Von Jennifer Kramer
Stuttgart/Freiburg - Vor 40 Jahren, am 26. April 1986, ereignete sich der Reaktorunfall in Tschernobyl in der damaligen Sowjetunion – die Aufregung ist inzwischen lange verflogen. Doch gibt es heute noch Folgen für das Leben in Baden-Württemberg?
Wo strahlt es heute noch vermehrt?
Laut dem Landesumweltministerium sind vor allem die Gebiete belastet, in denen durch den Regen kurz nach der Katastrophe radioaktive Partikel aus Tschernobyl in die Böden gelangten. Solche Regenfälle habe es vor allem im Süden Deutschlands gegeben.
Am stärksten sei Bayern betroffen gewesen, aber auch in Baden-Württemberg habe es nach der Katastrophe sogenannte Fallouts gegeben. Laut dem Chemischen und Veterinäruntersuchungsamt (CVUA) Freiburg sind deshalb insbesondere Oberschwaben und der Schwarzwald stärker belastet.
Wer sich näher für die aktuelle Strahlenbelastung in seiner Region interessiert, kann sich hier durch eine Karte des Bundesamts für Strahlenschutz klicken.
Wie hoch ist die Strahlenbelastung?
Die durch den Reaktorunfall entstandene Strahlenbelastung bewegt sich in Deutschland laut dem Bundesamt für Strahlenschutz im Bereich von weniger als einem Prozent der natürlichen Strahlenbelastung.
Von den damals freigesetzten radioaktiven Stoffen sei heute nur noch Cäsium-137 von Bedeutung. Das Cäsium habe sich im Boden abgelagert und sei mit einer Halbwertszeit von etwa 30 Jahren erst zu rund 60 Prozent zerfallen.
Cäsium-137 ist ein radioaktives Isotop, das nicht natürlich vorkommt, sondern bei der Kernspaltung entsteht. In Deutschland ist es nicht erlaubt, Lebensmittel mit mehr als 600 Becquerel Cäsium-137 pro Kilogramm in den Verkauf zu bringen.
In Ackerböden ist Cäsium-137 nach Angaben des Umweltministeriums fest gebunden, Pflanzen könnten den Stoff dort nur geringfügig aufnehmen. In Waldböden sei das anders, hier sei der Stoff weniger gebunden und werde stärker von Mikroorganismen, Pflanzen und Pilzen aufgenommen.
Gibt es Lebensmittel, die noch verstärkt belastet sind?
Wildpilze und Wildschweinfleisch weisen auch heute noch Belastungen auf. Die Pilze sind dabei weniger stark betroffen. Zwar können sie unter bestimmten Bedingungen stark belastet sein, das CVUA Freiburg gibt jedoch an, dass alle Wildpilze, die dort oder im CVUA Stuttgart in den vergangenen Jahren getestet wurden, weit unter dem erlaubten Höchstwert gelegen hätten.
Außerdem teilte das Bundesamt für Strahlenschutz letztes Jahr mit, dass es einen maßvollen Verzehr von Speisepilzen inzwischen für unbedenklich hält. Das Bundesumweltministerium empfiehlt, nicht mehr als 250 Gramm Wildpilze pro Woche zu essen – insbesondere, wenn man regelmäßig Wildpilze isst.
Bei Wildschweinfleisch sieht das anders aus, so erklärte eine Sprecherin des Landesumweltministeriums: "Bei den Messungen in Baden-Württemberg gab es Überschreitungen des Grenzwerts bei Wildschweinen im Schwarzwald und Südosten Baden-Württembergs."
Wildschweine fressen gerne Pilze, darunter auch den hoch belasteten, für Menschen ungenießbaren Hirschtrüffel. Dieser Pilz reichert Cäsium besonders stark an und weist so teilweise Strahlenbelastungen weit über dem Grenzwert auf, teilt das CVUA mit. Das Isotop gelange so in das Fleisch der Tiere und werde dort mit der Zeit angereichert.
Die Landesregierung hat 2006 zusammen mit dem Landesjagdverband ein Überwachungssystem für Wildschweinfleisch eingeführt. In stark betroffenen Gebieten müsse seither jedes geschossene Wildschwein kontrolliert werden, so das CVUA.