Von Frank Christiansen
Düsseldorf - Im Februar 2024 treffen fünf Herren gesetzteren Alters bei nasskaltem Wetter im münsterländischen Senden ein. "Die Toten Hosen" sind gekommen, um ihr letztes Album aufzunehmen.
Erstmals lassen sie sich dabei filmen. "Noch mal aus allen Rohren schießen" ist die Ansage von Frontmann Campino (63).
Dann quartiert sich eine der erfolgreichsten Bands Deutschlands über viele Monate in einem umgebauten Bauernhof ein, um dort mit Produzent Vincent Sorg an ihrem 16. Studioalbum zu feilen. Doch zwei Jahre später wird es emotional: "Ich bin betrübt", sagt Campino. "Ich komme mir vor wie verprügelt."
Regisseur Eric Friedler (54) durfte die Band über einen Zeitraum von zwei Jahren begleiten und hat mit seinem 90-minütigen Dokumentarfilm ein Porträt der Toten Hosen samt Zeitreise durch über 40 Jahre Bandgeschichte geschaffen.
Die Dokumentation "Die Toten Hosen – Das letzte Album" ist ab Mittwoch (20. Mai) in der ARD Mediathek abrufbar und wird am Samstag (23. Mai) um 23.25 Uhr nach dem DFB-Pokalfinale im Ersten ausgestrahlt. Zuvor ist sie in ausgewählten Kinos zu sehen.
Campino verrät darin, dass sie in ihrer Frühphase zwar sämtliche Plattenfirmen angeschrieben hätten, aber von allen abgelehnt wurden: "Die ersten zehn Jahre waren wir pleite."
Bandmitglieder bestätigen, dass ihr größter Hit "Tage wie diese" schon aussortiert war und nur durch Campinos damalige Freundin Birgit Minichmayr (49) zurück aufs Album fand. Und auch das nur durch einen Zufall, denn eigentlich hätte sie diesen Song gar nicht mehr anhören sollen.
Quälender Prozess
Nebenbei verrät Campino, was er der dpa bei einer Anfrage vor ein paar Monaten noch nicht bestätigen wollte: "Tatsächlich bin ich überraschenderweise noch mal Vater geworden. Ich hatte mir meinen Weg zur Rente schon anders vorgestellt, aber das fällt ja jetzt aus."
Den Mienen der Musiker sieht man an, dass der Band bei dem Gedanken an den nahen Abschied mulmig ist: "Dass dies das letzte Album ist, ist für mich immer noch schwer vorstellbar. Ja, das Ende der Toten Hosen rückt näher", sagt Gitarrist Kuddel (61) und bekennt, dass er sich vor der "großen Leere" fürchte.
Schlagzeuger Vom Ritchie (61) scheint neben Campino der Einzige, der einem Leben nach den Toten Hosen etwas abgewinnen kann: "Es ist frustrierend, wenn dir etwas gefällt und Campino nicht, weil dadurch eine Menge guter Musik auf der Strecke bleibt."
Tatsächlich bekommen die Zuschauer der Doku Kostproben einiger Songs, die es nicht auf das Album geschafft haben.
Der Dokumentarfilm zeigt, und Campino sagt es schließlich auch offen, dass der Prozess, den er für ein neues Album durchläuft, oft quälend ist. "Dadurch, dass es streckenweise richtig ätzend ist, ist es auch leicht Abschied zu nehmen", sagt er.
Dagegen spricht seine Gemütsverfassung, als das Album schließlich fertig ist: "Ich war erstaunt, dass Campino in so ein Loch gefallen ist, dass er weinen musste", sagt sein Freund und jahrzehntelanger Weggefährte Kuddel, denn: "Campino hat die Entscheidung getroffen."
Stets auf der Suche nach dem besten Song
Der Weg zum letzten Album ist nervenaufreibend. Schlagzeuger Vom beschwert sich, dass immer noch neue Musik produziert werden muss, obwohl schon mehr als genug aufgenommen ist.
Songs werden geschrieben und wieder verworfen, stets auf der Suche nach dem Besten. Am Ende kommt in Düsseldorf eine erlauchte Runde aus Freunden und Vertrauten zusammen, um die Songs in der engeren Auswahl zu bewerten, die sogenannte "Listening Session". Auf Basis ihres Votums wird nachgearbeitet.
Der Zeitplan ist überreizt, die Stimmung angespannt, der Druck spürbar. "Vielleicht brennt es in mir am meisten, diese Frage, wie man was mit Würde zu Ende bringt", sagt Campino. Gitarrist Kuddel ist nicht glücklich, dass es das letzte reguläre Studioalbum ist: "Ich hätte mich nicht so entschieden."
Das Filmteam ist auch hinter den Kulissen einer in den Aufnahmemarathon eingeschobenen Europatournee dabei. "Das muss man sich bewusst machen, dass es eben immer das letzte Konzert sein kann", sagt Kuddel.