Sohn von deutschem Unterwelt-Boss packt aus: "Er ist und bleibt ein Gangster!"

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Hamburg - Wie ist es, der Sohn eines Gangsters zu sein? Im Rahmen der Personality-Show "Kiezlife Live" hat Marlon Klemm (52) am Donnerstagabend in der Kult-Kneipe "Zur Ritze" auf der Reeperbahn erstmals öffentlich über seine Kindheit und Jugend auf St. Pauli gesprochen. Sein Vater war Reinhard "Ringo" Klemm († 2021), Chef der legendären "Chikago"-Bande und eine der prägenden Figuren der Hamburger Unterwelt in den 1970er- und 1980er-Jahren. TAG24 hat ihn kurz vorher zum Interview getroffen.

Kurz vor der Show: Marlon Klemm (52) unter dem Stern von Kneipen-Gründer Hanne Kleine (†2011) vor der Ritze auf der Hamburger Reeperbahn.
Kurz vor der Show: Marlon Klemm (52) unter dem Stern von Kneipen-Gründer Hanne Kleine (†2011) vor der Ritze auf der Hamburger Reeperbahn.  © Madita Eggers/TAG24

"Ich bin ganz schön aufgeregt", gestand Klemm rund zwei Stunden vor der Show. Dabei ist die Ritze für den St. Paulianer längst keine Unbekannte: Bereits mit acht Jahren stand er im legendären Boxkeller der Kneipe im Ring - und das zunächst gegen den Willen seines Vaters.

Doch Hanne Kleine (†2011), Gründer der Ritze, war ein "guter Freund der Familie" und legte ein gutes Wort für ihn ein. Denn wider Erwarten sei Ringo Klemm zu Hause "spießig" gewesen.

Als Besitzer der Musikkneipe "Chikago" (Namensgeber der Chikago-Bande) am Hans-Albers-Platz, gingen dort neben "den ganzen Ludenhuren, Luden und Halunken" zeitweise auch Rockgrößen wie Eric Burdon ein und aus.

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"Stellt euch mal vor, dein Vater hat eine Live-Musik-Location, wo die Rock Steady Crew und Mr. Robot gleichzeitig auftreten und ich durfte nicht hingehen, weil ich noch Minderjährig war. So viel zu den Gangstern", erzählte Klemm am Donnerstagabend dem lachenden Publikum.

Klemm Senior habe trotz allem gewollt, dass sein Sohn den "geraden Weg" geht: "Welcher Vater will schon, dass sein Sohn die gleiche Scheiße durchmachen muss wie er?"

Selbst aus dem Gefängnis heraus (Ringo Klemm wurde mehrfach verhaftet, unter anderem wegen Drogenhandel) habe er noch ein Interesse daran gehabt, dass sein Sohn zur Schule geht und später eine Ausbildung zum Koch macht.

Reinhard "Ringo" Klemm wurde vor den Augen seines Sohnes gefesselt

Links: Reinhard "Ringo" Klemm († 2021). Rechts: Klemm zusammen mit seinem Sohn Marlon (l.) in den 1980ern.
Links: Reinhard "Ringo" Klemm († 2021). Rechts: Klemm zusammen mit seinem Sohn Marlon (l.) in den 1980ern.  © privat

Dennoch habe Klemm über die Jahre auch viele "schreckliche Zeiten" erlebt. Besonders prägend war ein Erlebnis, das sich bereits im Alter von vier Jahren ereignete.

Sein Vater wollte ihn morgens in den Kindergarten bringen. Doch vorher ging es noch ins "Chikago". Ringo Klemm wollte dort offenbar Abrechnungen abholen.

"Und dann kam ein mobiles Einsatzkommando, die da schon versteckt irgendwo standen und es gab einen Zugriff. Die haben meinen Vater dann niedergerungen und ihn mit Handschellen an die Heizung gekettet!"

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Der kleine Marlon habe sich in diesem Moment nicht rühren dürfen und bitterlich geweint. Trotz Erlebnisse wie diesem bezeichnet Klemm seine Kindheit heute als "gut". St. Pauli sei für ihn ein "Abenteuerspielplatz" gewesen: "Es war halt mein Leben!"

Erst als die Familie zeitweise aus Hamburg wegzog, habe er erstmals Ausgrenzung erlebt: "Die Kinder auf diesen Dörfern durften nicht mit mir spielen, weil die Eltern mitbekommen hatten, wo ich herkomme!"

Die Familie kehrte schließlich nach St. Pauli zurück. Bis heute ist Klemm dem Kiez treu geblieben. Seit über 17 Jahren arbeitet er als Tourveranstalter und Guide. Anlässlich des 400. Geburtstags der Reeperbahn sei ihm dann die Idee für die "Ringo Klemm Kieztour" gekommen.

"Hier laufen so viele Touren herum. Ich will die jetzt nicht schlechtreden, aber vieles ist meistens aus Wikipedia herausgeschrieben. Und viele Urgesteine von St. Pauli sind irgendwann an mich herangetreten und haben gefragt: Warum machst du nicht einfach mal eine Tour über deinen Vater und die Chikago-Zeiten?", so Klemm gegenüber TAG24.

Verhältnis zwischen Vater und Sohn war nicht immer einfach

Carsten Marek, Kiez-Legende und heutiger Besitzer der Kneipe "Zur Ritze", kennt Marlon Klemm schon seit seiner Jugend: "Ich bin sehr stolz, dass er sich aufgeschwungen hat, um ein bisschen sein St. Pauli wieder aufleben zu lassen."
Carsten Marek, Kiez-Legende und heutiger Besitzer der Kneipe "Zur Ritze", kennt Marlon Klemm schon seit seiner Jugend: "Ich bin sehr stolz, dass er sich aufgeschwungen hat, um ein bisschen sein St. Pauli wieder aufleben zu lassen."  © Christian Charisius/dpa

Dabei will Klemm nicht nur über Kriminalität und das Milieu erzählen, sondern über das gesamte St. Pauli seiner Kindheit.

Seine Haltung zu seinem Vater ist dabei ambivalent. "Ich will ihn hier nicht hochpreisen. Er ist und bleibt ein Gangster", so Klemm. Es habe "viele Hasszeiten" gegeben, in denen Klemm seinen Vater verflucht habe.

Allein wegen seines Familiennamens habe er unter anderem bei Banken und am Flughafen zusätzliche Kontrollen erlebt. Auch heute falle ihm die Vergangenheit manchmal noch "auf die Füße".

Später habe sich sein Vater für ein paar Sachen auch entschuldigt – "vor allem, weil er in den wichtigen Jahren für seine Familie nicht da sein konnte. Das tut jedem Vater weh."

Trotzdem wolle Klemm seine Geschichte nicht verleugnen, sondern sie jetzt selbst erzählen. Dabei gehe es ihm um ein differenzierteres Bild: St. Pauli sei für ihn eben nicht nur "Luden, Huren und Halunken", sondern auch eine tolerante und familiäre Gemeinschaft. "Mein Vater hatte zum Beispiel den ersten schwulen Türsteher auf St. Pauli!", so Klemm.

"Wir sind stolz, dass er bei uns zum ersten Mal seine Geschichte erzählt hat", betonte Jasmin Taiebi, Gründerin von "Kiezlife Live" am Donnerstag. In der Unterhaltungsshow kommen ausschließlich Menschen zu Wort, die den Kiez selbst erlebt haben. Die nächste Show findet am 8. Oktober wieder in der Ritze statt.

Titelfoto: Montage: TAG24, privat

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