Darf der "Mohr" noch so heißen? Museumsdirektor steht Rede und Antwort

Dresden - Die nervöse Diskussion über Dekolonisierung, Political Correctness, Antidiskriminierung und sensible Sprache hat längst auch die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) erreicht. Wir sprachen mit Dirk Syndram (66), dem scheidenden Direktor (geht Ende August in den Ruhestand), über die Situation im Grünen Gewölbe. Syndram hat jüngst ein Buch veröffentlicht: "Der Traum des Königs. Die Schätze des Grünen Gewölbes".

Der Kunsthistoriker Dirk Syndram (66) ist seit 1993 Direktor des Grünen Gewölbes.
Der Kunsthistoriker Dirk Syndram (66) ist seit 1993 Direktor des Grünen Gewölbes.  © Eric Münch

TAG24: Herr Syndram, immer öfter stehen Museen mit Beständen aus anderen Kulturen oder solche darstellend im Verdacht, kolonialistisch oder rassistisch zu sein. Wie stark steht das Grüne Gewölbe als Einrichtung der Staatlichen Kunstsammlungen im Fadenkreuz?

Dirk Syndram: Wir stehen sicher nicht, wie etwa die Ethnografischen Sammlungen, im Mittelpunkt dieses Diskurses. Aber natürlich geht er auch an uns nicht vorüber. Wir führen ihn selbst aktiv, wie die SKD im Ganzen. Es gibt seit einiger Zeit eine museumsübergreifende Anti-Diskriminierungs-AG in den SKD, die auch die Ausstellungen und ihre Präsentation im Blick hat. Im Grünen Gewölbe setzen wir uns seit 2004 mit dieser Problematik auseinander.

TAG24: Mit welchem Ergebnis?

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Syndram: An vorderster Stelle geht es um den Sprachgebrauch, also darum, eine antidiskriminierende Sprache in der Beschreibung und Benennung von Kunstobjekten zu finden, Stichwort Dekolonisierung. Wir sind dazu auch immer wieder im Gespräch mit der Duden-Redaktion. Vieles haben wir umgesetzt. Sie finden in der Benennung unserer Werke keinen "Zwerg" mehr, keinen "Zigeuner", auch das N-Wort ist getilgt.

TAG24: Anscheinend nehmen Sie diesen Diskurs sehr ernst.

Syndram: Wir nehmen ihn sehr ernst, mehr noch: Wir begrüßen ihn und führen ihn selbst. Ein Museum muss für alle gesellschaftlichen Fragen offen sein. Schließlich haben wir den Anspruch, im Zentrum der Gesellschaft zu wirken. Täten wir das nicht, wäre das Museum tot. Auf der anderen Seite dürfen wir einen Fehler nicht machen: die Vergangenheit nach den moralischen Kriterien von heute bewerten. Das wäre fatal.

Sind Stücke unrechtmäßig in den Besitz der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden gekommen?

Der sogenannte "Mohr" mit Smaragdstufe (hier mit Mineralien in einer künstlerischen Intervention im Jahr 2019).
Der sogenannte "Mohr" mit Smaragdstufe (hier mit Mineralien in einer künstlerischen Intervention im Jahr 2019).  © Thomas Türpe

TAG24: In der Regel zielt der Diskurs auf drei Aspekte: den unrechtmäßigen Besitz von Kunstobjekten, ihre unangemessene Darstellung und ihre eventuell unangemessene Benennung. Sprechen wir zuerst über den Besitz: Gibt es Stücke im Gesamtkomplex Grünes Gewölbe, die unter den Aspekten des Kolonialismus oder auf anderem Wege unrechtmäßig in die Sammlung gekommen sind?

Syndram: Das kann ich klar verneinen. Was speziell die Problematik des Kolonialismus anbetrifft, verhält es sich so, dass der Bestand des Grünen Gewölbes, des Historischen wie des Neuen, aus vorkolonialen Zeiten stammt. Die historische Sammlung beginnt um das Jahr 1572, als sich auch der Name "Grünes Gewölbe" erstmals urkundlich erwähnt findet, und endet mit dem Jahr 1738, als August III. Dinglingers Apis-Altar ankaufte. Einzelne Stücke kamen später noch dazu, sogar dieses Jahr noch, aber das ist in diesem Zusammenhang nicht von Bedeutung.

TAG24: Der europäische Kolonialismus, auch die Versklavung von Menschen, begann im Übergang zur Neuzeit, also weit vor dem von Ihnen genannten Zeitraum. Portugiesen und Spanier waren in Europa die ersten kolonialen Großmächte.

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Syndram: Wenn es eine postkoloniale Zeit gibt, von der man heute ausgeht, dann gab es auch eine präkoloniale. Die Verhältnisse zwischen dem 19. Jahrhundert, in dem sich Europa die Welt aufteilte, und dem 16. bis beginnenden 18. Jahrhundert, als man sich vor allem durch Handel die Welt erschloss, sind anders. Insbesondere, wenn man das Heilige Römische Reich betrachtet, zu dem das Kurfürstentum Sachsen gehörte.

Wissen die SKD bei jedem Ausstellungsstück, aus welchem Kulturkreis es stammt?

Diese Perlenträger-Figur weist die SKD-Online-Collection als "**** mit Perlschale" aus.
Diese Perlenträger-Figur weist die SKD-Online-Collection als "**** mit Perlschale" aus.  © SKD, Grünes Gewölbe/Jürgen Karpinski

TAG24: Aus welchen Kulturkreisen kommen die Stücke des Grünen Gewölbes?

Syndram: Abgesehen von einigen Jadearbeiten, die aus China kommen, stammt der Bestand beinah zu einhundert Prozent aus Europa, im Zentrum wiederum das Heilige Römische Reich deutscher Nation. Der Schatz im Grünen Gewölbe und die allermeisten seiner Objekte zeigen die Sicht Europas, in diesem Fall Sachsens, auf die Welt.

TAG24: Die meisten Stücke der Schatzkammer sind unter der Ägide von August II., dem Starken, und August III. in die Sammlung gelangt. Wie waren die Handelswege?

Syndram: Man hat erworben, was schön war oder als schön empfunden wurde. Gekauft wurde sehr häufig von reisenden Händlern in damaligen Luxusstädten, wie Nürnberg oder Augsburg, später gehörten Dresden und Leipzig zu den bevorzugten Handelsplätzen, besonders die Leipziger Messe. August der Starke ließ ankaufen vom Geheimrat Johann Georg Freiherr von Rechenberg, seinem Beauftragten für den Erwerb von Schatzkunst, und immer wieder kaufte er auch selbst.

TAG24: Waren Mittelsmänner und Kunsthändler über jeden Zweifel erhaben? Hat der Hof damals die Kunstobjekte betreffend schon so etwas wie Herkunftsrecherche betrieben oder ihnen blind vertraut?

Syndram: Provenienzrecherche, wie sie die SKD seit 2008 betreiben, ist ein relativ junger Forschungszweig. An so etwas war im Barock und auch viel später noch nicht zu denken. Die Verkäufer, mit denen der sächsische Hof Geschäfte machte, waren gut beleumundete, vertrauenswürdige Händler, die natürlich auch wussten, was bei Hofe gut ankam.

TAG24: Wissen Sie heute von jedem Stück, woher es ursprünglich stammt?

Syndram: Weitgehend wissen wir es. Dennoch kommt es manchmal zu Überraschungen, die sich aus der Forschung ergeben, wenn wir etwa herausfinden, dass ein Objekt eine unrichtige Zuschreibung erhalten hat. Nehmen wir als Beispiel die Büste der Venus im Grünen Gewölbe: Lange Zeit sind wir davon ausgegangen, dass der damalige sächsische Hofbildhauer Paul Heermann ihr Schöpfer war. Neuere Erkenntnisse legen ziemlich eindeutig dar, dass sie von Raymond Leplat in Italien für den Hof erworben wurde und von Francesco Ghinghi stammt. Derartige Vorgänge sind nicht ungewöhnlich in einem Museum, das auch Forschungseinrichtung ist. Es gehört zu unseren Kernaufgaben, das Wissen über unsere Sammlung ständig zu überprüfen und zu verbessern.

Political Correctness in Kunst und Museum notwendig?

Der scheidende Direktor Dirk Syndram (66) vor dem Dresdner Residenzschloss.
Der scheidende Direktor Dirk Syndram (66) vor dem Dresdner Residenzschloss.  © Eric Münch

TAG24: Zur Darstellung von Kunst: In der Zusammenarbeit von Balthasar Permoser und Johann Melchior Dinglinger entstanden einige goldbesetzte Skulpturen von Schwarzafrikanern, die jahrhundertelang als „Mohren“ in der Ausstellung firmierten. Vertreter der Political Correctness werden kritisieren, dass es sich dabei um einen Akt illegitimer kultureller Aneignung handele. Was würden Sie diesem Vorwurf entgegnen?

Syndram: Wir müssen uns bemühen, Geschichte aus ihrer Zeit heraus zu verstehen! Nur so erlangen wir ein Verständnis für den Fortgang der Dinge. Permoser hat sich sein Leben lang intensiv und dabei sehr positiv mit Menschen schwarzer Hautfarbe auseinandergesetzt. Es hat damals an den Höfen sogenannte "Kammermohren" gegeben. Das waren keine Sklaven, sondern Diener von hohem Renommee. Es gab also durchaus unmittelbare Erfahrungen mit schwarzen Menschen. Permoser zeigt sie in seinen Skulpturen in ihrer physischen Schönheit, und die Posen, die er wählte, zum Beispiel die eines Trommlers, waren häufig solche, wie wir sie auch von der Darstellung aus Europa stammender Figuren kennen. Es sind überaus respektvolle Darstellungen, natürlich immer aus dem Verständnis ihrer Epoche und europäisch gesehen.

TAG24: Ist das so? Prominentes Beispiel aus der genannten Werkgruppe ist der "'Mohr‘ mit der Smaragdstufe". Ein nackter schwarzer Mann, verhüllt mit Goldschmuck und Edelsteingehänge, einen Edelstein vor sich hertragend. Auf den ersten Blick das Klischeebild eines Schwarzafrikaners aus der Sicht weißer Europäer, könnte man sagen und einen Fall von rassistischer Zurschaustellung monieren.

Syndram: Dieser Einschätzung muss widersprochen werden, selbst angesichts der Tatsache, dass die historische Darstellung der Figur von Seiten des Künstlers nicht ganz korrekt ist: Die Tätowierungen, die die Skulptur am Körper hat und die Federkrone, die sie trägt, weisen sie als einen Adeligen einer indigenen Bevölkerung Amerikas im 16. Jahrhundert aus. Permoser hat ihr die Physiognomie eines Schwarzafrikaners gegeben. Die Smaragdstufe befindet sich seit 1581 in der Sammlung. Sie stammt aus Kolumbien. Als es damals darum ging, dass sie auf besondere Weise präsentiert werden sollte, entschied man sich dafür, die Herkunft zu betonen. Was wir sehen, ist folgendes: Ein stolzer Adeliger zeigt den Reichtum der Neuen Welt.

Muss der "Mohr" bei der Benennung von Straßen und Geschäften ersetzt werden?

TAG24: Zum Problem der Benennung: An vielen Orten in Deutschland gibt es Initiativen, den Begriff "Mohr“ in der Benennung von Straßen und Geschäften zu ersetzen, weil er als Variante des N-Wortes als diskriminierend empfunden wird. Muss nicht auch die "M-Skulptur" im Grünen Gewölbe eine neue Zuschreibung erhalten?

Syndram: Wenn Begriffe diskriminierend sind, müssen wir andere finden. Das ist seit vielen Jahren geübte Praxis bei uns. Bei den kleineren Figuren, von denen die Rede war, haben wir den Begriff "Mohr" durch "Afrikaner" ersetzt. Anders ist es beim "Mohr‘ mit Smaragdstufe". Es ist der überkommene Begriff, der dieses Werk bezeichnet, ähnlich der "Mona Lisa" oder anderer berühmter Werke. Wir behalten deshalb den Namen bei, diskutieren ihn aber auch und tragen Sorge dafür, den Besucherinnen und Besuchern den Kontext zu erläutern, zum Beispiel in der Werkbeschreibung im Audioguide.

TAG24: In der Online-Collection der SKD ist der Begriff mit vier Sternchen anonymisiert. Gebe ich den Begriff in der Suchfunktion ein, wirft mir der Algorithmus aber alle Objekte, die offiziell nicht mehr, aber intern offenbar immer noch so bezeichnet werden, aus. Ist das nicht Widerspruch in sich?

Syndram: Es wäre ein Fehler und ein Versäumnis, die entsprechenden Werke zu verstecken, sie unauffindbar zu machen. Wir wollen die Werktitel nicht einfach übermalen, das hieße, ihre Geschichte leugnen. Dennoch zeigen wir den Begriff nicht automatisch an, um niemanden zu diskriminieren. Übrigens: Bei geschätzt über zwei Millionen Objekten in den SKD sind durchaus noch nicht alle erforscht und in den richtigen historischen Kontext gestellt.

TAG24: In Ihrem neuen Buch „Der Traum des Königs“ wird der volle Name "'Mohr' mit Smaragdstufe" verwendet. Neben Ihnen fungieren die SKD als Mitherausgeber. Warum ist das Vorgehen im Buch ein anderes als bei der Online-Collection? Und wäre es am Ende nicht doch konsequenter, einen neuen Namen zu wählen, als um den alten jedes Mal einen Eiertanz aufführen zu müssen?

Syndram: Das Buch stammt aus meiner Feder, die Online Collection repräsentiert die SKD als Ganzes. Es macht ja keinen Sinn, im gedruckten Buch den Namen einfach zu überblenden. Online kann man aber innovative Lösungen finden.

TAG24: Was ist grundsätzlich aus diesem Diskurs für die künftige Museumsarbeit abzuleiten?

Syndram: Leitfaden für alle Museumstätigkeit kann nur der Respekt vor dem Anderen und seiner Kultur sein. Dass wir die Sammlung auf diskriminierende Inhalte hin prüfen und verändern, ist notwendig und richtig. Aber wir müssen uns auch darüber im Klaren sein, dass jeder Blick positionsbezogen ist. Die absolute Neutralität in der musealen Anschauung der Welt ist weder möglich noch wünschenswert. Insofern lässt sich die europäische und, wie in unserem Fall, besondere sächsische Sicht auf die Dinge nie ausklammern. Das sollte auch nicht unser Ziel sein. Für das Grüne Gewölbe wie für die SKD insgesamt ist wichtig, aus möglichst vielen Perspektiven auf die Welt zu schauen, Diversität zu pflegen. Die SKD sind durch den Reichtum ihrer historischen Sammlungen total divers. Wir müssen das in immer wieder kritischer Selbstbefragung zur Geltung bringen.

Titelfoto: Eric Münch

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