"Home" von Franka Potente: Wenn der Mörder plötzlich wieder vor der Tür steht

Deutschland - Franka Potente (46) ist zurück - allerdings nicht als Schauspielerin ("Lola rennt"), sondern als Regisseurin! Mit ihrem Langfilm-Debüt "Home" ist ihr eine sensible Studie über ihre amerikanische Wahlheimat gelungen, die tief berührt.

Marvin (Jake McLaughlin, 38) trifft nach 17 Jahren Haft wieder auf seine Mutter Bernadette (Kathy Bates, 73).
Marvin (Jake McLaughlin, 38) trifft nach 17 Jahren Haft wieder auf seine Mutter Bernadette (Kathy Bates, 73).  © Weltkino Filmverleih

Marvin (Jake McLaughlin, 38, "Savages") wird nach 17 Jahren aus der Haft entlassen und kehrt in seine Heimatstadt Clovis, einen Vorort von Los Angeles, zurück.

Über seine Rückkehr freut sich allerdings niemand so richtig. Zu tief sitzt die Erinnerung an das Verbrechen, das er damals mit 22 begangen hat.

Seine Mutter Bernadette (Kathy Bates, 73, "Misery") hat während der Abwesenheit ihres Sohnes einen wahren Spießrutenlauf durchlebt und ist inzwischen schwer an Krebs erkrankt.

Einzig der gutmütige Pfleger Jayden (Lil Rel Howery, 41, "Bad Trip") kümmert sich um sie.

Delta (Aisling Franciosi, 28, "The Nightingale"), die Enkelin von Marvins Opfer, ist hin- und hergerissen: Auf den Mörder ihrer Großmutter reagiert sie mal mit Ablehnung, dann wieder fühlt sie sich zu ihm hingezogen.

Ähnlich wie Marvin ist auch ihr Leben vom Schicksal gezeichnet: Als alleinerziehende Mutter arbeitet sie als Reinigungskraft und klaut Medikamente, die sie dann an Junkies weitervertickt.

Ihr Bruder Russell (James Jordan, 42, "They Want Me Dead") macht dagegen keinen Hehl aus seinem Hass auf Marvin. Immer wieder lauert er ihm auf, beleidigt ihn - bis die Situation dann endgültig eskaliert.

Deutscher Trailer zu "Home" von Franka Potente mit Jake McLaughlin, Aisling Franciosi

"Home" von Franka Potente geht der Frage nach, wann es Zeit ist zu vergeben

Zusammen mit seinem Schulfreund Wade (l., Derek Richardson, 45) erinnert sich Marvin (Jake McLaughlin, 38) an seine Jugend zurück.
Zusammen mit seinem Schulfreund Wade (l., Derek Richardson, 45) erinnert sich Marvin (Jake McLaughlin, 38) an seine Jugend zurück.  © Weltkino Filmverleih

Auf einem Skateboard fährt Marvin in der ersten Szene einen einsamen, staubigen Highway entlang.

Seine Haut ist von oben bis unten tätowiert, seine rot gefärbten Haare trägt er über einem Undercut zum Zopf.

Äußerlich lebt er noch immer in der Welt, die er vor 17 Jahren verlassen hat. Doch in seinem Inneren ist er nicht nur reifer geworden - er hat aus seinen Fehlern gelernt und bereut diese aufrichtig.

Diesen eigentlichen Widerspruch hat Regisseurin Franka Potente, die ebenfalls das Drehbuch zu "Home" geschrieben hat, äußerst feinfühlig und authentisch eingefangen.

Wenn Marvin sich etwa mit seinem Schulfreund Wade (Derek Richardson, 45, "Hostel") zum Skateboarden trifft, läuft im Hintergrund "Stop The Clocks" von den Donots - eine Band, die beide in ihrer Jugend rauf und runter gehört haben und deren Text ("The only way is down, my face down on the ground, what am I doing here?") den beiden Außenseitern direkt aus der Seele zu sprechen scheint.

Hauptdarsteller Jake McLaughlin spiegelt diese Zerrissenheit perfekt wider: Sein muskulöser Körper steht im totalen Kontrast zu seiner gebückten Körperhaltung. Den Blicken der anderen kann er kaum standhalten, seine Stimme ist leise und ruhig, die Schuldgefühle nagen an ihm.

"Home" von Franka Potente porträtiert eine abgehängte Kleinstadt im Süden der USA

Deltas (Mitte, Aisling Franciosi, 28) Bruder Russell (James Jordan, 42) hat Marvin (r., Jake McLaughlin, 38) noch lange nicht vergeben.
Deltas (Mitte, Aisling Franciosi, 28) Bruder Russell (James Jordan, 42) hat Marvin (r., Jake McLaughlin, 38) noch lange nicht vergeben.  © Weltkino Filmverleih

Ähnlich gebrochen und aus der Zeit gefallen erscheinen auch die anderen Bewohner von Clovis.

Auch wenn die Figuren in "Home" - etwa Marvins kettenrauchende und fluchende Mutter Bernadette - im ersten Moment sämtliche Klischees von sozial Abgehängten erfüllen, zeichnet Potente sie dennoch nicht als bloße Karikaturen oder soziale Verlierer, sondern als vielschichtige Charaktere, denen der Weg in ein besseres Leben aus unterschiedlichen Gründen versperrt blieb.

Die Tristesse der amerikanischen Kleinstadt zeigt sich auch an den Handlungsorten, die rau, schmutzig und wenig einladend daherkommen und von der Kamera in ausgewaschenen Bildern eingefangen werden.

Glücklicherweise versteift sich die Regisseurin nicht ausschließlich auf eine dramatische Erzählweise, sondern lockert die ernste Grundstimmung durch witzige Momente auf, in denen der Zuschauer nicht über, sondern mit den Figuren lacht.

Ganz ohne moralischen Zeigefinger - etwa wenn Marvin vor gesammelter Kirchengemeinde eine Ansprache hält - kommt der Film jedoch leider nicht aus. Das nimmt dem Drama ein Stück seiner Wertungsfreiheit und seines Feingefühls.

Trotz dieses Mankos ist Franka Potente mit ihrem Erstling "Home" ein beachtliches Debüt gelungen, das sich auf kluge Art den Themen Ausgrenzung, Schuld und Vergänglichkeit widmet.

Titelfoto: Weltkino Filmverleih

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