Mit Ü60 noch auf der Herbertstraße, Domina packt aus: "Wir werden viel missachtet!"

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Hamburg - Die Personality-Show "Kiezlife Live" will Menschen eine Bühne geben, die St. Pauli über Jahrzehnte geprägt haben, und ihre Geschichten vor dem Vergessen bewahren. Eine von ihnen ist Manuela Freitag: In der berüchtigten Herbertstraße ist die gebürtige Bremerin seit fast 40 Jahren als Sexarbeiterin tätig. Über den ihr zugeschriebenen Titel der "dienstältesten Domina" könne sie nur "schmunzeln". "Vielleicht spricht es ja auch ein bisschen für mich, dass ich so lange durchgehalten habe. Ich habe viel erlebt und kann sagen: Ich bin noch da", betonte sie am Donnerstag im TAG24-Gespräch, kurz bevor sie in der Kultkneipe "Zur Ritze" in den Boxring stieg.

Manuela Freitag kurz vor ihrem Auftritt im Boxkeller der Kultkneipe "Zur Ritze": "Es ist schon für mich ein bisschen aufregend, da heute zu sitzen. Ich hoffe, dass ich zusammenhängende Sätze zusammenkriege!"
Manuela Freitag kurz vor ihrem Auftritt im Boxkeller der Kultkneipe "Zur Ritze": "Es ist schon für mich ein bisschen aufregend, da heute zu sitzen. Ich hoffe, dass ich zusammenhängende Sätze zusammenkriege!"  © Alice Nägle/TAG24

Vor ausverkauftem Haus sprach Freitag mit "Kiezlife Live"-Initiatorin Jasmin Taiebi über ihr bewegtes Leben. Von teils überraschenden Fetischen ihrer Kunden, ihre Erfahrungen im Milieu bis zu ihrer Kindheit.

Im Mittelpunkt stand dabei ihr Buch "Herbertstraße: Kein Roman", das 2021 erschien und sie zur Spiegel-Bestsellerautorin machte.

Obwohl die Wahl-Hamburgerin seit der Veröffentlichung häufiger in den Medien zu Gast war und das ZDF ihre Geschichte 2025 sogar als Dreiteiler verfilmte, sei der Auftritt in der "Ritze" für sie ein Schritt aus ihrer Komfortzone gewesen, wie sie gegenüber TAG24 verriet.

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Ein eigenes Buch zu schreiben, sei hingegen schon als Kind ein Traum gewesen. Mit ihrer Geschichte wollte sie aber nicht nur Einblicke in den oft kontrovers diskutierten Alltag in der Herbertstraße geben, sondern auch die Frau hinter der Domina zeigen.

Ihr sei wichtig gewesen, dass die Menschen nicht nur Manuela Freitag als Domina kennenlernen, sondern auch "die Manuela, die als Domina arbeitet". Gleichzeitig wollte sie mehr Verständnis für ihre Berufsgruppe schaffen. Nach fast vier Jahrzehnten in der Herbertstraße sei Sexarbeit für Freitag längst ein normaler Beruf. "Das ist mein Job, mit dem ich Geld verdiene", stellte sie klar.

Von einer umfassenden gesellschaftlichen Anerkennung könne allerdings noch keine Rede sein. "Es heißt immer, die Prostitution sei mittlerweile anerkannt. Aber ich glaube, dass da noch viel missachtet wird. Wir werden viel missachtet", betonte sie.

Gute Laune im Boxring: Manuela Freitag (M.) am Donnerstag mit "Kiezlife Live“-Initiatorin Jasmin Taiebi (l.) und Kiez-Künstlerin Anna Genger (r.), die einzelne Kapitel aus dem Buch der Domina vorlas.
Gute Laune im Boxring: Manuela Freitag (M.) am Donnerstag mit "Kiezlife Live“-Initiatorin Jasmin Taiebi (l.) und Kiez-Künstlerin Anna Genger (r.), die einzelne Kapitel aus dem Buch der Domina vorlas.  © Franz Schepers

Manuela Freitag: "Ich bin da schon ein Überbleibsel!"

Freitag vor dem Eingang zur Hamburger Herbertstraße, wo sie seit fast 40 Jahren als Domina arbeitet: "Ich glaube mit Sicherheit, dass mich in der Herbertstraße jede kennt!"
Freitag vor dem Eingang zur Hamburger Herbertstraße, wo sie seit fast 40 Jahren als Domina arbeitet: "Ich glaube mit Sicherheit, dass mich in der Herbertstraße jede kennt!"  © Georg Wendt/dpa

An ihrem Berufsalltag habe die mediale Aufmerksamkeit wenig verändert. Lediglich einzelne Gäste, wie Freitag ihre Freier nennt, würden sie gelegentlich darauf ansprechen: "Warst du nicht im Fernsehen?"

Der Kiez hingegen habe sich im Laufe der Jahrzehnte stark verändert: "Der ganze Flair, der früher da war, ist nicht mehr vorhanden", so Freitag.

Früher seien die Gäste in den Gaststätten eingekehrt, hätten etwas verzehrt und anschließend die Angebote auf der Reeperbahn genutzt. Heute würden viele ihren eigenen Alkohol mitbringen und den Kiez vor allem als Feiermeile betrachten.

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Auch die Herbertstraße bekomme diese Entwicklung zu spüren. Nach einem kleinen Aufschwung im Anschluss an die Corona-Pandemie sei die Kundschaft wieder deutlich zurückgegangen.

Trotz der Veränderungen auf St. Pauli ist Freitag dem Kiez eng verbunden. "Ich habe mich hier manchmal eigentlich mehr zu Hause gefühlt als bei mir zu Hause, auch weil ich zwölf oder sogar 15 Stunden da war!" Besonders der Austausch mit ihren Kolleginnen hätte ihren Alltag geprägt. Viele der Frauen hätten ihre Tätigkeit mit zunehmendem Alter allerdings beendet: "Ich bin da schon ein Überbleibsel!"

Wie es mit der Herbertstraße weitergeht, könne sie nicht vorhersagen. Sie hoffe jedoch, dass sich die Lage wieder "normalisiere" und sie noch lange ihrer Arbeit nachgehen kann.

Trotz weniger Kunden und Altersbeschwerden: Dienstälteste Domina will weiter arbeiten

Vor Ort signierte Manuela Freitag auf Wunsch der Gäste auch Exemplare ihres Buches "Herbertstraße: Kein Roman".
Vor Ort signierte Manuela Freitag auf Wunsch der Gäste auch Exemplare ihres Buches "Herbertstraße: Kein Roman".  © Franz Schepers

Denn trotz der rückläufigen Kundschaft will Freitag vorerst weitermachen. "Ich habe noch ein bisschen Erfolg. [...] und noch ein bisschen Zulauf, aber es könnte mehr sein. Es kann nie genug sein!"

Wann sie ihre Arbeit beenden wird, hänge für sie vor allem davon ab, ob sich der Job weiterhin lohnt und körperlich zu bewältigen ist.

"Wenn ich nichts mehr verdienen sollte und wenn ich das Gefühl habe, der Job wird zu anstrengend, dann werde ich wohl einen Schlussstrich ziehen müssen!"

Dass ihr Alter dabei zunehmend eine Rolle spielt, verschweigt die über 60-Jährige nicht. "Das ist ein Hardcore-Thema für mich: Alles lässt nach. Die Figur bekommt mehr Kurven. Es geht halt nicht mehr so wie früher", sagte sie.

Hinzu kämen die alltäglichen Beschwerden: "Mal tut das Bein weh, mal der Arm oder der Rücken. Irgendwas zwickt immer!"

Einen Plan für die mögliche Domina-Rente hat Freitag aber schon: "Ich will auf jeden Fall noch ein zweites Buch schreiben", betonte sie am Donnerstag.

"Kiezlife Live" geht am 3. Dezember in die nächste Runde. Boxweltmeisterin Regina Halmich wird für eine Lesung aus ihrem Buch "Die Herrin der Ringe" in den Boxring der Ritze zurückkehren. Tickets für die Veranstaltung gibt es unter eventbrite.de.

Titelfoto: Alice Nägle/TAG24

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