Michel Friedman bei Festspielen: "Der Antisemit Richard Wagner muss mir heute zuhören!"

Von Britta Schultejans

Bayreuth - Michel Friedmans (70) Rede im Bayreuther Festspielhaus zum 150. Jubiläum hatte schon vorab Schlagzeilen gemacht, war mit Spannung erwartet worden. Er wird dabei sehr deutlich. Der jüdische Publizist hat darin zu Engagement für Demokratie und gegen den Rechtsruck in der Gesellschaft aufgerufen.

Katharina Wagner (48) begrüßte die Gäste bei den Bayreuther Festspielen in diesem Jahr zusammen mit Michel Friedman (70).  © Karl-Josef Hildenbrand/dpa

"Was muss eigentlich noch passieren, dass wir unsere Demokratie persönlich verteidigen?", fragte er im Festspielhaus bei einer Gedenkveranstaltung für während des NS-Regimes verfolgte und ermordete jüdische Musiker. 

Inzwischen sei klar, "dass wir den Anfängen nicht genug gewehrt haben, sondern mittendrin sind", sagte er auch mit Blick auf Sachsen-Anhalt, wo die AfD rund sechs Wochen vor der Landtagswahl laut Umfragen mit mehr als 40 Prozent deutlich vorn liegt. 

Gerade den Menschen, die heute gern nörgelten, müsse man klarmachen: "Sie müssen demokratisch wählen, damit sie morgen noch entspannt nörgeln können."

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Friedman, aus dessen Familie seinen Angaben zufolge 50 Menschen von den Nationalsozialisten ermordet wurden, betonte: Hass auf Juden, Hass auf Muslime, Hass auf Frauen oder Homosexuelle sei vor allem eins: Hass auf Menschen.

"Die Diktatur verachtet den Menschen nicht, sie sieht ihn nicht einmal", sagte Friedman. Darum müssten alle überzeugte Demokraten ihre Stimme erheben und Werbung machen für "das bessere Produkt". 

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Vorab-Wirbel um Friedmans Rede bei den Bayreuther Festspielen

Friedmans Rede trug den Titel "Über Bayreuth, über Deutschland. Versuch einer Gesellschaftsanalyse".  © Daniel Löb/dpa

Friedmans Rede war vor allem darum mit Spannung erwartet worden, weil es um die geplante Veranstaltung im Vorfeld einiges an Wirbel gegeben hatte. Friedman selbst machte die Tatsache, dass er dazu ein- und wieder ausgeladen worden war, öffentlich und seinem Ärger darüber Luft. 

Es folgte harsche Kritik an den Festspielen, auch aus der Politik - und eine Entschuldigung von Festspiel-Chefin Katharina Wagner, die sie bei der Eröffnung des Jubiläums noch einmal wiederholte. 

Friedman nannte die 48-Jährige, mit der er vor seiner Rede noch die Dauerausstellung "Verstummte Stimmen" zu den Biografien verfolgter jüdischer Mitwirkender der Bayreuther Festspiele besuchte, nun "meine Freundin" und sagte, "dass Katharina Wagner gerade die Erinnerungskultur von Bayreuth verändert". "Heute hab ich das Wort und der Antisemit Richard Wagner muss zuhören."

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Der Komponist Richard Wagner (1813-1883), Gründer der Bayreuther Festspiele, verfasste antisemitische Schriften und äußerte sich auch immer wieder klar antisemitisch. Später galten die Festspiele als eng verflochten mit nationalistisch-völkischem Gedankengut und schließlich mit dem Nationalsozialismus. Adolf Hitler war immer wieder Gast in Bayreuth. Katharina Wagners Großmutter Winifred Wagner, die die Festspiele damals leitete, galt als glühende Verehrerin.

Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (61) nannte Friedmans Rede und die Neuausrichtung der Bayreuther Erinnerungskultur "historisch".

"Michel Friedman hat eine große, eine historische Rede gehalten. Er hat den Finger in die Wunde der Erinnerungspolitik gelegt und hat damit eine große Versöhnungsgeste gelebt, die allen Beteiligten guttut. Katharina Wagner hat sich entschieden, die Erinnerungspolitik Bayreuths und der Familie Wagner neu zu definieren", sagte er.

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