Millionen von Banknoten unter Tage gelagert: Als das "Milliardengrab" zu unsicher wurde

Halberstadt/Leipzig - Bei 1200 Grad verglühte im Jahr 2002 das Geld, das für die Bürger der DDR jahrzehntelang Zahlungsmittel war. Ein Höhlensystem im Vorharz war zu unsicher geworden.

Rund 620 Millionen Geldscheine - der gesamte eingelagerte Bestand der früheren Staatsbank - wurden 2002 verbrannt.
Rund 620 Millionen Geldscheine - der gesamte eingelagerte Bestand der früheren Staatsbank - wurden 2002 verbrannt.  © Peter Förster/dpa-Zentralbild/dpa

"Diese beeindruckenden Bilder werde ich wohl nie vergessen. Bis hoch unter die Decke lagerten Millionen von Banknoten", beschreibt Christine Volk von der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) die einstige Schatzhöhle in den Halberstädter Thekenbergen. In den unterirdischen Gewölben sollten die Geldscheine, die ab 1. Juli 1990 mit Einführung der D-Mark in Ostdeutschland kein gültiges Zahlungsmittel mehr waren, verrotten. "Der größte Teil des Papiergeldes wirkte druckfrisch", erinnert sich die KfW-Sprecherin.

Verborgen vor der Öffentlichkeit hatte die DDR-Staatsbank die Banknoten 1990/91 unter Tage eingelagert. Der Schatz wurde eingemauert und eingeschlämmt. Ein Gutachten gab an, dass sich das Geld in den Stollen in einem überschaubaren Zeitrahmen gleichsam auflösen würde.

Die Hoffnung auf eine unspektakuläre Entsorgung der DDR-Banknoten in dem verzweigten Höhlensystem, das während der Nazi-Zeit von KZ-Häftlingen angelegt und für Rüstungszwecke genutzt worden war, erfüllte sich jedoch nicht.

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2001 tauchten Geldscheine auf dem Sammlermarkt auf, nie emittiert und druckfrisch. Eine Prüfung durch die KfW - als Rechtsnachfolgerin der Staatsbank der DDR für das "Milliardengrab" unter den Thekenbergen verantwortlich - ergab, dass diese Banknoten aus Halberstadt stammten und sich Diebe durch offene Lüftungsschächte illegal Zutritt zu den Stollen verschafft hatten.

Möglichst wenige Leute sollten von der Entsorgungsaktion erfahren

Ein Arbeiter schaufelt in einem unterirdischem Stollen altes DDR-Geld.
Ein Arbeiter schaufelt in einem unterirdischem Stollen altes DDR-Geld.  © Peter Förster/dpa-Zentralbild/dpa

Als zwei Männer am 28. Juli 2001 von einem Wächter auf frischer Tat gestellt wurden, befanden sich auffällig viele 200-Mark- und 500-Mark-Scheine in der aufgefundenen Diebesbeute. Diese Banknoten, die 1985 in der DDR gedruckt wurden, aber nie in Umlauf gelangten, haben für Sammler einen hohen Wert.

Die KfW aber befürchtete weitere Einbrüche und entschied sich deshalb für eine rasche Beseitigung des riesigen Geld-Lagers. "Wir wollten verhindern, dass die Thekenberge Ziel von Abenteuerausflügen werden", sagte Christine Volk, die die Auflösung des "Milliardengrabes" zwischen April und Juni 2002 begleitete.

In jenen drei Monaten wurde das einstige Zahlungsmittel in einer Abfallvernichtungsanlage bei Helmstedt nach und nach verbrannt.

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Zuvor mussten in den Stollen die eingelagerten 3000 Tonnen Banknoten von Kies und Sand getrennt und in Behälter verladen werden. Während zehn Mitarbeiter des Schachtbaus Nordhausen diese Arbeiten verrichteten, achteten Wachleute eines Wernigeröder Unternehmens darauf, dass auch der letzte Schein in die bereitgestellten Container kam.

Bis Ende Juni 2002 transportierten nahezu täglich sechs Container-Fahrzeuge insgesamt 620 Millionen Geldscheine durch den Harz ins niedersächsische Buschhaus. Die grauen 33-Kubikmeter-Container waren vollgestopft mit Banknoten. Gefahren wurde in den Abendstunden, von der Entsorgungsaktion sollten möglichst wenig Leute erfahren.

Markus Nitschke: "Es war schon ein wenig wie bei Onkel Dagobert, der superreichen Ente Walt Disneys"

Ein kleiner Teil des Halberstädter Schatzes ist noch öffentlich im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig zu sehen.
Ein kleiner Teil des Halberstädter Schatzes ist noch öffentlich im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig zu sehen.  © Sebastian Willnow/dpa

In der Abfallvernichtungsanlage Buschhaus (TRV), der Endstation für das ausgediente Papiergeld, sollen sich einige Mitarbeiter anfangs noch über den Geldregen, der sich regelmäßig gegen 20 Uhr in den riesigen Müllbunker ergoss, gewundert haben.

"Es war schon ein wenig wie bei Onkel Dagobert, der superreichen Ente Walt Disneys, wenn die Container entladen wurden und die zum Teil bestens erhaltenen Scheine nur so umherflatterten", so der damalige TRV-Sprecher Markus Nitschke.

Diese Banknoten wurden jeweils sofort nach dem Ausladen geschreddert, mit anderen Restabfällen vermischt. Bei 1200 Grad im Kessel verglühte das Geld, das mehr als 40 Jahre lang Zahlungsmittel für rund 17 Millionen Menschen zwischen Ostsee und Thüringer Wald war, nahezu restlos.

Die Schlacke, die aus dem Gemisch von Hausmüll und Banknoten entstand, wurde als Kiesersatz beim Straßenbau eingesetzt, der Eingang zu der einstigen Schatzhöhle bald darauf zugemauert.

Ein kleiner Teil des Halberstädter Schatzes übrigens ist noch öffentlich zu sehen, sagte Tanja Chatzinotas vom Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig. Für dessen Dauerausstellung stellte die KfW einige Banknotenbündel zur Verfügung. Eine Vitrine präsentiert eine Sammlung DDR-Banknoten - darunter auch Scheine, die zuvor in den Thekenbergen eingelagert worden waren.

Titelfoto: Montage: Peter Förster/dpa-Zentralbild/dpa

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