Annette Frier über Angst und Hoffnung: "Demenz ist ein Biest"

Köln/Dresden - Was, wenn es irgendwann mich trifft? Wenn Namen verschwinden, Erinnerungen verblassen und Gespräche sich wiederholen? Am heutigen Montag ist Welt-Alzheimertag. Schauspielerin Annette Frier (52, "Merz gegen Merz") beschäftigt das Thema Demenz schon lange – auch persönlich.

Schauspielerin Annette Frier (52) verbindet ein persönliches Schicksal mit Demenz.  © imago/Future Image

Im Interview mit TAG24 sprach Frier ausführlich darüber, was die Krankheit mit Menschen und ihren Angehörigen macht, über ihre Erfahrungen mit Betroffenen und darüber, warum selbst in schweren Zeiten Platz für Humor bleiben muss.

"Demenz ist gesellschaftlich allgegenwärtig", sagt Frier. "Ich kenne fast niemanden mehr, der nicht schon mit dem Thema in Berührung geraten ist. Ob es die (Ur-)Oma, Papa, Schwester oder Bruder ist."

Auch Frier kennt Demenz aus ihrem persönlichen Umfeld. Ihre Großmutter mütterlicherseits erkrankte bereits mit etwa 50 Jahren. Frier hat später klargestellt, dass es sich dabei nicht um eine klassische Demenzdiagnose handelte, sondern um eine andere Erkrankung mit vielen demenzähnlichen Symptomen.

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Jahrzehnte später gründete Frier gemeinsam mit dem ehemaligen Wise-Guys-Sänger Eddi Hüneke (55) für die ZDF-Reihe "Unvergesslich – Unser Chor für Menschen mit Demenz" einen Chor mit an Demenz erkrankten Menschen. Die Erfahrung mit Betroffenen hat ihren Blick geschärft.

"Das Interessante bei Demenz – oder mein Learning bei Demenz – ist: Man denkt immer an die Patienten, aber es ist ein ganzes Familiensystem betroffen. Deswegen ist es für alle von höchster Priorität, da einen Umgang zu finden." Und der muss sich für Frier nicht ausschließlich darum drehen, was nicht mehr funktioniert. "Man muss vielleicht ein bisschen weg von der Funktionalität und von der Frage: Was gibt es für Medikamente, wann gibt es endlich Medikamente gegen Demenz? Hin zu der Frage: Was machen wir denn jetzt den ganzen Tag?"

Eine mögliche Antwort: Musik. "Ein gutes Gespräch wird schwierig, weil es sich meistens nach ein paar Sekunden wiederholt. Singen beispielsweise ist ein gutes Mittel, eine gute Arznei."

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Es darf auch mal gelacht werden

2020 gründete Annette Frier mit "Unvergesslich – Unser Chor für Menschen mit Demenz" gemeinsam mit Eddi Hüneke (55) einen Chor mit Erkrankten.  © ZDF/Jan Rothstein

Doch mit Demenz kommt häufig auch die Angst: Könnte es irgendwann mich treffen?

Frier plädiert fürs Hinsehen. "Ich glaube, wichtig ist, dass wir uns die Dinge, vor denen wir Angst haben, angucken, das reicht schon. Also nicht weggucken." Dann bemüht sie ausgerechnet Harry Potter, dessen dritten Teil sie als ihren absoluten Liebling bezeichnet: "Das Schlimmste ist die Angst vor der Angst."

Verharmlosen will sie die Krankheit damit keineswegs. "Das ist ein ganz schönes Biest und verlangt den Betroffenen alles ab. Beziehungsweise dem ganzen Familiensystem."

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Trotzdem dürfe auch gelacht werden. "Deswegen ist es so wichtig, dass wir Platz schaffen und zwischendurch lachen dürfen. Dass man sagt: Jetzt ist es unerträglich, aber morgen kann ich vielleicht eine gute Geschichte erzählen."

Auch beruflich begegnet Frier dem Thema. In "Merz gegen Merz" erkrankt ihr Film-Papa Ludwig, gespielt von Michael Wittenborn (73), an Demenz. Eine Komödie könne die Realität einer jahrelangen Erkrankung nicht eins zu eins abbilden. Für Frier darf sie dafür etwas anderes. "Was wir uns in so einer Reihe erlauben dürfen – und deswegen liebe ich dieses Format –, ist, dass wir ein bisschen Glücksstreu auf sehr harte Krisensituationen legen dürfen. Das ist im Gegenteil sogar unsere Aufgabe."

Ihr Blick richtet sich auf das, was trotz Krankheit noch möglich ist: "Dunkelheit müssen wir bei dem Thema nicht noch künstlich herstellen. Wo könnte es hell sein? Wo kommt hier ein Streifen Licht? Dann lass uns doch einmal dahin gucken."

Annette Frier: "Ich bin strikt dagegen"

In "Merz gegen Merz" spielt Michael Wittenborn (72) den an Demenz erkrankten Ludwig.  © ZDF und Brendan Uffelmann

Doch das Gespräch über Krankheit führt schließlich zu einer noch schwierigeren Frage: Was passiert, wenn ein Mensch nicht mehr leben möchte?

Auch damit setzt sich die Familie in "Merz gegen Merz" auseinander. Ludwig will Sterbehilfe in Anspruch nehmen. Frier hat darauf keine einfache Antwort. "Meine persönliche Meinung ist da auch nicht in Stein gemeißelt. Ich finde interessant, dass wir immer versuchen, den Tod zu vermeiden. Natürlich ich auch."

Für einen Moment nimmt sie der Frage mit einem Woody-Allen-Satz die Schwere: "Meine Einstellung zum Tod hat sich nicht verändert. Ich bin strikt dagegen."

Dann wird sie ernst. "Wir haben alle wahnsinnige Angst vor dem Tod. Deswegen vermeiden wir das ganze Thema von A bis Z. Das ist total logisch. Ob es sinnvoll ist, ist eine ganz andere Frage."

Und Frier stellt eine unbequeme Frage: "Ob es sinnvoll ist, immer zu Leuten zu sagen: 'Du darfst nicht sterben', daran möchte ich rütteln. Was soll das? Warum ist Lebenserhaltung der Weisheit letzter Schluss? Wer sagt das? Von wem brauche ich die Erlaubnis?" Den menschlichen Reflex, Leben erhalten zu wollen, stellt sie dabei nicht infrage. "Das ist auch wichtig, denn erst einmal haben wir einen Drang zu leben und nicht zu sterben." Doch irgendwann könne eine Phase kommen, "da geht es ums Sterben und nicht ums Leben".

Eine Antwort liefert Frier nicht. Vielleicht gibt es die auch nicht. Ihr Umgang mit beiden Themen beginnt vielmehr mit etwas anderem: hinschauen, darüber sprechen und die Angst nicht alles bestimmen lassen.

Oder, wie Frier es formuliert: "Wenn man in einem dunklen Raum stehen bleibt, wird es meistens nach einer Weile heller."

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