70 Jahre Karl-Marx-Stadt: Chemnitz steht ein schwieriges Jubiläum bevor

Chemnitz - Ganze 37 Jahre lang hieß Chemnitz Karl-Marx-Stadt. Ein vermeintlicher Klacks auf dem langen Zeitstrahl der Historie, doch bedeutend für die Menschen, die diese Zeit miterlebten. In loser Folge erinnert TAG24 daher in den kommenden Monaten an das, was vor 70 Jahren geschah.

Stadtarchivar Paolo Cecconi (39) zeigt eine Akte mit Protokollen der Stadtverordnetenversammlung von 1953.
Stadtarchivar Paolo Cecconi (39) zeigt eine Akte mit Protokollen der Stadtverordnetenversammlung von 1953.  © Kristin Schmidt

Das Ratsprotokoll vermeldet für die Sitzung am 7. Mai 1953 "Beifall!" Gerade war beschlossen worden, was eh schon feststand: Aus dem 810 Jahre alten Chemnitz sollte in wenigen Tagen Karl-Marx-Stadt werden.

Archivar Paolo Cecconi (39) hat im Stadtarchiv Zeitzeugnisse und Dokumente der damaligen Ereignisse herausgesucht: "90 Prozent lagern im Bundesarchiv, ein Großteil im Hauptstaatsarchiv in Dresden. Aber das, was wir hier in Chemnitz aufbewahrt finden, gibt einen guten Einblick in die Zeit", sagt er.

Zum Beispiel, dass die staatlich gelenkte Presse erst am 21. April 1953 über den bevorstehenden Akt berichtete, der nicht nur das Stadtgebiet, sondern auch den damals erst ein Jahr alten Bezirk betraf.

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Für den Tag der Umbenennung wurde sogar der 1. Mai als Kampf- und Feiertag auf den 10. Mai gelegt, an dem dann DDR-Ministerpräsident Otto Grotewohl (1894-1964) den Staatsakt vollzog, wo laut Cecconi 180.000 Menschen zugegen gewesen sein sollen. Dabei hatte die Namensverleihung bereits Mitte März stattfinden sollen. Doch Stalins Tod am 5. März verhinderte das schon eingeplante Ereignis.

Der offiziell geäußerte Unmut hielt sich übrigens in Grenzen. Cecconi zitiert ein paar anonyme Briefe, die noch im Chemnitzer Archiv liegen. Mehr wurde da bei der Rückbenennung 1990 gemeckert - allerdings in nunmehr wieder demokratischem Umfeld.

"Mit Begeisterung ...": Telegramm aus Chemnitz an die SED-Regierung in Ost-Berlin.
"Mit Begeisterung ...": Telegramm aus Chemnitz an die SED-Regierung in Ost-Berlin.  © Kristin Schmidt
37 Jahre lang hieß Chemnitz Karl-Marx-Stadt
37 Jahre lang hieß Chemnitz Karl-Marx-Stadt  © Sven Gleisberg
Von Chemnitz über Karl-Marx-Stadt nach Chemnitz: Im Bild DDR-Ministerpräsident Otto Grotewohl am 10. Mai 1953.
Von Chemnitz über Karl-Marx-Stadt nach Chemnitz: Im Bild DDR-Ministerpräsident Otto Grotewohl am 10. Mai 1953.  © Archiv
Anfang Juni 1990 erfolgte die Rückbenennung.
Anfang Juni 1990 erfolgte die Rückbenennung.  © DPA

Heraus zum 70.!

Kommentar von Torsten Hilscher

In wenigen Wochen würde Karl-Marx-Stadt 70 Jahre alt. Es herrscht verschämte Zurückhaltung - im Rathaus und in der Kunstwelt.

Dabei böte gerade der Anlauf zum Kulturhauptstadt-Jahr eine Menge Raum dafür. Geht es im Titel "Sieh' das Unsichtbare" nicht auch um den Teil in uns, der noch Karl-Marx-Städter ist?!

Wer zwischen 1953 und 1990 hier hineingeboren wurde, trägt diesen Abschnitt Stadtgeschichte unweigerlich in sich - ohne sozialistischen Verklärungen nachzuhängen.

Natürlich: Die Umbenennung am 10. Mai 1953 ist der Bevölkerung übergeholfen worden. Und eigentlich sollte im damaligen Karl-Marx-Jahr gar nicht Chemnitz die "Ehrenbezeichnung" erhalten, sondern Eisenhüttenstadt. Doch in uns und im Geist, der heute Chemnitz ausmacht, steckt auch ein Stück Karl-Marx-Stadt.

Und wäre es nicht auch eine Gelegenheit, den ollen Marx mal wieder in die Hand zu nehmen? Entstaubt und unbeschwert von ideologisch verordnetem Ballast. Ja, Marx selbst war der Begründer einer Ideologie, die zig Millionen das Leben kostete und unter der noch immer (oder wieder) Völker leiden.

Mit dem Wissen von heute aber lässt sich wirklich einiges lernen: von Marx in Sachen Ökonomie, aber auch über Wirkmechanismen von Weltanschauungen. Wenn es dann auch noch eine Stadt gibt, die einst seinen Namen trug, so ist das eine wahre Fundgrube. Also: "Heraus zum 70.!"

Titelfoto: Archiv, dpa

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