Arbeiten wie vor 300 Jahren: Künstler und Handwerker erhalten barocke Zwingerbauhütte

Dresden - Die einzige weltliche Bauhütte Deutschlands feiert in diesem Jahr 100. Geburtstag: die Zwingerbaubütte. Die Experten der Hütte sind quasi die Leibärzte des barocken Dresdner Bauwerks. Ihre Aufgabe besteht einzig und allein darin, den Zwinger zu erhalten. Ohne die Bauhütte wäre der Prachtbau als Patient bereits tot und ein Haufen alter Steine - das kann man getrost so sagen. Gegenwärtig läuft die sechste Zwingersanierung. Der Freistaat hat sich verpflichtet, den denkmalgeschützten Komplex über die Zeit für kommende Generationen zu pflegen und sichern.

Blick in den Innenhof des Dresdner Zwingers: Gegenwärtig läuft die sechste Sanierung des barocken Monuments.
Blick in den Innenhof des Dresdner Zwingers: Gegenwärtig läuft die sechste Sanierung des barocken Monuments.  © Steffen Füssel

Die Blicke der Touristen im Zwinger sprechen Bände: Enttäuschung pur. Der Glockenspielpavillon bleibt ihnen gegenwärtig verborgen. Bauplanen und Absperrungen nehmen ihnen die Sicht. An dem Meisterwerk machen sich Bauarbeiter zu schaffen.

"Wir erhalten den Wert des Gebäudes. Das passiert schon so seit Jahrhunderten", sagt Kai Uwe Beger (51). Er ist seit fünf Jahren Chef der Zwingerbauhütte.

Tatsächlich gleicht das monumentale Zwingerbauwerk seit seiner Entstehung einer Dauerbaustelle. Bemühungen zum Erhalt des Zwingers gehen bis in das 18. Jahrhundert zurück. Jedoch erst mit der Gründung der Zwingerbauhütte 1924 schaffte man es, dem Verfall des Gebäudekomplexes aus Elbsandstein Einhalt zu gebieten.

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Was kaum jemand weiß: "Im Zwinger sind nur noch wenige Stücke original", so Beger.

Die Zwingerbauhütte besitzt ein großes Archiv. Die ältesten auffindbaren Originale dienen den Steinmetzen heute als Vorlagen für ihre Arbeit.
Die Zwingerbauhütte besitzt ein großes Archiv. Die ältesten auffindbaren Originale dienen den Steinmetzen heute als Vorlagen für ihre Arbeit.  © Steffen Füssel

Team der Zwingerbauhütte kümmert sich zu zehnt um den Erhalt

Architekt Kai-Uwe Beger (51) leitet die Zwingerbauhütte. "Das ist mein Traumjob."
Architekt Kai-Uwe Beger (51) leitet die Zwingerbauhütte. "Das ist mein Traumjob."  © Steffen Füssel

Der enorme Erhaltungsaufwand hat ganz irdische Gründe. Wetter und Umwelteinflüsse setzen dem Sandstein, der aus der Sächsischen Schweiz stammt, zu. Der Stein verwittert im Freien. Eine Skulptur "hält" heute nur etwa 70 Jahre. Dann muss sie zwingend restauriert werden.

"Im Zwinger stehen heute Skulpturen, von denen weiß man, dass sie die vierte Generation darstellen", berichtet der Architekt Beger.

Die Bauhütte beschäftigt sich mit den Gebäuden des Zwingers als Ganzes. Sie ist somit auch für die Sandstein-Skulpturen und Fassaden des Semperbaus zuständig. Die Mannschaft der Hütte zählt insgesamt zehn Köpfe (Bildhauer, Steinmetze, Restauratoren). Drei von ihnen befinden sich in Ausbildung.

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Kai-Uwe Beger: "Die Ausbildung besitzt bei uns zentrale Bedeutung, denn wir geben die alten Handwerkstechniken an nachfolgende Generationen weiter."

Bildhauerin Bärbel Hempel (42) bei der Vermessung einer historischen Sandstein-Skulptur. Die Zwingerbauhütte hat den Anspruch, dass neu angefertigte Kopien von den Originalen kaum zu unterscheiden sind.
Bildhauerin Bärbel Hempel (42) bei der Vermessung einer historischen Sandstein-Skulptur. Die Zwingerbauhütte hat den Anspruch, dass neu angefertigte Kopien von den Originalen kaum zu unterscheiden sind.  © Steffen Füssel

Mitarbeiter der Zwingerbauhütte genießen höchstes Ansehen

Die Steinmetze der Bauhütte arbeiten mit handgeschmiedeten Werkzeugen und hölzernen Knüpfeln (F.r.): Wind und Wetter setzen dem Sandstein zu.
Die Steinmetze der Bauhütte arbeiten mit handgeschmiedeten Werkzeugen und hölzernen Knüpfeln (F.r.): Wind und Wetter setzen dem Sandstein zu.  © Steffen Füssel

Tatsächlich wird in der Zwingerbauhütte größtenteils gearbeitet wie vor 300 Jahren. Die Steinmetze besitzen handgeschmiedete Werkzeuge sowie hölzerne Knüpfel und verzichten auf den Einsatz von elektrischen Werkzeugen und Geräten. Wie zu Zeiten von Balthasar Permoser behauen sie den Sandstein, um Figuren im Stil des barocken Bildhauermeisters als Kopien herzustellen.

Warum diese Mühe? Kai-Uwe Beger: "Es ist unser Ehrgeiz und Anspruch. Unsere Bearbeitungsspuren sollen sich nicht von den historischen unterscheiden. Die Besucher begegnen dem Stein auf Augenhöhe. Sie würden selbst als Laien erkennen, wenn etwas mit einer Maschine bearbeitet wurde."

Bei ihrer Arbeit orientieren sich die Steinmetze dabei stets an den ältesten im Archiv zu findenden Originalen. Das Arbeitsziel der Hütte besteht klar darin, mehr zu erhalten als zu kopieren. Das hat vor allem zwei Gründe: Kopieren ist teurer als konservieren. Und aus Sicht des Denkmalschutzes hat Erhalt immer Priorität.

Darum genießen die Mitarbeiter von der Zwingerbauhütte auch allerhöchstes Ansehen.

Zum Transport von Steinblöcken nutzt man moderne Technik. Ansonsten wird in der Hütte handwerklich gearbeitet wie vor 300 Jahren.
Zum Transport von Steinblöcken nutzt man moderne Technik. Ansonsten wird in der Hütte handwerklich gearbeitet wie vor 300 Jahren.  © Steffen Füssel

Von der UNESCO geadelt

Die Zwingerbauhütte hat ihren Sitz auf der Packhofstraße in Dresden. Sie wurde 1924 gegründet. Nach Vollendung des Wiederaufbaus des Zwingers 1968 löste man die Bauhütte auf. Seine Wiedereinrichtung feierte der Betrieb im Juni 1991 als Teil der staatlichen sächsischen Hochbauverwaltung.

Neben der Bauwerkspflege gehört die Weitergabe von Fachwissen an Freiberufler, Fachfirmen, Denkmalschutzbehörden und Gästeführer zu den Aufgaben der Zwingerbauhütte.

Die Zwingerbauhütte trägt gemeinschaftlich mit 18 anderen europäischen Bauhütten den UNESCO-Titel "Immaterielles Weltkulturerbe."

Die Zwingerbauhütte hat ihren Sitz auf der Packhofstraße in Dresden.
Die Zwingerbauhütte hat ihren Sitz auf der Packhofstraße in Dresden.  © Steffen Füssel

Über allem steht eine riesige Behörde

Diplom-Kaufmann Oliver Gaber (53) ist Kaufmännischer Geschäftsführer vom Staatsbetrieb Immobilien und Baumanagement (SIB) des Freistaats Sachsen.
Diplom-Kaufmann Oliver Gaber (53) ist Kaufmännischer Geschäftsführer vom Staatsbetrieb Immobilien und Baumanagement (SIB) des Freistaats Sachsen.  © Tino Plunert

Die Zwingerbauhütte gehört zum Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement (SIB). Der SIB wiederum besitzt zentrale Bedeutung für den Freistaat. Er vertritt das Land Sachsen bei sämtlichen Immobilien-Geschäften und Bauprojekten.

Oliver Gaber, Kaufmännischer SIB-Geschäftsführer: "Das breite Aufgabenspektrum umfasst die qualifizierte Betreuung der Immobilien über deren gesamten Lebenszyklus hinweg." So bewirtschaftete der SIB 2022 eine Nettoraumfläche von rund 5,5 Millionen Quadratmetern mit mehr als 2900 Gebäuden für Justiz, Polizei, sächsische Verwaltung, Hochschulen und Kultureinrichtungen (Bewirtschaftungskosten: 239,5 Mio. Euro).

Im Geschäftsjahr 2022 realisierte der SIB mit seinen etwa 1300 Beschäftigten Bauleistungen in Höhe von 648,3 Mio. Euro und insgesamt 2154 Baumaßnahmen. Jahr für Jahr schiebt der Staatsbetrieb auch Projekte an, die für Aufsehen sorgen.

2023 gehörten dazu die Aussichtsplattform auf dem Basteifelsen, das Dresdner Blockhaus (Archiv der Avantgarden) und an der Uni Leipzig der Neubau des Instituts für Meteorologie. Eine Großbaustelle der Zukunft: Die Landesuntersuchungsanstalt in Bischofswerda.

Die neue Bastei-Aussicht zählt auch zu den Bauprojekten, die das SIB für den Freistaat gemanagt hat.
Die neue Bastei-Aussicht zählt auch zu den Bauprojekten, die das SIB für den Freistaat gemanagt hat.  © Thomas Türpe

Bei seinen Bauprojekten rückt der Freistaat jetzt Nachhaltigkeit und Energieeffizienz in den Fokus. Sogar in Blühwiesen wird jetzt im Staatsauftrag investiert - zum Beispiel am Finanzamt Chemnitz Süd, der Polizeifachschule Schneeberg oder den Theaterwerkstätten Semperoper.

Titelfoto: Steffen Füssel

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