
Die Ehrenamtlerin liebt Mischpilze und den Riesenbovist
Angst vor Pilzen will Köhler trotzdem niemandem machen. Viel lieber gibt sie ihre Begeisterung weiter. Sie geht mit Kindern durch Wälder und Wiesen, bildet Forstleute weiter und nimmt ihre eigene Familie mit auf die Suche. Eine ihrer Enkelinnen studiert inzwischen Forstwirtschaft. Das Feuer, das einst die Großmutter entfachte, brennt also längst in der nächsten Generation.
Am Sonntag packt Köhler Körbe, Fachwissen und Fundstücke ein und baut auf dem Dresdner Herbstmarkt ihre Pilzausstellung auf. Von 10 bis 19 Uhr können Besucher auf dem Altmarkt heimische Arten bestaunen und eigene Funde begutachten lassen. Dafür ziehen Köhler, ihre Kinder, Enkel und weitere Helfer vorher durch die Wälder. Fehlt noch ein besonderes Exemplar, ruft sie befreundete Pilzkenner an.
Und natürlich landen Pilze auch bei der Expertin selbst auf dem Teller. Sie liebt Mischpilze und einen Riesenbovist, dessen feste, weiße Scheiben wie Schnitzel paniert und goldgelb gebraten werden. Giftpilze mag Köhler ebenfalls – allerdings nur zum Anschauen. "Interessant, aber nicht essen", stellt sie lachend klar.
Was ihre Großmutter wohl heute zu all dem sagen würde? Köhler glaubt, sie würde sich freuen, dass die Menschen noch immer in den Wald gehen, Pilze sammeln und dabei ihre Umgebung neu entdecken. Kindern stellt sie dort gern eine einfache Frage: "Was hört ihr denn?" Zuerst lautet die Antwort oft: die Autobahn. Erst danach nehmen sie all die leiseren Geräusche wahr.
Sieglinde Köhler bringt Menschen dazu, genauer hinzusehen und hinzuhören. Auf dem Waldboden, in einem Pilzkorb und in der Natur direkt vor ihrer Haustür. Ihr Leitsatz ist deshalb weit mehr als eine Warnung vor Giftpilzen: "Genau hinschauen bei Pilzen."
Titelfoto: Uwe Meinhold

