Wenn am Ufer ein Kinderfahrrad liegt: Rettungstaucher hat "immer Kloß im Hals"
Von Jennifer Kramer
Ludwigsburg - Wie erlebt ein erfahrener Rettungstaucher Einsätze, bei denen es um Minuten und mentale Stärke geht? Einer von ihnen gibt Einblicke in einen fordernden Ehrenamt-Alltag.
Achim Maier erinnert sich noch. Ein Wintertag vor einigen Jahren, ein Kinderfahrrad liegt am Rand eines Stadtweihers. Daneben klafft ein Loch im Eis.
Die Einsatzkräfte sind sich sicher: Da ist ein Kind unter dem Eis gefangen. "Ich war als erster Taucher vor Ort, bin ins Wasser rein", erzählt Maier.
Der Weiher ist flach. So flach, dass er mit seinen Knien den Schlamm unter sich aufwirbelt. "Ich habe nichts mehr gesehen", erinnert sich Maier.
Der Einsatz damals sei gut ausgegangen, erinnert er sich: "Das Kind ist zwar ins Eis eingebrochen, es konnte aber von selbst aus dem Wasser kommen und ist ohne sein Fahrrad heimgelaufen."
Aber die psychische Belastung unter Wasser, die sei extrem gewesen für ihn.
Maier ist der dienstälteste Rettungstaucher der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) im Kreis Ludwigsburg.
Der 57-Jährige taucht regelmäßig im Neckar und in anderen unbekannten Gewässern im Südwesten. Im Neckar zu tauchen sei eine "mentale Belastung". Oft sei das Wasser kalt, dunkel. Der Taucher wisse nicht, was über, unter oder neben ihm sei. "Wir haben glasklare Sicht bis zur Brille und ab da wird's trüb. Das heißt, wir stochern im Nebel."
Taucher tastet nach Vermissten
Wie sucht man, wenn man kaum etwas sieht? "Es ist meistens nach Fühlen", erklärt Maier sein Vorgehen unter Wasser. Im Einsatz tastet er nach Vermissten und bringt sie herauf - lebend oder tot.
Wenn man als Taucher ins Wasser gehe, "denkt man schon eher, es könnte nicht mehr erfolgreich abgeschlossen werden, weil man einfach von der Zeit her zu lange braucht, bis man unter Wasser ist", erklärt er. Wenn zu viel Zeit verstreicht, versuchen die Taucher, die Leiche zu bergen.
"Man kann sich eine Schutzhaut auflegen, dass man das mit sich selber verarbeiten kann. Das ja, aber gewöhnen tut man sich an eine Leiche nicht", erzählt Maier zu den belastenden Einsätzen.
Auch nach Kindern müssen die Einsatzkräfte manchmal tauchen. "Wenn ein Kind betroffen ist, dann hat man immer einen Kloß im Hals", sagt Maier. "Aber es gehört leider zum Geschäft dazu."
Titelfoto: Bildmontage: Marijan Murat/dpa

