Hass im Internet: Was hinter den Angriffen steckt und wie sich Betroffene fühlen
Deutschland - Beleidigungen, Drohungen, menschenverachtende Kommentare: Hass im Internet gehört für viele Menschen inzwischen zum Alltag. Doch wann wird aus einem Kommentar eine Straftat? Was macht digitale Hetze mit Betroffenen - und wie schwierig ist es, Täter zu verfolgen? TAG24 hat bei Betroffenen und Experten nachgehakt.
Ob unter einem Nachrichtenartikel, in sozialen Netzwerken oder in Kommentarspalten: Der Ton im Internet wird zunehmend rauer. Menschen werden beleidigt, bedroht oder aufgrund ihrer Herkunft, ihres Geschlechts, ihrer Behinderung oder ihrer politischen Haltung angegriffen.
Das kennt auch der Dresdner Tramfluencer Maik Zeuge. Der 47-Jährige wurde bereits mehrfach mit Anfeindungen und Hasskommentaren konfrontiert.
Er selbst teilt hin und wieder grenzwertige Hasskommentare mit seiner Community. Dahinter steckt für ihn ein bestimmter Gedanke, wie er erklärte: "Mir ist wichtig, dass die Leute, die solchen Unmut oder diesen Hass im Internet verteilen, dass die sich nicht sicher fühlen können. (…) Für mich ist wichtig, meiner Community zu zeigen, was man so für Nachrichten bekommt (...) Das ist schon unter aller Sau."
Er findet, die Anonymität im Internet spiele dabei eine große Rolle, was sich die Menschen trauen zu schreiben - im persönlichen Gespräch würden wohl die wenigsten, ihrem Gegenüber solche Beleidigungen direkt ins Gesicht sagen.
Aufgrund eines Cholesteatoms, also eines gutartigen Tumors in seinem rechten Ohr, ist der 47-Jährige auf Hörgeräte angewiesen. Auch deshalb musste er sich bereits wiederholt mit Hasskommentaren auseinandersetzen: "Was am meisten trifft, ist, wenn man sagt: 'Mensch, du bist behindert, was machst du im Internet?' Oder auch das Thema mit meinen Hörsystemen. (…) Ich will den Leuten zeigen: Nur weil ich Hörsysteme trage, bin ich deswegen kein anderer Mensch."
Maik glaubt, je mehr Reichweite man habe, desto mehr negative Dinge erfahre man. Kritik finde er grundsätzlich in Ordnung und sie sei auch absolut legitim, allerdings komme es darauf an, wie man diese rüberbringe.
"Wenn dir mein Content nicht gefällt, wenn dir das nicht gefällt, was ich mache oder was ich meiner Community mitgeben möchte, warum guckst du dir das dann an? Du hast viele Möglichkeiten: Du kannst weiterscrollen, du kannst meinen Account blockieren. Du musst dir das nicht antun."
Von den Anfeindungen wolle sich der Tramfluencer deshalb nicht in seinem Auftreten einschränken lassen. Das wäre für ihn der falsche Weg, wie er deutlich macht: "Dann bin ich das nicht, denn dann mache ich wieder das, was andere sich wünschen."
Digitale Angriffe können für Betroffene reale Folgen haben
Wie Dipl.-Psych. Klaus Schütz, Praxisinhaber des Psychologischen Zentrums Dresden, im Gespräch mit TAG24 erklärt, können Angriffe im Netz die psychische Gesundheit erheblich belasten.
"Menschen, die regelmäßig solchen Angriffen ausgesetzt sind, berichten häufig von Anspannung, Schlafstörungen, Grübeln, Scham und Ohnmachtsgefühlen. Wenn das über längere Zeit anhält, können depressive Beschwerden, Angststörungen oder andere Stressreaktionen dazukommen", so Schütz.
Deshalb sei es wichtig, klare Grenzen zu setzen. "Dazu gehören Blockier- und Meldefunktionen, klare Grenzen bei der eigenen Sichtbarkeit im Netz und die Entscheidung, wie viel man sich selbst zumuten möchte", so Schütz.
Auch das persönliche Umfeld spiele eine wichtige Rolle. Ein stabiles Umfeld außerhalb des Internets könne dabei helfen, das eigene Selbstbild zu bewahren. Entscheidend sei, den eigenen Wert nicht von Likes, Reichweite oder Kommentaren abhängig zu machen, sondern sich stärker auf persönliche Beziehungen und eigene Fähigkeiten zu stützen.
"Hass im Netz sagt häufig mehr über die Absender aus, als über die angegriffenen Personen", erklärt Schütz. Hilfreich sei es deshalb, den Fokus bewusst auf unterstützende und konstruktive Rückmeldungen zu legen. Bei beleidigenden oder menschenverachtenden Kommentaren sollte der Selbstschutz im Vordergrund stehen. "Blockieren, Melden und gegebenenfalls juristische Schritte sind dann meist sinnvoller als eine Diskussion", erklärt der Psychologe.
Er empfiehlt deshalb, Verantwortung zu teilen und Unterstützung einzubeziehen. Dabei können auch psychologische Unterstützung oder Selbsthilfegruppen helfen, mit der Situation umzugehen. "Man sollte mit solchen Belastungen nicht allein bleiben", betont Schütz.
HateAid unterstützt Betroffene digitaler Gewalt
Mittlerweile gibt es zahlreiche Hilfsangebote und Organisationen, die Betroffene von digitaler Gewalt unterstützen. Eine davon ist HateAid. Sie berät Menschen, die im Internet Hass und Angriffen ausgesetzt sind und hilft ihnen dabei, mögliche nächste Schritte abzuwägen, erklärte die Organisation gegenüber TAG24.
HateAid wurde 2018 gegründet und hat seitdem bereits mehr als 8000 Fälle begleitet. Mit der zunehmenden Bedeutung digitaler Gewalt wächst jedoch auch die Zahl der Betroffenen kontinuierlich.
Betroffene sind mit digitaler Gewalt nicht allein. Zwar nimmt das Problem weiter zu, gleichzeitig gibt es verschiedene Möglichkeiten, sich dagegen zu wehren. Denn gerade nach einem Angriff im Netz kann es helfen, die Situation nicht allein bewältigen zu müssen.
HateAid rät Betroffenen dazu, mögliche Beweise wie Screenshots, Links oder Profile frühzeitig zu sichern. Wie sich Screenshots möglichst rechtssicher anfertigen lassen, erklärt die Organisation auf ihrer Website. Sind die Beweise gesichert, sollten Betroffene die entsprechenden Inhalte und Accounts bei der jeweiligen Social-Media-Plattform melden und die Entfernung der Hasskommentare beantragen.
"Nicht immer ist gleich klar, ob ein Inhalt strafbar ist oder nicht. Finden Betroffene beispielsweise heimlich gefilmte Aufnahmen von sich, ist die Lage diffus: Auch wenn die Herstellung von Bildaufnahmen im öffentlichen Raum nicht immer rechtswidrig ist, kann insbesondere die Verbreitung der Bildaufnahme eine Verletzung von Persönlichkeitsrechten darstellen. Betroffene sollten also zur Sicherheit alle Informationen sammeln, um sie später gegebenenfalls als Beweise vorliegen zu haben", so die Organisation.
Für einen besseren Schutz vor digitaler Gewalt sieht HateAid vor allem Plattformen und die Politik in der Verantwortung. Gleichzeitig können auch Nutzer*innen selbst einige Maßnahmen ergreifen, um ihre persönlichen Daten und Accounts besser zu schützen.
HateAid rät: "Oft nutzen Tatpersonen auch Privatadressen oder Telefonnummern, um Menschen ganz konkret zu bedrohen. Die Zwei-Faktor-Authentifizierung bietet zusätzlichen Schutz vor Hacking. Sehen Nutzer*innen hasserfüllte und möglicherweise strafbare Inhalte, sollten sie die Blockier- und Meldefunktionen der Plattformen konsequent nutzen, um Hasskommentare oder Belästigungen direkt zu unterbinden."
Hasskriminalität nimmt in Deutschland zu
Besonders häufig von Hasskriminalität betroffen sind Menschen, die von Tätern als ausländisch oder fremd wahrgenommen werden, wie ein Sprecher des Bundeskriminalamtes (BKA) gegenüber TAG24 mitteilt.
Die Zahl der registrierten Fälle von Hasskriminalität im Internet ist in den vergangenen Jahren in Deutschland deutlich gestiegen. Während 2021 noch 2791 Fälle erfasst wurden, waren es 2025 bereits 6876. Rund 85 Prozent der Fälle wurden dem Bereich der Fremdenfeindlichkeit zugeordnet, erklärt der Sprecher.
Allerdings geht das BKA von einer noch größeren Dunkelziffer aus. Viele Betroffene erstatten aus Scham oder aufgrund fehlenden Vertrauens in die Behörden keine Anzeige, weil sie befürchten, dass diese ohnehin nichts bewirken würde. Ein Sprecher des Landeskriminalamtes Sachsen betont jedoch gegenüber TAG24: "Auch Täter, die unter Pseudonymen agieren, lassen sich zum Teil durch einen Mehraufwand ermitteln."
Denn eine Ursache für die Verbreitung von Hass im Internet ist der sogenannte Online-Enthemmungseffekt. "Anonymität senkt die Hemmschwelle für digitalen Hass, indem sie Verantwortung diffundiert, Empathie gegenüber den Betroffenen reduziert, Gruppennormen verstärkt und die Selbstkontrolle verringert", so der BKA-Sprecher. Gleichzeitig spielen aber auch die Persönlichkeit der Täter, Gruppendynamiken und der jeweilige Kontext eine entscheidende Rolle.
Betroffenen rät das BKA, Hasskommentare oder Bedrohungen nicht einfach hinzunehmen. "Wenn man bedroht oder belästigt wird, sollte grundsätzlich die Polizei kontaktiert werden". Ein Sprecher des Landeskriminalamtes Sachsen betont: "Wichtig seien insbesondere Screenshots, Datum, Profil- und Beitragslinks sowie – falls erforderlich – der vollständige Kontext".
Eine entsprechende Anzeige kann auch online über die Online-Wache erstattet werden. Zudem sollten Vorfälle direkt bei der jeweiligen Plattform gemeldet, problematische Accounts blockiert und Beweise wie Screenshots gesichert werden.
Weitere Hinweise zu Beratungs- und Hilfsangeboten für Betroffene von Hass im Netz bietet die Polizei auf ihrer Website "Gemeinsam gegen Hass im Netz". Dort finden Betroffene Informationen und Anlaufstellen, die sie bei der Bewältigung und Aufarbeitung entsprechender Vorfälle unterstützen.
Titelfoto: Montage: Eric Münch, Dipl.-Psych. Klaus Schütz/Psychologischen Zentrum Dresden, Karl-Josef Hildenbrand/dpa