"Querdenker" marschieren in Stuttgart: Über 10.000 waren in der Stadt!

Stuttgart - Die Polizei hat sich am Samstagvormittag mit einigen Hundert Beamten für mehrere Demonstrationen gegen die Corona-Auflagen und geplante Gegenproteste in Stuttgart aufgestellt.

"Querdenker" am Samstag in Stuttgart. Zumeist ohne Mundschutz.
"Querdenker" am Samstag in Stuttgart. Zumeist ohne Mundschutz.  © Andreas Rosar/ Fotoagentur Stuttgart

Am Vormittag seien schon mehrere Hundert Teilnehmer einer angemeldeten Versammlung auf dem Marienplatz eingetroffen, teilte der Sprecher der Stuttgarter Polizei, Stefan Keilbach, mit.

Die Gruppe plane nach derzeitigem Stand mit einem Traktor samt Anhänger über die Bundesstraße 14 zum Cannstatter Wasen am Neckar zu ziehen. Es bestehe die Möglichkeit, dass sich noch mehr Menschen anschließen.

Ersten Berichten über viele Teilnehmer ohne Maske und Abstand werde nachgegangen, sagte Keilbach. "Ich gehe davon aus, dass heute an vielen Punkten gegen die Auflagen verstoßen wird".

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Stuttgart Unfall Lkw-Fahrer kracht beim Ausparken in Stadtbahn

Die Stadt Stuttgart hat im Falle von Verstößen gegen die Maskenpflicht und die vorgeschriebenen Abstände angekündigt, Versammlungen aufzulösen.

Neben mehreren kleineren Versammlungen im Stadtgebiet wurden rund 2500 Menschen allein zu einer Kundgebung der sogenannten Querdenken-Bewegung (16 Uhr) auf dem Cannstatter Wasen erwartet.

Die "Querdenken"-Bewegung und ihre Mitstreiter sprechen sich gegen die derzeitigen Corona-Maßnahmen aus. Die Bewegung wird vom Landesamt für Verfassungsschutz in Baden-Württemberg beobachtet.

Im vergangenen Sommer hatten auf dem Wasen bis zu 10.000 Menschen demonstriert. Zuletzt hatte am 20. März eine Demonstration in Kassel mit mehr als 20.000 Menschen für Schlagzeilen gesorgt - erlaubt waren nur 6000. Es kam zu teils gewalttätigen Auseinandersetzungen.

Update, 20.15 Uhr: 37-Jähriger nach Angriff auf Journalisten festgenommen

Der Moment des Angriffs: Ein Mann holt aus, ohrfeigt den Journalisten.
Der Moment des Angriffs: Ein Mann holt aus, ohrfeigt den Journalisten.  © Screenshot Twitter.de/Zeitungsverlag Waiblingen

Nach dem Angriff auf den Jorunalisten David Peters (26) am Nachmittag hat die Polizei einen 37-jährigen Tatverdächtigen ermittelt und vorläufig festgenommen.

Das teilten die Beamten am Abend mit.

Auch wird derzeit wegen des Abbruchs einer Live-Schalte der ARD ermittelt. Dort hatte SWR-Reporter Thomas Denzel während er zugeschaltet war gesagt: "Jetzt werden hier Steine geworfen. Ich glaube, wir müssen die Live-Schalte abbrechen."

Dies geschah dann auch. "Die Ermittlungen hierzu dauern an", schreibt die Polizei.

Zeugen werden gebeten, sich unter der Rufnummer 0711/8990-5778 an die Kriminalpolizei zu wenden.

Update, 19.45 Uhr: Stuttgarts Sicherheits-Bürgermeister erleichtert über Demo-Verlauf

Am Samstagabend äußerte sich Clemens Maier, Stuttgarts Bürgermeister für Sicherheit, Ordnung und Sport, zu dem Demo-Verlauf: "Ich bin erleichtert, dass der Tag bislang weitestgehend friedlich verlaufen ist."

Weiter hieß es in der Pressenotiz: "Die Bilder aus Stuttgart sind nicht schön, aber sie sind kein Vergleich zu den jüngsten Ereignissen in Brüssel, Kassel oder Dresden. Die Teilnehmer der hiesigen Kundgebungen versammelten sich auf den vorab definierten Plätzen und zogen über die abgesteckten Routen."

Somit sei verhindert worden, dass Tausende unkontrolliert durch die Stadt strömten.

Die Stadt habe Auflagen erlassen, um die Hygieneanforderungen an Versammlungen zu gewährleisten. „Nun mussten wir am Nachmittag Tausende Ordnungswidrigkeiten feststellen. Es gab auch am Rande einzelne Vergehen, die Polizei und Stadt ahnden konnten oder noch ahnden werden. Zudem müssten alle, die ohne Maske und ohne Abstand auf den Kundgebungen durch die Stadt zogen, mit einer Ordnungswidrigkeits-Anzeige rechnen."

Man werde sich auch mit dem Land beraten, inwieweit die Erfahrungen des Samstags dazu beitragen könnten, die Coronaverordnung bezüglich des Umgangs mit Versammlungen anzupassen.

Update, 19.16 Uhr: Mehr als 10.0000 "Querdenker" in Stuttgart

"Querdenken"-Gründer Michael Ballweg. (Archiv)
"Querdenken"-Gründer Michael Ballweg. (Archiv)  © Christoph Schmidt/dpa

Mehr als 10.000 Menschen - größtenteils ohne Masken und Abstand - haben nach Angaben der Polizei am Karsamstag in Stuttgart bei einer Kundgebung der "Querdenken"-Bewegung gegen die Corona-Politik demonstriert.

Dabei sei es bis auf wenige Ausnahmen friedlich geblieben, sagte ein Sprecher. Hunderte Beamte waren im Einsatz - schritten wegen der Verstöße gegen die Corona-Regeln aber kaum ein. Das rief viel Kritik hervor.

Der Sprecher der Stadt Stuttgart, Sven Matis, erklärte, man habe sich an die geltende Corona-Verordnung des Landes gehalten, die das Grundrecht auf Versammlungen nicht wegen der Pandemie einschränke. "Das war unser Gradmesser", so Matis. "Wir haben intensiv über den Umgang mit den angemeldeten Kundgebungen gerungen, uns dann - um auf sicheren Grund zu stehen - an der Landeverordnung orientiert."

Das Konzept von Stadt und Polizei sei gewesen, dass sich alle Demo-Teilnehmer am Ende auf dem Cannstatter Wasen sammeln und nicht unkontrolliert durch Stuttgart ziehen, erläuterte Matis. Die Stadt hatte im Falle von Verstößen gegen die Maskenpflicht und die vorgeschriebenen Abstände angekündigt, Versammlungen aufzulösen.

Der Stuttgarter Polizeisprecher Stefan Keilbach sagte: "Das ist keine befriedigende Situation für uns als Polizei." Auf der einen Seite stehe die Versammlungsfreiheit, auf der anderen der Infektionsschutz. Damit sich nicht noch mehr Menschen auf dem Gelände drängten, seien die Beamten nicht eingeschritten.

"Querdenken"-Gründer Michael Ballweg teilte in einer Mail mit, aus einer zuverlässigen, anonymen Zuschrift gehe hervor, 100 gewaltbereite Hooligans würden versuchen, sich in die Demo einzuschleusen.

Nach Angaben der Polizei wurden am Mittag vor dem Rathaus 20 Menschen, die mutmaßlich dem Rockermilieu angehören, kontrolliert. Es seien Quarzhandschuhe, pyrotechnische Gegenstände und Sturmhauben beschlagnahmt worden. Dabei sei eine Polizeibeamtin leicht verletzt worden. Die Betroffenen erhielten Platzverweise.

Update, 19.10 Uhr: ARD bricht Live-Schalte ab

Der ARD-Digitalsender Tagesschau24 hat am Samstag eine Schalte zu einem Reporter am Cannstatter Wasen abbrechen müssen.

SWR-Reporter Thomas Denzel wollte gerade beginnen zu sprechen, da pausierte er das Gespräch mit Tagesschau24-Moderator Michail Paweletz. Im Hintergrund ist eine johlende Menge zu sehen - und lautstark zu hören.

Dann schaut Denzel an der Kamera vorbei: "Jetzt werden hier Steine geworfen. Ich glaube, wir müssen die Live-Schalte abbrechen."

Das passiert dann auch. "Dann brechen wir ab", kündigt Paweletz an. Und fordert den Kollegen am Wasengelände auf: "Bringen Sie sich in Sicherheit, Herr Denzel."

Der entscheidende Moment: Reporter Thomas Denzel pausiert, guckt zur Seite. Dann wird die Live-Schalte abgebrochen
Der entscheidende Moment: Reporter Thomas Denzel pausiert, guckt zur Seite. Dann wird die Live-Schalte abgebrochen  © Screenshot: Twitter.de/kattascha

Update, 18.50 Uhr: Das sagt die Polizei zum Handschlag mit dem Demonstranten

Nachdem am Nachmittag ein Video im Netz für Wirbel sorgte, auf dem ein Polizeibeamter offenbar einem Demonstranten die Hand gibt, hat sich am Abend die Stuttgarter Polizei diesbezüglich gemeldet.

"Uns erreichen viele Nachrichten aufgrund eines Videos, das einen Kollegen bei einem vermeintlichen Handschlag mit einem Aufzugsteilnehmer zeigt", heißt es in einem Tweet. "Nach Rücksprache mit dem Beamten, ergriff der Versammlungsteilnehmer nach einem Gespräch dessen Hand und streckte sie in die Höhe."

Die aufgebrachten Gemüter der Twitter-Nutzer besänftigte das kaum. "Ja nee, is klar", schrieb einer höhnisch. "Beim nächsten Banküberfall sagt der Bankräuber, die Bankangestellte hat mir das Geld in die Tasche gepackt. Geht das für Euch dann auch klar?"

Ein anderer kommentiert: "Also entweder bin ich blind oder Ihr solltet Euch das Video mal anschauen."

SPD-Politikerin Derya Türk-Nachbaur schrieb an die Adresse der Polizei: "Wir fühlen uns etwas auf den Arm genommen. Aber das können Sie sich sicher auch denken."

Update, 17.56 Uhr: Erste "Querdenker" verlassen Wasengelände

"Wir stellen fest, dass erste Versammlungsteilnehmer den Cannstatter Wasen wieder verlassen", schreiben die Ordnungshüter auf Twitter. "Sie entfernen sich einzeln oder in kleinen Gruppen in verschiedene Richtungen."

Bei den Usern führte dies zu Attacken. "Schämt Euch einfach, warum tragt Ihr eigentlich noch die Uniform unseres Landes?", erbost sich etwa eine Nutzerin. "So, wie bei Euch in Stuttgart mit den Leerdenkern gekuschelt wurde, seid Ihr eine Schande."

Ein anderer zürnte: "Das neuerliche Versagen nun in Stuttgart sorgt dafür, dass der Respekt gegen über der Polizei weiter abstürzt. Ganz ehrlich, wer kann bei solchen Bilder die Polizei noch ernst nehmen?"

Update, 17.20 Uhr: B14 wieder frei

Wie die Polizei am Abend auf Twitter mitteilt, sind die Streckensperrungen auf der B14 wieder aufgehoben. "Der Bereich zwischen Talstraße und König-Karls-Brücke ist noch immer beidseitig gesperrt", heißt es weiter.

Update, 16.47 Uhr: Verkehrsbehinderungen in der ganzen Stadt

Nach Angaben der Ordnungshüter ist der Aufzug der "Querdenker" nun vollständig auf dem Wasen eingetroffen.

"Es kommt immer noch zu Verkehrsbehinderungen im ganzen Stadtgebiet", heißt es in einem Tweet der Beamten.

Update, 16.35 Uhr: Polizei zieht erste Bilanz

Polizisten stehen Gegendemonstranten der linksradikalen Antifa gegenüber.
Polizisten stehen Gegendemonstranten der linksradikalen Antifa gegenüber.  © Christoph Schmidt/dpa

Die Polizei hat am Nachmittag eine erste Bilanz gezogen.

Am Marienplatz versammelten sich demnach ab 10 Uhr Pandemie-Kritiker zur genehmigten Kundgebung. Dabei wurde die angemeldete Teilnehmerzahl erheblich überschritten. "Der überwiegende Teil der Demonstranten trug keine Masken und hielt die geforderten Abstände nicht ein. Mehrfache Hinweise der Polizei zur Einhaltung der Auflagen wurden von den Teilnehmern ignoriert."

Gegen 12.15 Uhr startete der Aufzug in Richtung Cannstatter Wasen, woraufhin Gegendemonstranten am Österreichischen Platz auf Höhe der Einfahrt zur Fangelsbachstraße mit Fahrrädern die Fahrbahn auf der vorgesehenen Aufzugsstrecke blockierten.

Auch in der Tübinger Straße blockierten Gegendemonstranten, die zu Fuß unterwegs waren, den Aufzug der "Querdenker". "Den Gegendemonstranten wurde mehrfach ein alternativer Versammlungsort angeboten und zugewiesen", schreiben die Beamten. "Da dieser aber nicht angenommen wurde, wurde die Gegendemonstration aufgelöst."

Daraufhin zogen die Aufzugsteilnehmer über die Rotebühlstraße und die Theodor-Heuss-Straße zum Hauptbahnhof und weiter über das Neckartor zum Cannstatter Wasen.

Durch hinzuströmende Personen erhöhte sich die Zahl der Pandemie-Kritiker weiter massiv, wobei die Teilnehmer auch hier größtenteils keine Masken trugen und die Abstände zueinander nicht einhielten.

Polizisten filzen mutmaßliche Rocker

Einsatzkräfte stellten von den Gegendemonstranten in der Tübinger Straße und den Fahrraddemonstranten am Österreichischen Platz die Personalien fest und erteilten im Anschluss Platzverweise.

"Gegen 12.30 Uhr kontrollierten Polizeibeamte im Bereich der Stadtbahnhaltestelle Rathaus 20 Personen, die mutmaßlich dem Rockermilieu angehören und beschlagnahmten Quarzhandschuhe, pyrotechnische Gegenstände und Sturmhauben", heißt es in der Pressenotiz weiter.

Während der Kontrolle kam es zu Widerstandshandlungen, bei denen sich eine Polizeibeamtin leichte Verletzungen zuzog. Nach Abschluss der polizeilichen Maßnahmen wurden die Personen wieder auf freien Fuß gesetzt und erhielten Platzverweise.

Gegen 14 Uhr wurde in der Theodor-Heuss-Straße ein pyrotechnischer Gegenstand in den Aufzug geworfen, verletzt wurde dabei nach bisherigen Erkenntnissen niemand. Einsatzkräfte kontrollierten daraufhin einen Tatverdächtigen.

"Der Polizei liegt ein Video vor, wonach mutmaßlich ein Journalist in der Cannstatter Straße offenbar von einem Aufzugsteilnehmer geschlagen wurde", ist zu lesen. "Die Ermittlungen hierzu dauern an."

Während des Aufzuges kam es im gesamten Bereich der Innenstadt sowie auf den Zu- und Abfahrtsstraßen zu erheblichen Verkehrsbehinderungen.

Einsatzkräfte dokumentierten unter anderem auf dem Marienplatz und während des Aufzuges eine Vielzahl von Verstößen, die im Rahmen der weiteren Ermittlungen angezeigt werden. Auch gegen den Leiter der Versammlung am Marienplatz wird ein Ermittlungsverfahren eingeleitet.

Titelfoto: Andreas Rosar/ Fotoagentur Stuttgart

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