"Wir alle lügen manchmal": Marleen Lohse über das Dilemma mit der Wahrheit
Von Matthias Fischer
Berlin - Schauspielerin Marleen Lohse (42, "Nord bei Nordwest") ist am 14. Oktober im NDR-Thriller "Frau ohne Namen" zu sehen. Im Interview mit TAG24 spricht sie über den Film, kleine Lügen und ihre Musik.
TAG24: Wie kamst du auf den Film "Frau ohne Namen"? Wie bist du auf die Geschichte gekommen?
Ich habe die Geschichte zusammen mit zwei Freundinnen entwickelt: Anne-M. Keßel und Lynda Bartnik, beide ganz tolle Drehbuchautorinnen. Die ursprüngliche Idee kam von Anne. Im Kern geht es um die juristische Frage, dass man nicht zweimal für dieselbe Tat angeklagt werden kann.
Wir haben uns dann gefragt: Was passiert, wenn etwas zunächst wie Notwehr aussieht, später aber neue Beweise auftauchen, die diese Version infrage stellen? Was ist, wenn es bereits einen Freispruch gab? Diese juristische Grauzone ein bisschen auszuloten, fanden wir wahnsinnig spannend.
Darum herum haben wir eine Geschichte entwickelt, die stark in die Vergangenheit führt. Stilistisch orientiert sich der Film an skandinavischen Krimi- und Thrillerproduktionen.
Im Zentrum steht eine Frau, die sprechen kann, sich aber bewusst dagegen entscheidet. Mit dieser Figur gehen wir im Film auf die Reise. Dann kam uns die Idee einer Psychologin, die auf Mikroexpressionen spezialisiert ist: Marlene Nielsen. Sie liest im Gesicht dieser Frau und versucht zu verstehen, was hinter ihrem Schweigen steht.
Bis der Film entstand, hat es lange gedauert. Zwischendurch haben wir überlegt, eine Serie daraus zu machen. Dann lag das Projekt eine Weile. Später habe ich die Idee dem Redakteur Donald Krämer vorgestellt. Er fand sie spannend, und dann ging es plötzlich sehr schnell. Er hat das Projekt in der Redaktionssitzung vorgestellt, wir bekamen das Go.
TAG24: Wie war das so, dich in die Rolle des Films hineinzudenken?
Es war total schön, weil mich diese Rolle schon seit fast zehn Jahren begleitet. Sie war eigentlich eine alte Vertraute. Als die Dreharbeiten begannen, musste ich aber lernen, die Entwicklung der Geschichte und das Schreiben beiseite zu legen und ganz in meine Rolle als Schauspielerin zu wechseln. Ich habe mich nur noch auf meine Figur konzentriert und nicht mehr auf die Nebenfiguren oder die Dramaturgie. Das hat gut funktioniert, wahrscheinlich gerade, weil ich die Geschichte und die Figur so gut kenne.
TAG24: Wie lange hat es insgesamt gedauert, bis der Film fertig war?
Drehbeginn war im vergangenen Oktober, also vor knapp einem Jahr. Bis alles gedreht, geschnitten und vertont war, hat es natürlich etwas gedauert. Am 27. September feiert der Film beim Hamburger Filmfest auf der großen Leinwand Premiere. Darauf freue ich mich riesig.
TAG24: In dem Film geht es ja um die Wahrheit. Bist du persönlich auch immer für die Wahrheit oder suchst du selbst ein bisschen nach ihr?
In unserer Geschichte geht es um die Suche nach Wahrheit. Ich würde mich als ziemlich ehrlichen Menschen beschreiben. Gleichzeitig glaube ich, dass wir alle manchmal lügen, ohne es uns bewusst zu machen: aus Höflichkeit, aus Verlegenheit oder um jemanden zu schützen.
Aber natürlich gibt es Graustufen: eine eingefärbte Wahrnehmung oder Menschen, die bewusst Dinge weglassen.
Wahrheit und Lüge sind außerdem sehr aktuelle Themen, gerade in Zeiten von KI, in denen man manchmal nicht mehr genau weiß: Was ist wahr, und was gaukelt mir eine virtuelle Realität nur vor? Ich finde es spannend, dass unser Film dieses Thema aufgreift.
TAG24: War es schon immer dein Traum, Schauspielerin zu werden, oder gab es noch einen anderen Berufswunsch?
Da gab es einiges. Als kleines Kind wollte ich Tropfsteinhöhlenforscherin werden, dann Detektivin und später Designerin oder Malerin. Aber ich habe gemerkt, dass es mich doch auf die Bühne zieht. Ich habe mich dann an der Schauspielschule beworben, und es hat direkt beim ersten Vorsprechen geklappt. Später stand ich in Berlin am Gorki-Theater auf der Bühne. Diese Zeit hat mir sehr viel bedeutet.
Nur weil ich als Kind vor der Kamera stand, war es für mich nicht automatisch der logische Schritt zu sagen: "Jetzt werde ich Schauspielerin."
Mir war sehr wichtig, das Handwerk richtig zu lernen. Und das hat mir sehr viel gebracht.
TAG24: Bei "Nord bei Nordwest" spielst du ja eine Tierärztin. Gab es da bestimmte Momente mit Tieren, bei denen du sagst: "Oh, das ist unvergesslich", oder gab es gefährliche Situationen?
Unvergesslich war, glaube ich, die dritte Folge. Da hatten wir Waschbärbabys am Set, und die haben wirklich alle Motive auseinandergenommen. Sie waren wahnsinnig wild, aber auch sehr lustig. Es gibt viele schöne kleine Momente, in denen sie uns während einer Szene in die Haare greifen oder im Hintergrund irgendeinen Unsinn machen. Da merkt man schnell: Es ist völlig egal, wie gut man eine Szene spielt, der Fokus liegt immer auf den Waschbärbabys. Man kann sich einfach hinten anstellen. Wenn man irgendetwas vertuschen will, setzt man ein Waschbärbaby in den Vordergrund – dann schaut niemand mehr woanders hin.
Marleen Lohse und die Musik: Vom Schlaflied zum eigenen Album
TAG24: Neben der Filmerei machst du jetzt auch neuerdings Musik. Wie kam es dazu?
Ehrlich gesagt habe ich schon vor der Schauspielerei Musik gemacht. Ich habe früh Gitarre gelernt und war immer in Bands. Während meiner Studienzeit hatten wir zum Beispiel eine Bob-Dylan-Coverband. Die Band hieß "Unsereins", und wir haben ein paar Songs auf Deutsch gespielt.
Als ich dann schwanger wurde, hatte ich etwas Zeit und einen tollen Produzenten kennengelernt, der aus meinem musikalischen Freundeskreis kommt. Eigentlich wollte ich nur ein Coveralbum machen.
Dann habe ich einen Song von Patti Smith gecovert und dabei die Melodie verändert. Mein Produzent sagte: "Das geht so nicht. Wenn du die Melodie veränderst, ist es kein Coversong mehr." Und ich dachte: "Gut, wenn wir schon eine neue Melodie haben, können wir auch einen neuen Text schreiben." So ist das erste eigene Lied entstanden, ein Schlaflied für meinen Sohn.
Dann haben wir gesagt: "Wenn wir schon ein Lied haben, können wir auch weitermachen." Am Ende ist daraus ein ganzes Album geworden, und witzigerweise ist nur ein einziger Coversong darauf geblieben.
Das war eine tolle Reise, und inzwischen schreiben wir schon an den nächsten Songs. Im November sind wir bei den Leverkusener Jazztagen dabei, und diesen Sommer haben wir beim "Come to the Woods"-Festival in Dresden gespielt. Die Musik ist eine schöne Leidenschaft, die inzwischen mehr Raum einnimmt, und dafür bin ich sehr dankbar.
Findet Marlen Lohse noch Zeit für ihren Garten?
TAG24: Woher nimmst du die Inspiration für deine Lieder?
Das ist ganz unterschiedlich. Oft sind es kleine Begegnungen im Alltag oder Dinge, die einem erst im Nachhinein bewusst werden. Zum Beispiel, wie schnell die Zeit vergeht, wenn man ein Kind hat.
Die Tage können sich manchmal endlos anfühlen, während Wochen und Jahre an einem vorbeirauschen. Dieses Empfinden von Zeit war ein großes Thema auf der Platte.
Es geht aber auch darum, in die Vergangenheit zurückzugehen: um Erinnerungen und Dinge, die einem früher etwas bedeutet haben und die jetzt, wo ich Mutter bin, plötzlich einen anderen Wert bekommen. Ich habe zum Beispiel ein deutsches Lied geschrieben, das wir gerade aufnehmen. Mal sehen, ob es noch dieses Jahr erscheint. Darin geht es um die Ostsee, wo wir früher Urlaub gemacht haben.
TAG24: Wie war dein erster Auftritt bei "Inas Nacht"? Das war ja doch eine Premiere, weil du zum ersten Mal im Fernsehen als Sängerin aufgetreten bist.
Ja, ich glaube, das war tatsächlich das erste Mal. Und ich weiß seitdem wortwörtlich, was es bedeutet, weiche Knie zu haben.
Die hatte ich an dem Abend auf jeden Fall. Aber Ina hat es mir sehr leicht gemacht, und es war herrlich, mit ihrer tollen Band und meiner Band auf der Bühne zu stehen. Das Schöne ist ja, dass man dort nicht allein steht, sondern gemeinsam mit den Musikerinnen und Musikern. Das hat sehr geholfen.
TAG24: Neben dem sportlichen Ausgleich hast du noch einen Kleingarten in Berlin. Hast du noch Zeit dafür?
Am Wochenende fahren wir gern raus und sind einfach im Grünen. Ich brauche das, weil ich selbst auf dem Dorf groß geworden bin. Ich liebe die Großstadt, aber zwischendurch ist es für mich wichtig, sie auch einmal nicht um mich zu haben. Wir bauen dort alles Mögliche an. Früher war ich dabei etwas ambitionierter, dieses Jahr ist leider nur ein großer Kürbis geworden.
Marleen Lohse ist in der Krimireihe "Nord bei Nordwest" in der ARD-Mediathek zu sehen. "Frau ohne Namen" läuft am 14. Oktober um 20.15 Uhr im Ersten und ist in der ARD-Mediathek verfügbar.
Titelfoto: Gerald Matzka/dpa

