System vorm Kollaps: Gewalt gegen Frauen nimmt zu, doch viel zu oft fehlen Schutzräume

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Dresden - Androhungen, Anmachen, Angriffe: Verdeckte und offene sexualisierte Gewalt - speziell gegen Frauen - hat in Deutschland zugenommen. Das belegen Zahlen der Polizei. Studien dazu sagen, dass dieser Trend nicht rasch gestoppt werden kann. Doch bereits jetzt steht in Sachsen das System vor dem Kollaps, das Opfer und ihre Angehörigen auffangen und ihnen Sicherheit bieten soll. Schicksale, Zahlen, Fakten, Meinungen und ein Blick auf die politischen Debatten.

In Sachsen gibt es insgesamt 21 Frauen- und Kinder- sowie drei Männerschutzeinrichtungen. Es werden aber mehr Plätze sowie Personal für Betreuung und Beratung der Opfer häuslicher Gewalt gebraucht.
In Sachsen gibt es insgesamt 21 Frauen- und Kinder- sowie drei Männerschutzeinrichtungen. Es werden aber mehr Plätze sowie Personal für Betreuung und Beratung der Opfer häuslicher Gewalt gebraucht.  © Sophia Kembowski/dpa

Masoma (†38) floh vorm Krieg nach Deutschland. In Chemnitz machte ihr der Ehemann das Leben zur Hölle. Als die Mutter von vier Kindern Schutz suchte, wies das Frauenhaus sie ab - aus Platzgründen. Masoma kehrte zurück in ihre Wohnung.

Dort soll der Ehemann sie mit einem Fleischerbeil erschlagen haben (Prozess läuft, Urteil Anfang Juni). In Neustadt/Sachsen eskalierte am 28. April eine Paarberatung. Ein Sportschütze (†54) richtete mit einer Pistole seine Ex-Partnerin (†48) und erschoss die Beraterin (†49).

Zwei schockierende Fälle aus Sachsen, die aktuell viele Menschen bewegen. Sie stehen beispielhaft für wachsende Probleme. Mord und Totschlag sind dabei aber nur die sichtbare Spitze des Eisberges.

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Gewalt gegen Frauen und Mädchen hat viele Facetten. Zum Spektrum der Gewalt gehören psychische und physische Gewalt - etwa Stalking, digitale Attacken, Nötigung, Schläge und Vergewaltigung.

Im ASB-Mehrgenerationenhaus in Neustadt/ Sachsen wurden Ende April zwei Frauen Opfer von einem Femizid.
Im ASB-Mehrgenerationenhaus in Neustadt/ Sachsen wurden Ende April zwei Frauen Opfer von einem Femizid.  © Ove Landgraf
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Tödliche Schüsse bei der Paarberatung. Die Polizei sperrte danach den Tatort ab.
Tödliche Schüsse bei der Paarberatung. Die Polizei sperrte danach den Tatort ab.  © Ove Landgraf

In Sachsen gibt es ein Netzwerk von Beratungsstellen für Opfer

Kevin Idel (35) gehört zum Vorstand der Landesarbeitsgemeinschaft "Gewaltfreies Zuhause".
Kevin Idel (35) gehört zum Vorstand der Landesarbeitsgemeinschaft "Gewaltfreies Zuhause".  © privat

"Geschlechterspezifische und speziell häusliche Gewalt ist in allen Schichten und Teilen der Gesellschaft anzutreffen", sagt Kevin Idel (35). Er gehört zum Vorstand der Landesarbeitsgemeinschaft "Gewaltfreies Zuhause". Idel beobachtet mit Sorge, dass die Gewalt gegen Frauen wächst, je erfolgreicher diese ihre Rechte durchsetzen und wirtschaftlich unabhängig werden.

Idel: "Zwei Seiten einer Medaille. Am Ende geht es immer um die Macht der Männer und deren Kontrollverlust. Trennungssituationen sind daher für Frauen besonders gefährlich."

Deutschland fühlt sich der Istanbul-Konvention verpflichtet und tritt ein für die Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen sowie häuslicher Gewalt. In Sachsen gibt es ein Netzwerk von Beratungsstellen für Opfer (und auch Täter) und insgesamt 21 Frauen- und Kinder- sowie drei Männerschutzeinrichtungen.

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Insgesamt 208 Plätze stehen aktuell dort zur Verfügung. Was viel klingt, deckt den Bedarf kaum ab. 2024 wurden insgesamt 947 Frauen mit 1077 Kindern in ihrer Obhut von Schutzeinrichtungen abgewiesen, weil es dort für sie keinen Raum gab. Die Zahlen veröffentliche die Staatsregierung auf Anfrage der Fraktion Die Linke im sächsischen Landtag.

Große Lücken klaffen im ländlichen Raum

Demo zum Frauentag: Die Einführung eines eigenständigen Straftatbestandes für Femizid könnte die besondere Schwere dieser Taten anerkennen. In Deutschland kämpft man dafür. Andere Länder haben bereits solche Gesetze.
Demo zum Frauentag: Die Einführung eines eigenständigen Straftatbestandes für Femizid könnte die besondere Schwere dieser Taten anerkennen. In Deutschland kämpft man dafür. Andere Länder haben bereits solche Gesetze.  © Annette Riedl/dpa

"Unsere Beratungsangebote sind vollständig ausgelastet. Der benötigte Bedarf übersteigt deutlich die aktuell möglichen Beratungskapazitäten", berichtet eine Sprecherin von "Frauen für Frauen" in Leipzig.

Der Verein betreut zwei Schutzhäuser, zwei Beratungsstellen sowie ein Präventionsprojekt. Mit fünf (ausgelasteten) Frauenhäusern steht Leipzig vergleichsweise gut da. Große Lücken bei der Beratung und bei Hilfsangeboten klaffen im ländlichen Raum.

Das Sozialministerium kündigte an, bis zum 31. Dezember 2026 eine Entwicklungsplanung für diesen Bereich zu erstellen.

Kevin Idel: "Die geplanten Maßnahmen gehen nicht weit genug. Es wird wesentlich mehr Geld benötigt für Personal, Einrichtungen, Sach- und Unterhaltskosten sowie Prävention. Man darf niemals vergessen: Es geht hier immer um Menschen, die extremem Belastungen ausgesetzt sind und teilweise Todesängste ausstehen."

Titelfoto: Bildmontage: Annette Riedl/dpa, Sophia Kembowski/dpa

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