Chemnitz: Radsport-Legende Lötzsch spricht über seine Zeit im Kaßberg-Knast

Chemnitz - Er war das größte Talent des DDR-Radsports. Doch an der Friedensfahrt durfte er nie teilnehmen. Wolfgang Lötzsch (67) landete stattdessen 1977 im Kaßberg-Gefängnis. Am Freiatagabend durfte Lötzsch über seine Stasi-Folterknechte triumphieren. Er sprach zur Eröffnung der Ausstellung "Das Kaßberg-Gefängnis und seine Gesichter" in der Volkshochschule im Tietz.

Mit Filmausschnitten und einem Vortrag erinnerte Wolfgang Lötzsch in der Vokshochschule an die Knastzeit und seine Sportkarriere.
Mit Filmausschnitten und einem Vortrag erinnerte Wolfgang Lötzsch in der Vokshochschule an die Knastzeit und seine Sportkarriere.  © Sven Gleisberg

Wolfgang Lötzsch aus Karl-Marx-Stadt hat die Demütigungen nicht vergessen. "Ich kam 1972 von einem Trainingslager, freute mich auf die Olympiade in München. Doch dann fuhr mich mein Trainer noch zur Sportschule. Dort saßen schon die ganzen Funktionäre. Sie kritisierten meinen politischen Standpunkt und dass ich kein SED-Mitglied wäre. Das war mein Rauswurf."

Das Jahrhunderttalent durfte nur noch als Hobbyfahrer antreten, fuhr die anderen DDR-Sportler trotzdem in Grund und Boden. 30-mal war Wolfgang Lötzsch bester Radrennfahrer unter BSG-Sportlern auf Bahn und Straße.

Doch Wolfgang Lötzsch war auch ein streitbarer Mensch. "Ich war nicht einverstanden mit dem System", sagt er.

Ausstellung ist bis April im Tietz zu sehen

Radfahrer Wolfgang Lötzsch (67) saß 1977 im Kaßberg-Gefängnis. Er hielt sich dort mit einer Million Kniebeugen fit. 
Radfahrer Wolfgang Lötzsch (67) saß 1977 im Kaßberg-Gefängnis. Er hielt sich dort mit einer Million Kniebeugen fit.   © Maik Börner

Ende 1976 rastete er an einer Bushaltestelle aus, schimpfte vor Stasi-Leuten über die Sanktionen gegen sich. Lötzsch musste für zehn Monate wegen "Staatsverleumdung" in den Kaßberg-Knast. Der Sportler ließ sich nicht unterkriegen. "Ich hielt mich fit - mit 5000 Kniebeugen täglich in meiner acht Quadratmeter großen Zelle."

Nach zehn Monaten hatte der Chemnitzer eine Million Kniebeugen und viele Liegestützen hinter sich. Bei seiner Entlassung fühlte sich Lötzsch "erst mal ein bisschen kaputt".

Nach seiner Karriere wurde Wolfgang Lötzsch erfolgreicher Radsportmechaniker und Trainer. "Erst voriges Jahr habe ich noch mal zwei Junioren-Weltmeister herausgebracht."

Die Besucher der Ausstellungseröffnung konnten auch Ausschnitte aus dem Film "Sportsfreund Lötzsch" anschauen. Die Schau des Lern- und Gedenkortes Kaßberg ist bis 10. April in der VHS (4. Etage Tietz) zu sehen. 

er ehemalige Stasi-Knast auf dem Kaßberg.
er ehemalige Stasi-Knast auf dem Kaßberg.  © Klaus Jedli­cka

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