Das kreative Haus von Chemnitz: Hier lassen innovative Köpfe und Macher ihren Ideen freien Lauf

Chemnitz - Manchmal haben Chemnitzer Hinterhöfe doch mehr zu bieten, als es von außen den Anschein hat - wie der auf der Palmstraße am Sonnenberg in der Nähe des CFC-Stadions. Im Hof steht dort ein rotes Backsteinhaus mit zwei Eingängen. Über dem rechten steht etwas mit "Lederjacken".

Tim Schmidt (26) von der Firma Dotcomcanvas. Die Wanddekorationen werden in Deutschland produziert.
Tim Schmidt (26) von der Firma Dotcomcanvas. Die Wanddekorationen werden in Deutschland produziert.  © Kristin Schmidt

Erster Stock: Hinter einer Tür ein weitläufiger Büroraum. Willkommen bei der Firma Dotcomcanvas! Hier ist der Name Programm: "Canvas" heißt auf Englisch "Leinwand" und "Dotcom" steht für das Internet. Ein Onlineshop für Leinwände und Wandbilder. Das Unternehmen arbeitet mit vielen Künstlern zusammen.

Gegründet wurde die Firma 2018 vom Chemnitzer Tim Schmidt (26). Ein Highlight: Kunden können sich Leinwände mit echtem Blattgold verzieren lassen.

Im Jahr 2023 erhielt das Team zweimal den German Brand Award. Mittlerweile wurde sogar in Dubai ein Showroom für die Wandbilder eröffnet. Von Chemnitz aus wird die Firma gesteuert - produziert und verschickt werden die Leinwände im Dresdner Raum.

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"Unsere Wanddekorationen sind made in Germany", sagt Tim Schmidt.

Das Backsteinhaus im Hinterhof der Palmstraße hat einiges zu bieten.
Das Backsteinhaus im Hinterhof der Palmstraße hat einiges zu bieten.  © Kristin Schmidt

Geigen made in Chemnitz

Geigenbauer Jakob Rechenberg (44) ist seit 2012 mit seiner Werkstatt am Standort vertreten. Neben Reparaturen baut er auch neue Instrumente.
Geigenbauer Jakob Rechenberg (44) ist seit 2012 mit seiner Werkstatt am Standort vertreten. Neben Reparaturen baut er auch neue Instrumente.  © Kristin Schmidt

Weiter im ersten Stock hinüber zur Welt der Musik: Geigenbauer Jakob Rechenberg (44) ist seit 2012 mit seiner Werkstatt im Haus ansässig. Er ist einer von zwei Geigenbauern in Chemnitz.

Der gebürtige Berliner spielte in seiner Kindheit und Jugend Geige und Bratsche, später wurde er Orgelbauer. In Markneukirchen machte er dann seinen Abschluss als Geigenbauer. "Ich wollte immer die Musik und das Handwerk miteinander verbinden", sagt der 44-Jährige.

Mission erfüllt! Heute repariert er Geigen, Bratschen und Celli unter anderem auch für die Chemnitzer Philharmonie. Darüber hinaus baut er auch neue Geigen, Bratschen und Celli. Circa 250 Arbeitsstunden stecken in so einem Neubau. Etwa ein bis zwei solcher Instrumente verkauft er pro Jahr.

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"Es ist nicht nur ein Job für mich, sondern eine Berufung", meint Jakob Rechenberg.

Fotograf Ulff Berger (44) eröffnete sein Atelier 2016 im roten Backsteinhaus. Er ist auf Baby-Fotografie spezialisiert.
Fotograf Ulff Berger (44) eröffnete sein Atelier 2016 im roten Backsteinhaus. Er ist auf Baby-Fotografie spezialisiert.  © Kristin Schmidt

Tausende Lederjacken im Outlet-Store

Mitarbeiterin Birgit Höntsch (31) von Lederjacken24. Der Outlet-Shop ist seit 2014 am Standort auf der Palmstraße.
Mitarbeiterin Birgit Höntsch (31) von Lederjacken24. Der Outlet-Shop ist seit 2014 am Standort auf der Palmstraße.  © Kristin Schmidt

Zu guter Letzt im ersten Stock: Neben einem Tanzstudio gibt es dort noch ein Fotoatelier. Inhaber ist Ulff Berger (44), der sich auf Baby-Fotografie spezialisiert hat. 2011 kam er zur Fotografie und ist bis heute seiner Leidenschaft treu geblieben. 2016 ging sein Atelier in der Palmstraße an den Start. "Man muss sich viel ausdenken, um sich von der Masse abzuheben", sagt der 44-Jährige.

Szenenwechsel. Im Erdgeschoss ist der Shop Lederjacken24 beheimatet. Etwa 10.000 verschiedene Jacken führt dieser, der auch hauptsächlich im Onlinehandel tätig ist. Gegründet wurde das erfolgreiche Unternehmen bereits vor 40 Jahren und seit 2014 befindet sich dieses inklusive Outlet-Store am Standort.

Auf Kundenwunsch werden dort auch Jacken ausgemessen.

Viel zu entdecken

Kommentar von Sebastian Gogol

Der Sonnenberg - hier bin ich aufgewachsen. Viel wird über diesen Stadtteil diskutiert und teilweise wird das als Arbeiterviertel gegründete Gebiet in ein schlechtes Licht gerückt. Dem kann ich nicht immer zustimmen. Vielmehr sollte ein ruhiger Spaziergang durch die Gassen gewagt werden, denn es gibt dort allerhand zu entdecken, vor allem auf den zweiten Blick.

Das kreative Haus in der Palmstraße ist ein gutes Beispiel dafür. Geigenbauer, Start-up-Unternehmen, ein Foto-Atelier und ein Tanzstudio sind dort beheimatet. Ich persönlich habe gar nicht gewusst, dass es beispielsweise in Chemnitz einen Geigenbauer gibt, der hochwertige Instrumente aus eigener Hand herstellt und diese für Profimusiker auch repariert. Leinwände und Wanddekorationen hängen in den Wohnräumen dieser Welt. Tausende Lederjacken sind auch dort beheimatet. Wer hätte das gedacht?

Ich habe in den vergangenen Jahren oft die Augen verschlossen und nicht erkannt, was in manchen Hinterhöfen des Stadtviertels so an Kreativität schlummert. Es wird Zeit, die Augen zu öffnen - auch für das scheinbar Verborgene. Näheres Hinsehen lohnt sich!

Titelfoto: Kristin Schmidt

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