Menschen haben offenbar schon vor 2800 Jahren Cannabis konsumiert
Von Stefan Parsch
Jena/Bern - Menschen haben einer neuen Analyse zufolge vermutlich schon vor rund 2800 Jahren Cannabis konsumiert. In Haaren von Bestatteten in einem monumentalen Fürstengrab im Süden von Sibirien wiesen Forschende Spuren typischer Wirkstoffe wie etwa Cannabinol nach.
Zudem wurden über 1000 Hanfpflanzen-Samen gefunden, wie das Team um Gino Caspari vom Max-Planck-Institut für Geoanthropologie in Jena und von der Universität Bern im Fachjournal Science berichtet.
Cannabis bezeichnet die Hanfpflanze Cannabis sativa, insbesondere ihre getrockneten Blüten, Blätter, Stängel und Samen. Die Pflanze enthält viele chemische Verbindungen, darunter mehr als 100 Cannabinoide wie vor allem der Hauptwirkstoff Tetrahydrocannabinol (THC).
"Die molekularen Spuren in den Haaren und die Cannabissamen stammen aus demselben Grab und legen nahe, dass Cannabis aufgrund seiner berauschenden Wirkung verwendet wurde", sagte Caspari. Sein Team bestimmte das Alter mehrerer Samen auf rund 2800 Jahre.
In den Haarproben wurden zwar nur schwache Hinweise auf die psychoaktive Substanz Tetrahydrocannabinol (THC) gefunden, aber deutliche Signale für Cannabinol (CBN).
Dieses Abbauprodukt entsteht, wenn THC mit Sauerstoff reagiert. Unklar bleibt, ob Cannabis aktiv wegen seiner berauschenden Wirkung konsumiert wurde. Auch Rückschlüsse auf den THC-Gehalt der Pflanzen aus dieser Zeit seien nicht möglich, hieß es.
Tier- und Menschenopfer fürs Herrschergrab
Das monumentale Hügelgrab "Tunnug 1" im südlichen Sibirien gilt als eines der größten und ältesten Herrschergräber der Region und wird dem Reitervolk der Skythen zugeordnet.
Im Zentrum des Grabhügels legten die Forscher vier Holzstrukturen mit drei Einzelbestattungen und einer Mehrfachbestattung frei.
Die Bestatteten lagen innerhalb der holzverstärkten Lehmarchitektur des Grabhügels, "auf dem eine große Anzahl von Pferden in Form eines gespenstischen Reiterzugs geopfert wurde", schreiben die Studienautoren in Science
Sie gehen davon aus, dass für den Reiterzug auch Menschenopfer dargebracht wurden - es wurden auch verstreute menschliche Knochen gefunden. Möglicherweise sei Cannabis dazu genutzt worden, die für die Rituale vorgesehenen Personen zu beruhigen.
Denkbar sei auch ein weiterer Effekt: Mit dem Geruch der Blütenstände der Hanfpflanzen könnte bei Bestattungsritualen der Geruch des verwesenden Fleisches übertüncht worden sein, mutmaßen die Forschenden.
Titelfoto: Fotomontage/Gino Caspari/Frozen Corpses Golden Treasures, T.Wallace & G. Caspari/dpa

