Nick Cave schreit, streichelt, predigt: Der Meister der Melancholie bewegt Berlin

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Berlin - Die Waldbühne wird zur Pilgerstätte: 22.000 Fans feiern Nick Cave (68), den Meister der Melancholie, am Dienstagabend in Berlin und erleben einen nahbare, intensiven Bühnenarbeiter, der seit gut 40 Jahren als arrivierter Künstler überzeugt. Die Konzertkritik.

Überlebensgroß auf der Videoleinwand: Nick Cave (68) kehrte nach vier Jahren zurück auf die Waldbühne.
Überlebensgroß auf der Videoleinwand: Nick Cave (68) kehrte nach vier Jahren zurück auf die Waldbühne.  © Denis Zielke/TAG24

Als Nick Cave im dunkelblauen Dreiteiler mit Krawatte, das schwarz gefärbte Haar nach hinten toupiert, am Dienstagabend um 19.25 Uhr fünf Minuten vor der Zeit die Bühne betritt, strömen noch Hunderte Fans die steilen Treppen herunter.

Der Start mit "Get Ready for Love" ist Programm. Cave geht auf Tuchfühlung. Er lehnt sich über die Reling, klatscht mit den Fans ab, singt ihnen direkt ins Gesicht, hält Blicke und Hände fest, Einmal lässt sich der Australier fast zum Stagediving hinreißen. Stattdessen signiert er später am Bühnenrand CDs und LPs. Wer in der ersten Reihe ist, dem Meister der Melancholie zu Füßen, wird an diesem Abend besonders beschenkt.

Berlin ist für ihn dabei mehr als eine Konzertstation. In den 1980er-Jahren lebte der frühere Heroinabhängige in Kreuzberg, sein Stammladen war das "Risiko" an den Yorckbrücken. Blixa Bargeld (67), Frontmann der Band Einstürzende Neubauten und Gründungsmitglied der Bad Seeds, stand dort hinter dem Tresen.

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Auch an diesem Abend duettiert Bargeld nicht mit Cave "The Weeping Song" (1993) live. "I don't know where Blixa is. Watching the Word Cup?", reagiert der gut gelaunte und charismatische Bühnenmensch auf die fordernden Rufe. Dafür sitzen im Publikum auch alte Weggefährten und Freunde wie Schauspieler Ben Becker (61) und Regisseur Wim Wenders (80).

Durch die Bank sucht Cave die Nähe zum Publikum.
Durch die Bank sucht Cave die Nähe zum Publikum.  © Denis Zielke/TAG24

Nick Cave & The Bad Seeds live in Berlin: Emotionaler Moment am Flügel

Caves Konzerte sind bekannt für ihre intensive Energie.
Caves Konzerte sind bekannt für ihre intensive Energie.  © Denis Zielke/TAG24

Musikalisch führt der Abend durch ein außergewöhnliches Werk. Die Songs von "Wild God" (2024) wie "Joy" stehen gleichberechtigt neben Klassikern wie "Red Right Hand", "The Mercy Seat", "Papa Won't Leave You, Henry" oder "Henry Lee" - letzterer herrlich mit der britischen Soulsängerin Janet Ramus performt.

Unvorstellbar wäre auch ein Bad-Seeds-Konzert ohne Warren Ellis (61), diesem zottelbärtigen Teufelsgeiger. Mal treibt er die Songs nach vorne, mal lässt er Raum für die verletzlichen Seiten von Caves Musik.

Immer wieder pest Cave die kleine Treppe rauf und runter, vermisst den Bühnenrand mit großen Schritten, bevor er sich kurz auf den Klavierhocker wirft, nur um nach ein paar Akkorden wieder aufzuspringen, die Arme in die Lift zu werfen, um am Steg das Publikum zu animieren, ohne dass es wie eine anbiedernde Rockstar-Geste wirkt.

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Nach zweieinhalb Stunden endet der Abend mit einem leisen Bild. Cave sitzt allein am Flügel und spielt als vierte Zugabe "Into My Arms". Die Band ist bereits verschwunden, dafür singt die gesamte Waldbühne mit. Ein kleines Taschenlampenmeer lässt die Ränge der Waldbühne erstrahlen, bevor die Dunkelheit langsam einsetzt.

Weitere Stationen der aktuellen Open-Air-Tour in Deutschland sind Dresden (2. August, Filmnächte am Elbufer), München (23. August, Königsplatz) und Bonn (25. August, Kunst!Rasen).

Titelfoto: Denis Zielke/TAG24

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