Neues Tunnel-Videospiel simuliert den Stuttgart-21-Wahnsinn: "Man soll sich auch ärgern"
Von Martin Oversohl
Stuttgart - Über den langen provisorischen Fußgängertunnel zwischen der Stuttgarter Innenstadt und den Gleisen des Hauptbahnhofs ist schon viel gespottet worden. Jetzt soll ein Videospiel den Gang durch den Tunnel erlebbar machen.
Es geht um Zeit und Verzweiflung, Frust und Ärger - und zumindest die Demo verspricht kein Happy End, realistisch klingende Lautsprecherdurchsagen inklusive. "Man soll Spaß haben dabei und man soll sich auch ärgern", sagt Willi Schorrig, Entwickler von "S21 - The Game".
Er kennt den Weg durch den rund 350 Meter langen Tunnel aus eigener Erfahrung: Seit Jahren läuft er die Strecke mehrmals in der Woche. Sinnbildlich sei das für das Bauprojekt: "Erst heißt es, es wird nächstes Jahr fertig, dann in vier Jahren, dann in zehn Jahren. Man wird immer wieder vertröstet."
Bis zu zehn Minuten dauert es im Schnitt, um von den Gleisen durch den Tunnel zu kommen. Ziel des Spiels ist es, innerhalb von 20 Minuten Gleis 9 zu erreichen. Klingt großzügig - allerdings bremsen Hindernisse den Weg durch den dämmrig beleuchteten, menschenleeren Tunnel immer wieder aus.
Die Demo endet, wie Kritiker es von Stuttgart 21 vielleicht erwarten könnten: Der Spieler steht vor einer Betonmauer und muss frustriert umkehren. "Das hier wird niemals enden", knarrt die Stimme aus dem Lautsprecher.
Tester haben lauthals gestöhnt
Schorrig zeigte seine Idee zunächst nur ein paar Leuten. "Am Anfang gab es nichts in diesem Tunnel, nur die Aufforderung, weiterzulaufen", erzählt er. "Die ersten Testerinnen und Tester haben lauthals gestöhnt, sind aber trotzdem lange durch den Gang gelaufen. Immer in der Annahme, dass da noch etwas kommt."
Es gehe um dieses Gefühl: "Vielleicht kommt ja noch etwas. Vielleicht ist es ja wirklich gleich fertig."
In diesen Tagen will er die Idee auf der Gamescom in Köln vorstellen - dem weltweit größten Event für Computer- und Videospiele. Inzwischen tüfteln Schorrig und sein Team weiter. In einem Punkt ist er sich schon heute sicher: "Wir werden auf jeden Fall vor Stuttgart 21 fertig."
Titelfoto: Bernd Weißbrod/dpa
