"Babylon Berlin"-Star Christian Friedel: "Die AfD spielt mit den Gefühlen der Leute"

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Dresden - Christian Friedel (47) ist Film- und Fernseh-Star ("The Zone of Interest", "The White Lotus"), Musiker ("Woods of Birnam") und Theatermann mit Leib und Seele. Als Regisseur inszeniert der Shakespeare-Verehrer aktuell das Stück "Love, Death & Shadows" am Staatsschauspiel (Premiere am Samstag). Ab 10. September ist er in der finalen Staffel "Babylon Berlin" zu sehen. Außerdem bezieht er - vor der Wahl in Sachsen-Anhalt - Stellung gegen die AfD.

Christian Friedel (47) während der Proben zu "Love, Death & Shadows" im Schauspielhaus.
Christian Friedel (47) während der Proben zu "Love, Death & Shadows" im Schauspielhaus.  © Sebastian Hoppe

TAG24: Herr Friedel, was bedeutet Ihnen William Shakespeare?

Christian Friedel: Es hat mich immer fasziniert und lässt nicht nach, auf welche Weise Shakespeare uns als Menschen spiegelt, wie gut er Worte setzt und wunderbare Charaktere schafft. Ich mag auch Schiller sehr, Brecht und andere, aber Shakespeare ist für mich der Größte.

TAG24: Ihre neue Theaterproduktion "Love, Death & Shadows" hat Shakespeares Sonette zum Inhalt. Was ist besonders an dieser Dichtung?

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Die Sonette erzählen vom menschlichen Dasein und seinen Geheimnissen, von Leben und Sterben, Liebe und Verlust, im Grunde von allem, was uns als Menschen ausmacht. Sie sind Shakespeares vielleicht geheimnisvollstes Werk, weil es so viele unbeantwortete Fragen gibt. Ist die Reihenfolge der Sonette die richtige? Wollte Shakespeare sie veröffentlichen oder nicht? Ist er überhaupt ihr Autor? Vieles bleibt im Ungefähren. Die Wissenschaft tappt da im Dunkeln, weil es zu Shakespeare im Allgemeinen kaum verlässliche Quellen gibt.

TAG24: Die Produktion ist aufwendig, genreübergreifend, wie es heißt, der Cast ist riesig. Theater, Tanz und Musik verbinden sich zu einem Ganzen. Wie müssen wir uns das vorstellen?

Die Sonette sind keine dramatische Dichtung. Sie sind nicht für das Theater gedacht, aber doch überaus dafür geeignet, denn sie sind sehr rhythmisch und damit sprachlich wie musikalisch anschlussfähig. Wir wollen Bilder finden für diese Verse, ungewöhnliche Bilder. Mein Impuls war von Beginn an, es zusammen mit einem großen Ensemble aus unterschiedlichen künstlerischen Welten zu erarbeiten, um Vielheit und Diversität darzustellen.

Friedel: "Die AfD spielt mit den Gefühlen der Leute"

Friedel (r.) als Reinhold Gräf mit Liv Lisa Fries als Charlotte Ritter bei einer Travestie-Show-Szene in "Berlin Babylon", fünfte Staffel.
Friedel (r.) als Reinhold Gräf mit Liv Lisa Fries als Charlotte Ritter bei einer Travestie-Show-Szene in "Berlin Babylon", fünfte Staffel.  © Christine Schroeder/X Filme Crea

TAG24: Wolfgang Engels Inszenierung der Sonette von 1985 kommentierten die Lebensverhältnisse in der DDR. Welchen Ansatz wählen Sie?

Theater entsteht immer aus dem Blickwinkel der Gegenwart, die einen umgibt. Wir reagieren mit dem Stück direkt auf die politische Situation von heute.

TAG24: Gemeinsam mit Sandra Hüller und anderen engagieren Sie sich mit dem Verein "Mehr als uns trennt" unter dem Motto "Wahre Heimatliebe ist" gegen eine Alleinregierung der AfD in Sachsen-Anhalt. Sie sind gebürtig aus Magdeburg. Was sind Ihre Befürchtungen?

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Es gibt viele Menschen in Sachsen-Anhalt, wie auch woanders, die von der Politik ernüchtert und enttäuscht sind. Sie fühlen sich abgehängt und nicht gesehen und meinen, dass die AfD die Partei ist, die sie sieht und die Dinge verändert. Ich habe die große Sorge, dass viele Menschen diese Partei wählen, ohne darüber informiert zu sein, was sie wirklich will. Man muss nur das Wahlprogramm lesen, da steht alles drin. Es ist ein faschistoides Weltbild, das da durchscheint. Die AfD spielt mit den Gefühlen der Leute, wir setzen mit Fakten dagegen. Durch die Initiative "Wahre Heimatliebe ist" wollen wir mit den Menschen ins Gespräch kommen und das Bewusstsein dafür wecken, dass man als Staatsbürger eine Verantwortung hat, wenn man wählt.

TAG24: In der Sendung von Karen Miosga vorvergangenen Sonntag sagten Sie, dass Sie lieber mit Kunst als politischen Statements auf die gegenwärtigen Krisen antworten wollen. Gibt es eine Schnittmenge zwischen "Love, Death & Shadows" und dem politischen Engagement?

Ja. Aber das geschieht nicht mit der Brechstange, sondern subtil. Eben mit den Mitteln der Kunst. Wir wollen nicht erziehen, sondern zeigen. Wenn es etwa um Verlust geht, das Leben und den Tod oder darum, wie das späte Ich eines Menschen auf sein frühes Ich schaut, sind das Dinge, die jeden von uns betreffen. Es geht auf der Bühne um eine große Gruppe von Menschen, wie sie Höhen und Tiefen erlebt und am Ende doch zusammenkommt. Wir wollen vorführen, dass Buntheit wertvoll ist, dass es etwas Positives ist und nichts, was zur Spaltung führen muss, wenn man nicht einer Meinung ist.

TAG24: Wer sich öffentlich gegen die AfD positioniert, muss mit Hasskommentaren rechnen. Wie ist das bei Ihnen?

Solche Kommentare bekomme ich auch. Vor einigen Tagen hat mir ein Rentner geschrieben, der mich erst mal beleidigte, dann von seinem Leben erzählte und dass er in seinem Alter noch arbeiten müsse, weil wegen der vielen Ausländer kein Geld mehr für ihn da sei. Natürlich macht er sich das mit der Schuldzuweisung an Migranten zu leicht, aber vielleicht lohnt sich ein Gespräch mit ihm. Ich weiß nicht, ob er sich überzeugen lässt, aber möglicherweise hilft persönlicher Kontakt, dass er von der Wut runterkommt.

Gänsehaut bei letzter "Babylon Berlin"-Staffel

TAG24: Ab 10. September startet im Fernsehen die fünfte und letzte Staffel "Babylon Berlin", in der Sie den homosexuellen Fotografen Reinhold Gräf geben. Die Staffel spielt in der Nazizeit. Da geht es ans Eingemachte?

Ja. Es ist die dunkelste Staffel von allen. Als ich sie gesehen habe, hat es mir immer wieder eine Gänsehaut verursacht. Es geht einem nahe, zu sehen, wie sich Figuren, die man gut zu kennen meint, verändern. Und nicht immer zum Guten.

TAG24: Sehen Sie Parallelen zwischen damals und heute, Stichwort AfD?

Ja, absolut. Ich will nicht die Nazikeule schwingen. Die Verhältnisse heute sind andere als damals, und sicher sind die AfD und ihre Wähler nicht alle Nazis. Aber es gibt Nazis unter ihnen. Sie sind anders als früher und schwierig zu erkennen. Sie lächeln, sind verständnisvoll und inszenieren sich als Demokraten. Aber die Mechanik ihrer Politik, die Sprache und Bilder, die sie offerieren, sind Spiegelungen der damaligen Zeit.

Titelfoto: Sebastian Hoppe

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