"Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" auf Amazon Prime: Von der Disco auf den Straßenstrich

Deutschland - "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" ist schon jetzt eine der umstrittensten Serien des Jahres und lässt den Mythos "Christiane F." auf ganz eigene Art und Weise wiederaufleben.

Von links: Stella (Lena Urzendowsky), Axel (Jeremias Meyer), Christiane (Jana McKinnon), Benno (Michelangelo Fortuzzi), Babsi (Lea Drinda) und Michi (Bruno Alexander) tanzen gemeinsam durch das Berliner Nachtleben.
Von links: Stella (Lena Urzendowsky), Axel (Jeremias Meyer), Christiane (Jana McKinnon), Benno (Michelangelo Fortuzzi), Babsi (Lea Drinda) und Michi (Bruno Alexander) tanzen gemeinsam durch das Berliner Nachtleben.  © Constantin Television / Mike Kraus

Die Geschichte der Christiane F. prägte ganze Generationen: Mit zwölf Jahren nahm das in West-Berlin aufgewachsene Mädchen zum ersten Mal Drogen. Zwei Jahre später war sie schwerst heroinabhängig und musste ihren Körper auf dem Kinderstrich verkaufen, um ihre Sucht zu finanzieren.

Die Autobiografie "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" und der gleichnamige Film machten sie zur Symbolfigur der damaligen Jugendkultur und ihr Buch zur Pflichtlektüre im Schulunterricht.

Doch funktioniert die Geschichte auch noch 2021? Streaming-Gigant Amazon Prime wollte es wissen und wagt den Versuch.

Das neue "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" dreht sich auch, aber nicht nur um Christiane (Jana McKinnon). Neben ihr stehen fünf weitere Jugendliche im Mittelpunkt der Handlung.

Stella (Lena Urzendowsky), eine Mitschülerin, muss sich um ihre beiden Geschwister kümmern, während ihre Mutter die Finger nicht vom Alkohol lassen kann. Axel (Jeremias Meyer) lernt Christiane zufällig am Bahnhof Zoo kennen, der sich gerade auf dem Weg zu einem Bewerbungsgespräch befindet. Er ist der erste der Gruppe, der Heroin spritzt.

Auf seiner neuen Arbeitsstelle trifft er auf Benno (Michelangelo Fortuzzi), der Geld für seinen kranken Hund sammelt und dafür zu drastischen Mitteln greift. Da die Summe nicht ausreicht, prostituiert er sich und kommt damit das erste Mal auf die schiefe Bahn. Weil sein geliebter Vierbeiner nicht mehr gerettet werden kann, wird das Geld zusammen mit Kumpel Michi (Bruno Alexander) für Pillen auf den Kopf gehauen. Mit dabei sind auch Axel und Christiane.

Dann ist da noch Babsi (Lea Drinda), die im Gegensatz zu den anderen aus einem wohlhabenden Elternhaus kommt, aber nach dem Tod ihres Vaters mit schweren psychischem Problemen zu kämpfen hat. Zusammen schlittern die sechs immer tiefer in die Berliner Party- und Drogenszene hinein, bis der erste Schuss Heroin gesetzt wird und es kein Zurück mehr gibt...

"Wir Kinder vom Bahnhof Zoo": Original-Trailer mit Jana McKinnon und Lena Urzendowsky

"Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" stellt Christiane und ihre Clique in den Mittelpunkt

Christianes (Jana McKinnon) und Bennos (Michelangelo Fortuzzi) Beziehung droht an der gemeinsamen Heroinsucht zu zerbrechen.
Christianes (Jana McKinnon) und Bennos (Michelangelo Fortuzzi) Beziehung droht an der gemeinsamen Heroinsucht zu zerbrechen.  © Constantin Television / Mike Kraus

Die Auftaktfolge von "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" hinterlässt gemischte Gefühle.

Das Projekt, das von namhaften Serienschaffenden wie Regisseur Philipp Kadelbach ("Das Parfum") und Head-Autorin Annette Hess ("Ku’damm"-Reihe) geschaffen wurde, wirkt an vielen Stellen einfach zu unausgegoren.

Während in der Plattenbau-Wohnung von Christianes Eltern alles nach den 70ern schreit, tönt in der legendären Berliner Disco "Sound", in der die Jugendlichen ihre ersten Drogenerfahrungen machen, Techno aus den Lautsprechern.

Die Protagonisten selbst sind von Kopf bis Fuß durchgestylt.

Ihr Look erinnert eher an Rockstars, denn an Teenager zwischen 13 und 16. Das Alter der Schauspieler - die sechs Hauptprotagonisten sind alle Anfang 20 - macht es umso schwerer, sich zunächst voll und ganz auf die Geschichte einzulassen.

Warum "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" dennoch sehenswert ist und eine Daseinsberechtigung hat, liegt vor allem daran, dass sich die Autoren dazu entschieden haben, nicht nur Christianes, sondern auch die Geschichten ihrer Freunde zu erzählen.

"Wir Kinder vom Bahnhof Zoo": Lena Urzendowsky überzeugt als "Stella" auf ganzer Linie

Stella (Lena Urzendowsky) flieht von Zuhause und landet in der Drogen-Hölle.
Stella (Lena Urzendowsky) flieht von Zuhause und landet in der Drogen-Hölle.  © Constantin Television / Mike Kraus

Und dafür nimmt sich die Serie genügend Zeit: Während die erste Folge noch wie ein Prolog wirkt, entwickelt "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" ab Folge zwei eine regelrechte Sogwirkung.

Hautnah sind die Zuschauer dabei, wie sich Freundschaften und erste Liebesbeziehungen entwickeln und an der Heroinsucht wieder zugrunde gehen. Am Ende ist sich jeder selbst der Nächste.

Dass die Serie trotzdem bei weitem keine seichte Teenie-Unterhaltung zum Bingen ist, zeigt sich am drastischsten an der Figur Stella, deren Schicksal Lena Urzendowsky ("Kokon") so eindringlich verkörpert, dass man ihr den Schmerz vom Gesicht ablesen kann.

Von ihrer alkoholkranken Mutter, die sich nicht mal darum schert, wenn ihre eigene Tochter vergewaltigt wird, sucht sie Zuflucht bei dem erwachsenen Günther (Bernd Hölscher), der sie gegen sexuelle Dienstleistungen mit Drogen versorgt. Als die nicht mehr ausreichen, geht sie auf den Straßenstrich.

Auch wenn "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" auf den ersten Blick zu durchgestylt und hip für ein Drogendrama daherkommt, hat es keinesfalls die Härte und Schonungslosigkeit seiner Vorlage eingebüßt - ganz im Gegenteil.

Titelfoto: Constantin Television / Mike Kraus

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