Wie ausgerechnet ein Bayer das erste U-Boot erfand
Dresden - Im Militärhistorischen Museum zu Dresden steht ein monströser Klotz deutscher Erfindungsgeschichte. Der "Brandtaucher" war das erste funktionierende U-Boot im Kaiserreich. Vor 175 Jahren, am 1. Februar 1851, fanden in der Kieler Förde zwei Tauchgänge statt, der dritte geriet zum glücklichen Fiasko: Der "eiserne Seehund" lief voll Wasser, die Crew wurde im letzten Moment wie Champagner-Korken an die Oberfläche geschossen. Konstrukteur Wilhelm Bauer gilt inzwischen als genialer Erfinder und U-Boot-Pionier, doch die Früchte seines Ruhmes erntete er nicht zu Lebzeiten.
Ende der 1840er-Jahre kämpften Preußen und Österreich gegen Dänemark um Schleswig-Holstein. Mit einem bayerischen Regiment war auch der gelernte Drechsler Wilhelm Bauer vor Ort.
Als die Dänen über eine Pontonbrücke eine sächsische Brigade angriffen, kam ihm eine Idee: Man könnte mit einem Unterwasser-Fahrzeug plötzlich auftauchen und die Brücke in Brand setzen - ein Brandtaucher.
Bauer begann, Skizzen zu zeichnen. Sein Vorbild aus der Natur war der Seehund. Und weil Bayern seine Truppen wieder abzog, heuerte er als "Ausländer" und Unteroffizier zweiter Klasse in Schleswig an. Er benötigte einige Monate, um mit seiner Idee an die richtigen Entscheidungsträger zu geraten.
Den Militärs wäre so ein U-Boot sehr willkommen gewesen. Allerdings bezweifelten sie, dass diese kühne Idee auch funktioniert. Sie glaubten jedoch an die erhebliche psychologische Wirkung auf den Feind, wenn die Deutschen im Besitz einer solchen Wunderwaffe wären.
Sie gaben den Produktionsauftrag, finanzierten ihn aber nicht. Das Geld musste über eine öffentliche Spendensammlung kommen, damit der Feind auch davon erfährt.
Über 20 Tonnen Roheisen wurden zu einem acht Meter langen Kasten gegossen
Viel kam nicht zusammen. Auch wenn nur eine Attrappe zur Abschreckung produziert wurde, begleitete Bauer die Herstellung mit Leidenschaft und Herzblut.
Über 20 Tonnen Roheisen wurden zu einem acht Meter langen, zwei Meter breiten und 3,5 Meter hohen Kasten gegossen. Für notwendige Instrumente oder gar Waffensysteme fehlten bei der halbherzigen Investition die Mittel. Ohne Kampfauftrag lag das Schiff im Kieler Hafen.
Dann zeichnete sich ein Waffenstillstand ab. Bauer musste handeln, um die Funktionsfähigkeit seiner Erfindung zu beweisen. Auf eigene Faust warb er zwei Arbeiter an, welche mit ihm Geschichte schreiben sollten - einen Heizer und einen Zimmermann. Am 1. Februar 1851 stachen sie 9 Uhr vor einigen Schaulustigen in See.
Schiffsschraube und Pumpen mussten mit Muskelkraft bedient werden, Bauer übernahm Steuer und Kommando. Die Jungfernfahrt begann vielversprechend. Zweimal drehte der Brandtaucher unter Wasser eine Runde und tauchte wieder auf. Doch dann kam den tollkühnen Männern die Idee, einmal zu testen, wie tief sie kommen.
Jetzt aber rächte sich die Billigproduktion. Die von Bauer vorgesehenen Tauchtanks waren eingespart worden. Daher ließ man Wasser als den zum Tauchen notwendigen Ballast ins Boot. Doch die Ventile versagten, durchs Heck trat immer mehr Wasser ein. Weil rutschende Gewichte die Pumpen zerstörten, saß man bald im eisernen Grab.
Über 130 Tauchfahrten wurden durchgeführt
An der Oberfläche versuchten nun Rettungsschiffe, mit Ankern, Ketten und Leinen zu helfen. Die drei Gefangenen mussten aber warten, bis ihr Gefährt fast vollständig mit eiskaltem Wasser gefüllt und somit Innen- und Außendruck nahezu ausgeglichen war. Gegen 15 Uhr gelang ihnen das Manöver in zehn Meter Tiefe. Nur ein Gefährte Bauers wurde verletzt, weil er beim Auftrieb gegen ein Rettungsboot stieß.
Nachdem Preußen ein Angebot Wolfgang Bauers ignoriert hatte, fand er sich 1852 an der Adria wieder. Das österreichische Militär war sofort überzeugt und sicherte 50.000 Gulden für die Finanzierung eines U-Bootes zu. Allein ein Finanzbeamter in Wien witterte Betrug, weil die Erfindung allen physikalischen Gesetzen widerstreite.
Daraufhin wurde Bauer in London mit Empfehlungen vom Königshaus an zwei Industrielle verwiesen. Diese kopierten seine Konstruktionspläne und meinten, dass sie seine Expertise von jetzt an nicht mehr nötig hätten. Sie fügten der Erfindung noch so viel eigene Genialität hinzu, dass ihr Prototyp sofort sank und die Mannschaft in den Tod riss.
Nachdem Bauer auch von den Vereinigten Staaten eine Abfuhr erhalten hatte, empfing man ihn in Petersburg mit offenen Armen. Das russische Zarenreich finanzierte einen 17 Meter langen "Seeteufel" für eine zwölfköpfige Besatzung. Bauer führte auch die Taucherkammer ein, bei der ein mit Tauchanzug ausgerüsteter Matrose das Gefährt verlassen konnte. Auch Unterwasser-Geschosse waren vorhanden.
Über 130 Tauchfahrten konnte Bauer mit seiner Crew unternehmen und einige bahnbrechende Entdeckungen für die Unterwasser-Seefahrt verzeichnen - aus Ermangelung eines akademischen Hintergrundes wurden diese kaum wahrgenommen. Dann sank das Boot durch einen fahrlässigen Bedienungsfehler.
Die Mannschaft wurde zwar gerettet und der "Seeteufel" wieder gehoben, doch der Erfinder sah sich als Deutscher immer wieder Intrigen ausgesetzt. Er ging 1858 in seine bayerische Heimat zurück. Und weil dort keine U-Boote gebraucht wurden, entwickelte er nun Hebeballons für Schiffsbergungen.
Dresden als letzter "Ankerplatz"
Schon kurz nach seinem Sinken gab es in Kiel mehrfach vergebliche Versuche, den Brandtaucher zu heben. Erst 1887 konnte er geborgen werden. Nach mehrjähriger Liegezeit stellte man ihn 1900 ins neu eröffnete Berliner Meereskundemuseum, wo er zwei Weltkriege überlebte.
Über Umwege kam er später nach Rostock, wo das Unterseeboot von Schiffsbauern der Neptun-Werft in den 1960er-Jahren als technisches Denkmal rekonstruiert wurde.
Dann brachte man den Brandtaucher 1972 in das neu eröffnete Armeemuseum der DDR nach Dresden.
Titelfoto: Bildmontage: imago/Photo12, imago/Joko, Wikipedia

